Sturzflut in Nepal und Tibet – Warum es zur Katastrophe kam: Die Erkenntnisse der Wissenschaft

Die Bilder sind brachial, und bleiben hängen. Eine monsterhafte Welle. Menschen, die wie winzige Ameisen wirken, während sie fliehen. Die wissenschaftlichen Zahlen, die man sonst gerne nüchtern nennt, sind nicht weniger heftig. Geschätzt 200 Millionen Kubikmeter Material – Fels, Eis, Schlamm und Wasser – sind in Nepal zu Tal gestürzt. Wohl zehn bis zwanzigmal so viel wie bei der Katastrophe von Blatten.
Dahinter steht in Nepal ein riesenhafter Felssturz auf etwa 5000 Metern Höhe, der noch dazu grosse Eismassen eines Gletschers mit nach unten riss.
Schwindender Permafrost
Britische Forscher betreiben vor Ort, ganz in der Nähe, ein Temperaturmonitoring in einem See auf ebenfalls 5000 Metern Höhe. Boden und Wasser hatten gerade in diesen Tagen, berichten sie, die Höchsttemperaturen des Jahres erreicht. Seit Jahrzehnten ist für die ganze Region zu beobachten, wie die Temperaturen durch den Klimawandel steigen.
Das heisst, die Temperaturen waren nicht nur am Höhepunkt dieses Jahres angelangt, sondern auch im Mittel höher als in vergangenen Jahren. Das hat – natürlich – die Folge, dass der Permafrost langsam schwindet. Und je mehr der Permafrost auftaut, geschieht im Fels das, was in jeder anderen alpinen Region im Moment auch geschieht: Wasser dringt in immer höher gelegene Felsformationen ein, in den Spalten und Ritzen entsteht dadurch hoher Druck, der den Fels destabilisiert.
Es gilt zu betonen, dass es viel zu früh ist, um genau zu sagen, was in den Wochen, Tagen, Stunden und Minuten vor dem Unglück genau im Fels passiert ist. Vor Ort spielen auch grössere Verwerfungen und Brüche im Gestein eine Rolle, die nichts mit Temperatur, Eis oder Klimawandel zu tun haben.
Eine hochgefährliche Gemengelage
Aber der Felssturz passt ins Bild eines Gebirges, das sich wegen des Klimawandels schnell verändert. Felswände, die abbrechen, und Gletscher, die mit ins Rutschen kommen – das war das Muster von Blatten und auch von einer Sturzflut im Jahr 2021 am Chamoli-Gletscher in Indien, wo 27 Millionen Kubikmeter Material fast 2000 Höhenmeter weit ins Tal stürzten.
Zum Klimawandel in der Himalaja-Region gehört auch, dass sich dort, wo Gletscher abschmelzen, zahllose neue Seen bilden, die häufig instabil sind. Mehr als 200 davon gelten in der gesamten Himalaja-Region als hochgefährlich. Eine Studie zählte ein gutes Dutzend mehr oder minder grosser Blitzfluten durch solche Seen in Nepal in den vergangenen Jahrzehnten. Die Risiken für die Menschen werden folglich nicht kleiner.
Katrin Zöfel
Wissenschaftsredaktorin
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Katrin Zöfel ist Wissenschaftsjournalistin bei SRF. Sie ist Biologin und spürt gerne den Fragen nach, die der wissenschaftliche Fortschritt unserer Gesellschaft stellt.
Glückskette macht Spendenaufruf
Box aufklappen Box zuklappen
Angesichts der Sturzflut in Nepal und Tibet sammelt die Glückskette Spenden für die betroffene Zivilbevölkerung. Tausende Haushalte benötigen Hilfe. Die Glückskette ruft zur Solidarität auf.
Spenden können über den hier eingeblendeten QR-Code oder unter www.glueckskette.ch getätigt werden.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.