Was die energetische Sanierung von Häusern beschleunigen könnte
Reportage
Energieeffizienz von Häusern Durchsanieren in 22 Tagen
Stand: 29.08.2026 • 08:29 Uhr
Millionen Häuser könnten energetisch saniert werden. Doch Eigenheimbesitzer sind oft zögerlich: Hohe Kosten, unkalkulierbare Risiken und die Aussicht auf monatelange Baustellen schrecken viele ab. Doch muss das sein?
Bauingenieur Ronald Meyer ist spät dran. Verzögerungen auf der Autobahn von Leipzig nach Berlin. Verspätungen, Stillstand, Wartenlassen: eigentlich absolutes No-Go für ihn. "Es eine Regel, dass wir jedes Problem innerhalb von 30 Minuten gelöst haben müssen", sagt er. "Also wirklich jedes Problem."
Nun hantiert Meyer im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses im brandenburgischen Hennigsdorf im Speckgürtel Berlins. Die Eigentümer, ein junges Paar mit Kind, wollen das Haus sanieren lassen. Energieeffizient, modern, möglichst günstig - und möglichst schnell. Noch vor dem kommenden Winter soll alles fertig sein. Ein ambitioniertes Ziel.
"Preise sind unnötig hoch"
Für Bauingenieur Meyer ist das Haus eine Etappe in einem langen Kampf gegen den Stillstand. Es gebe einen Sanierungsstau in Deutschland, sagt er. Trotz Fördermitteln, trotz hoher Energiekosten. Eine Sanierung sei oft ein schwer kalkulierbares finanzielles Risiko.
Das schrecke viele Eigenheimbesitzer ab. "Die Preise sind unnötig hoch. Die Leute können und wollen das nicht bezahlen", sagt Meyer. Die Sanierungsquote in Deutschland sei inzwischen auf 0,7 Prozent pro Jahr gesunken. "Wir brauchen aber zwei Prozent allein um die Immobilien im Wert zu erhalten", so Meyer.
Hier, im Wohnzimmer in Hennigsdorf, haben sich rund ein Dutzend Fachleute eingefunden: Heizungsbauer, Energieberater, Solarinstallateure sowie Vertreter der Baubehörde. Normalerweise macht jeder in der Branche sein Ding. Meyer will das ändern, alle Gewerke miteinander verzahnen. Das Ziel: mehr Effizienz, weniger Leerlauf. Und somit am Ende auch niedrigere Kosten für Eigentümerinnen und Eigentümer.
Verspätungen sind verboten
Sein Konzept: ein "Sanierungssprint". Zwischen Beginn und Ende der Bauarbeiten dürfen maximal 22 Tage liegen. Alles ist genau getaktet. Und Verspätungen eben verboten. "Die Baustelle darf sich nicht verzögern", ist so etwas wie ein Mantra für Meyer.
Meyers Plan fußt auf einer wenig schmeichelhaften Analyse des eigenen Gewerbes. "Wir sind auf unseren Baustellen in Deutschland im Schnitt nur zu 30,9 Prozent produktiv", so Meyer. Die Zahl hat er selbst recherchiert, auf Baustellen und in Fachliteratur.
Die meiste Zeit seien die Fachkräfte mit anderen Dingen beschäftigt: Material beschaffen, Abläufe besprechen oder sie seien einfach "abwesend", so der Bauingenieur. Er will so viel Arbeitszeit wie möglich aus den verbleibenden 69,1 Prozent herausholen.
Wird auf Baustellen Zeit und Geld verschwendet?
Bereits als Berufsanfänger vor 30 Jahren habe er auf den Baustellen jeden Tag gesehen, wie Zeit - und damit Geld - verschwendet worden sei. "Auf solchen Baustellen habe ich auch keine Lust zu arbeiten", habe er sich gesagt.
Manchmal reagierten die Leute pikiert und fragten ihn: "Willst du uns jetzt erzählen, dass wir unseren Job seit 30 Jahren falsch machen?", erzählt er. Meyer lächelt: "Ich sage dann: ja.". Als Beleg kann er reihenweise Zahlen vortragen: Zeiten für jeden Arbeitsschritt, Stundenlöhne von Fachkräften, Produktivitätsdaten aller möglichen Branchen. Die Welt der Zahlen ist sein Metier.
Ja, er wolle mit dem Konzept des Sanierungssprints Geld verdienen, sagt er. Ja, auch Klimaschutz treibe ihn an. Und ja, er wolle beweisen, dass Sanieren in Deutschland eben auch anders gehe als mit monatelanger Baustelle im eigenen Haus.
Sanieren als Fließbandprozess
Wenn man ihm zuhört, bekommt man aber schnell den Eindruck, dass Meyer noch etwas ganz anderes antreibt: Perfektionismus. Eine Sanierung bestehe - je nach Haus - aus rund 200 einzelnen Arbeitsschritten.
Meyer hat sie alle erfasst, katalogisiert und kann sie in seinem minutiösen Bauplan nach Bedarf hin- und herschieben. Auch die Kosten sind somit sehr genau abschätzbar. "Mir macht das einen höllischen Spaß, so einen Bauprozess einzutakten", sagt Meyer. Am Ende steht ein exakter Plan, was wann zu tun ist. Die Handwerker müssen diesen dann "nur noch" abarbeiten.
Manches ist minutengenau getaktet
In seinem Konzept halten sich alle Gewerke an einen eng gesteckten Zeitplan mit festen Terminen für Zwischenabnahmen, teils minutengenau getaktet. Im Wohnzimmer in Hennigsdorf kommen einige kritische Nachfragen von den örtlichen Handwerkern. Aber es gibt auch Zuspruch.
Ludwig Platz etwa hat einen Meisterbetrieb für Heizung, Klima, Sanitär. Wärmepumpen sind sein Hauptgeschäft. Er erzählt: vor ein paar Jahren hat er vor der Küste große Windanlagen mitaufgebaut. Das dauerte mitunter ewig, es gab Verzögerungen - und es wurde teuer.
Irgendwann kam eine neue Order aus der Zentrale: Eine Windanlage pro Tag sollte nun errichtet werden, nach festen Prozessen. Routine durch tägliche Wiederholung. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass es klappt", sagt Platz.
"Man kann intelligenter arbeiten"
Die Idee sei für ihn etwas gewesen, was sich Leute in ihren Büros ausgedacht hätten. Wirklichkeitsfern. "Wir haben gesagt: im Leben nicht." Am Ende habe es aber doch geklappt. Manchmal seien sie sogar noch schneller gewesen.
Platz sagt, er habe daraus gelernt: "Prozessmanagement funktioniert überall." Effizienzgewinn sei auch nicht automatisch Ausbeutung. "Es muss keiner mehr oder härter arbeiten, aber man kann intelligenter arbeiten." Er glaubt, das Prinzip könne auch bei Eigenheimsanierungen gut funktionieren.
Wenn nichts dazwischenkommt. Unvorhersehbare Sachen, zum Beispiel. "Du bohrst irgendwo rein und auf einmal kommt dir die halbe Decke entgegen", sagt Platz. Dann gerate der ganze Bau doch noch ins Stocken. In Hennigsdorf aber laufen die Planungen weiter. Die Sanierung soll noch in diesem Jahr losgehen.
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