Todesstrafe in den USA: Staat und Spektakel

Der fehlgeschlagene Versuch, die Mörderin Christa Pike hinzurichten, zeigt die ganze Grausamkeit der Todesstrafe. Wir dürfen uns nicht damit abfinden.
V or gut einer Woche, am 30. September, sollte im US-Bundesstaat Tennessee die verurteilte Mörderin Christa Pike hingerichtet werden. Doch Pike überlebte die Verabreichung von zwei Dosen des starken Schlafmittels Pentobarbital. Gouverneur Bill Lee ordnete daraufhin eine unabhängige Überprüfung an und setzte alle Hinrichtungen bis Jahresende aus. Der Staat Texas hingegen tötet weiter, am vergangenen Mittwoch wurde ein verurteilter Raubmörder mit Pentobarbital umgebracht.
Ein paar Stunden nach dem Welttag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober zeigt sich beim Blick in die USA einmal mehr: Wer im Namen des Rechts tötet, macht den Rechtsstaat zur grausamen Farce. Insbesondere wenn, wie von US-Verteidigungsminister Hegseth angekündigt, eine Hinrichtung durch Erschießen des Attentäters Nidal Hassan demnächst so ablaufen solle, „dass die Öffentlichkeit das mitverfolgen kann.“
„Menschen zu töten ist absolut verboten, genauso wie Folter, und das gilt auch für den Staat“, sagt die Philosophin Imke von Maur dazu der taz. Eine Ausnahme sei allein akute Notwehr.
Mit der Tötung eines Menschen nehme sich der Staat ein Recht heraus, das er sonst jedem verbiete, und widerspräche sich damit selbst. Hinzu käme: Wer hingerichtet wurde, kann nicht mehr freigesprochen werden, und Justizirrtümer gibt es auch in den USA einige.
In zweifacher Weise schuldig
Die heute fünfzigjährige Pike sollte für den Mord an Colleen Slemmer hingerichtet werden, den sie als Achtzehnjährige beging. Dazwischen liegen rund 30 Jahre im Todestrakt, in denen der Staat sie täglich auf ihre Hinrichtung warten ließ. Anträge ihrer Verteidigung zogen das Verfahren in die Länge, doch das ändert nichts daran, wer sie all die übrigen Jahre in dieser Ungewissheit hielt.
Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus beschrieb in seinen „Betrachtungen zur Guillotine“ (1957) diese Barbarei: Der Staat quält die Verurteilten mit der Aussicht auf die Hinrichtung, bevor er sie tötet. Kein Mörder kündigt seinem Opfer den Tod an und hält es monatelang gefangen, schreibt Camus. Der Staat bestraft erst durch das jahrzehntelange Warten, tötet anschließend und macht sich damit in zweifacher Weise schuldig.
Auch gegenüber den Hinterbliebenen hält der Staat nicht, was er verspricht. Keine Hinrichtung bringt Colleen Slemmer zurück. Dass Angehörige der Opfer Vergeltung wollen, ist zutiefst menschlich. Doch der Staat verheißt diese Genugtuung und liefert stattdessen Jahrzehnte, in denen die Tat immer wieder neu verhandelt wird.
Aber nicht nur das Warten ist grausam, auch die Hinrichtung selbst. Bei Pike wie auch schon früher gelingt dem Staat das Töten nicht beim ersten Mal. Im Mai 2026 wurde bei einem Verurteilten eine Stunde lang nach einer geeigneten Vene für die tödliche Injektion gesucht; die Hinrichtung wurde schließlich verschoben.
Wie auf mittelalterlichen Dorfplätzen
Auch bei Pike wurde keine geeignete Vene gefunden; sie wurde im Krankenhaus behandelt und befindet sich inzwischen wieder im Gefängnis. Sie ließ mitteilen, sie sei sehr dankbar für die Arbeit der Ärzte im Krankenhaus.
Heilen, um zu töten – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Den Ärzt:innen kann man keinen Vorwurf machen, denn sie handeln nach ihrem Berufsethos. Umso fassungsloser macht es, in welche Lage der Staat sie damit bringt.
Während Tennessee nun eine Pause mit dem Töten einlegt, macht Texas wie gesagt weiter. Und wenige Tage nach der misslungenen Hinrichtung von Pike genehmigte Präsident Donald Trump die Hinrichtung von Nidal Hasan, einem früheren Armeepsychiater, der 2009 auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas 13 Menschen erschoss. Die umstrittene Live-Übertragung seiner Hinrichtung kommt einem barbarischen Spektakel auf mittelalterlichen Dorfplätzen gleich, Zeiten, in denen die Menschenrechte noch kein Begriff waren.
Die Perversität, dass der Staat tötet, obwohl er das Töten verbietet, steigert sich derzeit von Fall zu Fall. Am Ende steht eine Spritze, die nicht wirkt, oder ein Schauspiel fürs Internet. Der Staat, der das friedliche Zusammenleben garantieren soll, wird zum Broadcaster der Grausamkeit.
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