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Wednesday, October 21, 2026

Zweitmeinung einholen: Für A. (38) ist das «wie Verrat»

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«Ich finde, der Zahnarzt ist etwas sehr Intimes», beschreibt Aargauer A.J.* seine Erfahrung, als er sich nach einer Zahnbehandlung eine Zweitmeinung einholte. «Für mich ist das ein bisschen wie Verrat.» Deshalb hielt der 38-Jährige lange durch, obwohl er nach einer Füllung immer wieder Schmerzen hatte.

Wann würdest du dir vor einer Zahnbehandlung eine Zweitmeinung holen?

Zwischen zwei Zähnen blieb damals ein Spalt, in dem sich beim Essen Resten verfingen und gegen das Zahnfleisch drückten. J. ging mit seinen Beschwerden in seine damalige Praxis. Dort hiess es, man könne wenig daran ändern. Als Alternative sei eine deutlich teurere Behandlung zur Sprache gekommen. «Sie sollte etwa 3000 Franken kosten und man konnte mir nicht garantieren, dass das Problem damit verschwindet.» Nach rund einem Jahr fragte er schliesslich in einer anderen Praxis nach einer Zweitmeinung.

Auch C.B.* (48) machte diesen Schritt. Ihre Zahnärztin diagnostizierte acht Löcher, die gefüllt werden sollten. B. habe ein Satz irritiert, den sie während des Termins überhörte: «Die Zahnärztin meinte zur Arzthelferin, die Kosten würde ohnehin das Sozialamt begleichen, sie verstehe mein Zögern nicht.» B. besuchte daraufhin eine andere Praxis.

Bei umfangreichen Eingriffen rät die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft, vorher eine zweite Einschätzung einzuholen.

Bei umfangreichen Eingriffen rät die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft, vorher eine zweite Einschätzung einzuholen.Getty Images

Wöchentliche Anfragen an Patientenorganisation

Die Erlebnisse von A.J. und C.B. sind keine Einzelfälle: Die Schweizerische Patientenorganisation (SPO) erhält nach eigenen Angaben jede Woche mehrere zahnmedizinische Anfragen von Patientinnen und Patienten zu vermuteten Fehlbehandlungen, unklaren Rechnungen, Zweitmeinungen, Fällen mit stark unterschiedlichen Behandlungsplänen oder Kostenvoranschlägen. Sandra Dutler, Beraterin Zahnmedizin bei der SPO, findet: «Patienten sind zu Recht kritischer geworden. Es lohnt sich, vor einer Behandlung immer einen schriftlichen Kostenvoranschlag zu verlangen!»

Gleicher Patient, unterschiedliche Diagnosen

Wie gross der Spielraum sein kann, zeigt ein Schweizer Feldexperiment. Ein Testpatient besuchte 180 zufällig ausgewählte Praxen im Kanton Zürich. Er hatte eine einzige oberflächliche Kariesstelle im Zahnschmelz, die laut Studienanlage nicht invasiv, also nicht mit einer Füllung, behandelt werden sollte. Trotzdem empfahlen 50 der Praxen mindestens eine Füllung – manche bis zu sechs. Die Forschenden werteten diese Empfehlungen als Überbehandlung.

Es gibt Zahnärzte, die ‹portemonnaiegesteuert› planen.

Dr. med. dent. Patrick Schmidlin

Warum zwei Zahnärzte anders entscheiden können

Unterschiedliche Behandlungspläne bedeuten nicht immer automatisch, dass einer davon falsch ist. Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) betont: «Es gibt keine zahnärztliche Leistung von der Stange.» Entscheidend seien etwa Zustand und Prognose des Zahns, Mundhygiene, Kosten und die Wünsche der Patientin oder des Patienten. Aber: «Unnötige Behandlungen, besonders aus wirtschaftlichen Motiven, sind inakzeptabel.»

Auch Dr. med. dent. Patrick Schmidlin, Professor am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich, spricht das Thema an. «Es gibt auch unter Zahnärzten solche, die ‹portemonnaiegesteuert› planen und nicht danach, was tatsächlich nötig ist.»

Wo für den Arzt die medizinische Grenze liegt, formuliert er deutlich: «Wenn der Zahn mit einfachen Mitteln therapiert oder prophylaktisch angegangen werden kann, ist das immer das Mittel der Wahl. Alles andere ist eine Übertherapie.» Gleichzeitig gebe es mehrere Behandlungswege. Dazu könne auch gehören, zunächst nichts zu tun und abzuwarten. Man müsse nicht jeden kariösen Zahn ziehen oder eine Brücke anfertigen. «Wenn vermittelt wird, man müsse zwingend eine bestimmte – vor allem teure und aufwendige – Behandlung machen, würde ich hellhörig werden.»

Wann eine Zweitmeinung sinnvoll ist

Die SSO empfiehlt eine Zweitmeinung vor umfangreicheren Behandlungen oder wenn man sich unsicher fühlt. Ähnlich sieht es die SPO: «Bei umfangreichen oder kostspieligen Behandlungen empfehlen wir klar, eine Zweitmeinung einzuholen. Es ist wichtig, dass Patienten genau verstehen, was für eine Behandlung geplant ist, welche Kosten abgedeckt sind und welche Komplikationen bei der Behandlung auftreten könnten.» Dr. med. dent. Schmidlin stimmt zwar zu, findet aber: «Medizin ist Vertrauenssache.» Eine Zweitmeinung sei zwar legitim. Ist das Misstrauen aber gross, hält er einen Praxiswechsel für sinnvoller.

«Ich war sowas von erleichtert. Nach 20 Minuten Eingriff waren die Schmerzen weg.»

A.J. holt nach einem Jahr eine Zweitmeinung bei einem anderen Zahnarzt ein.

«Mein Arzt diagnostizierte zwei statt acht Löcher»

In der neuen Praxis von A.J. schaute sich ein zweiter Zahnarzt den Grund für die Schmerzen des Aargauers an. Dieser habe ihm gesagt, die Füllung hätte besser gemacht werden können. Die Korrektur dauerte laut J. nur rund 20 Minuten und kostete nach seiner Erinnerung 60 bis 80 Franken. «Ich war sowas von erleichtert. Ich hatte ein Jahr lang echt Schmerzen.»

Auch C.B. hat nach der Zweitmeinung eines anderen Zahnarztes die Praxis gewechselt. Der neue Arzt diagnostizierte statt acht nur zwei Löcher. «Inzwischen gehe ich seit zehn Jahren zu ihm und hatte bisher keine weiteren Löcher.»

*Namen der Redaktion bekannt

Hast du für eine Zahnbehandlung schon sehr unterschiedliche Zweitmeinungen oder Offerten erhalten? Erzähl uns davon!

Malin Mueller

Malin Mueller (mmu) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin Lifestyle und Beauty-Redaktorin. Ihr Fokus: Hautpflege, Frisuren und Trend-Checks.

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