Biodiversitätsförderung – Artenvielfalt: In Mehrfamilienhausgärten liegt Potenzial brach

Unter einem Haufen aus verdorrten Ästen, Erde und Holz raschelt es. Der grüne Kopf einer Eidechse zeigt sich.
Annekäthi Frei und Peter Schiffhauer, die Mietende in dem Mehrfamilienhaus in Küsnacht (ZH) sind, sind sich nicht sicher, um welche Eidechsenart es sich handelt: eine Mauereidechse, die in der Schweiz oft vorkommt, oder doch eine weibliche Zauneidechse? «Wir hoffen auf Zauneidechsen, weil die seltener sind», sagt Annekäthi Frei.
Potenzial grösser als gedacht
Annekäthi Frei ist Tierärztin und Co-Geschäftsleiterin des Igelzentrums Zürich. Mit naturnahen Gärten kennt sie sich entsprechend aus.
Naturnaher Garten in Küsnacht (ZH)
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Bild 1 von 7. Auch dieser Baumstrunk bietet Verstecke für Tiere ... Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 2 von 7. ... genauso wie dieser Steinhaufen. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 3 von 7. Im Sandbereich können Eidechsen ihre Eier legen. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 4 von 7. Der kleine Teich muss zweimal wöchentlich neu befüllt werden, weil er sonst zur Brutstelle für Tigermücken wird. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 5 von 7. Ein Streifen mit verschiedenen Wildblumen wurde gesät. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 6 von 7. Die Idee für die Umgestaltung des Gartens kam von Mieterinnen und Mietern. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Bild 7 von 7. Auch Gemüse und Kräuter werden angepflanzt. Bildquelle: SRF / Livia Middendorp.
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Den Anstoss für die Umgestaltung des Gartens gab dann Nachbar Peter Schiffhauer. Daraus entstand ein gemeinsames Projekt, das alle Mieterinnen und Mieter mittragen. Die Gemeinde zahlte einen Beitrag an die Kosten, den Rest übernahm der Eigentümer.
Die Mieterinnen und Mieter stecken aber auch selbst viel Arbeit in den Garten, besorgen Material und eignen sich Wissen an.
Studien zeigen, dass diese Flächen die Funktion der Biodiversitätsförderung übernehmen könnten, wenn sie anders bewirtschaftet werden.
Etwa über einen Haufen aus verdorrtem Gartenmaterial, der nicht besonders schön anzusehen ist. «Das ist wohl das kostbarste Element des Gartens», erklärt Peter Schiffhauer. «Ein sogenannter Naturkompost aus Holz, Gras und weiterem Abfall der Gärten. Hier drin überwintern dann etwa Igel, Schlangen oder Eidechsen.»
Dass das Potenzial dieser Flächen rund um Mehrfamilienhäuser für die Biodiversitätsförderung um ein Vielfaches grösser ist als bisher angenommen, hat Daniel Baur, Professor für Landschaftsarchitektur und Städtebau an der Berner Fachhochschule, festgestellt. Gerade auch, weil die Flächen zusammenhängen: «Unsere Studien zeigen, dass diese Flächen die Funktion der Biodiversitätsförderung übernehmen könnten, wenn sie anders bewirtschaftet werden.»
Ein Wechsel lohne sich auch wirtschaftlich, so Daniel Baur: «Wir haben zusammen mit den Immobilienfirmen den Aufwand berechnet und festgestellt, dass sie einen Minderkostenbetrag von etwa 4.3 Millionen haben, weil ein grosser Teil des Unterhalts, wie das Mähen der Flächen, wegfällt.»
«Hässlich», aber ökologisch wertvoll
In Küsnacht haben sich die Nachbarinnen und Nachbarn an den Anblick des Naturkomposts erst gewöhnen müssen. Direkt daneben steht ein Kirschlorbeer, eine invasive Art, deren Verkauf in der Schweiz inzwischen verboten ist.
«Da steht ein Neophyt neben diesem tollen Element. Einige denken sich wohl, was dieser scheussliche Haufen neben dem schönen, grünen Strauch soll», sagt Annekäthi Frei. «Dass es ökologisch genau umgekehrt ist, muss man erst lernen zu verstehen.»
Steinhaufen, Sand, ein Baumstrunk, Streifen mit Wildblumen, Sträucher: Weitere solche Elemente zieren den Garten. Ein naturnaher Garten enthält verschiedenste Pflanzenarten und bietet Verstecke und Nahrung für Tiere. Damit diese überwintern können, darf jetzt im Herbst nicht zu stark aufgeräumt und zurechtgestutzt werden.
Es soll auch Freude machen
Bei aller Liebe zu Tieren und Pflanzen betonen Annekäthi Frei und Peter Schiffhauer aber auch, dass auf die verschiedenen Bedürfnisse im Haus Rücksicht genommen werden müsse.
So findet man auch einen Sitzplatz mit Grill und ein Stück Rollrasen im Garten. Und sogar etwas Exotischeres: einen Olivenbaum. Ein Nachbar habe sich ihn gewünscht, sagt Peter Schiffhauer: «Der wird jetzt auch gepflanzt. Schliesslich soll der Garten auch Freude bereiten.» So sei der Garten nun zumindest zu 90 Prozent naturnah.
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