Empörung und Dementi: Das sagen Regierung und Opposition in Athen zu angeblichen Berichten über Regierungswechsel durch die USA von US-Botschafterin
Die Beziehung zwischen Griechenland und der US-Diplomatie war in der Vergangenheit alles andere als einfach. Mehrere amerikanische Botschafter in Athen, wie zum Beispiel John Peurifoy oder Henry Taska, sollen sich nicht wie Diplomaten, sondern wie die eigentlichen Herrscher des Landes verhalten haben. Sie sollen sich massiv in innenpolitische Angelegenheiten eingemischt haben und die griechische Demokratie untergraben haben. Dafür entschuldigte sich der US-Präsident Bill Clinton bei seinem Besuch in Athen im November 1999.
Im 21. Jahrhundert sollte so etwas nicht mehr vorkommen, sollte man meinen. Doch laut einem Bericht des Wall Street Journals (WSJ) hat die US-Botschafterin in Griechenland Kimberly Guilfoyle bei einem Abendessen im März in Athen genau das gemacht. Dem Bericht zufolge soll Guilfoyle bei dem Dinner, bei dem unter anderen der griechische Energieminister Stavros Papastavrou anwesend war, auf den erwarteten Zusammenbruch der rumänischen Regierung verwiesen und gesagt haben: "Wir können das mit jedem Land machen, in dem wir das wollen - wir können das auch hier machen." Laut der Zeitung habe Papastavrou erwidert, dass die USA keine von der Bevölkerung gewählte Regierung ersetzen könne. Daraufhin sei es zu einem hitzigen Wortgefecht gekommen.
Die seltsame Prophezeiung
Zwei Wochen nach diesem Abendessen reiste die US-Botschafterin nach Bukarest. Und wenige Monate später zerbrach die Regierungskoalition in Rumänien. Es passierte also, was beim Abendessen in Athen Thema gewesen war: Die rumänische Regierung fiel. Dass die USA einen Einfluss darauf hatten, ist nicht belegt - aber auch nicht das Gegenteil.

Nach der Veröffentlichung des Berichts im Wall Street Journal am 25. September ließ Botschafterin Guilfoyle durch ihren Anwalt die Darstellung der Zeitung dementieren.
Die griechische Regierung wies die Darstellung ebenfalls zurück, allerdings erst nach drei Tagen. Regierungssprecher Pavlos Marinakis erklärte, es habe zu keinem Zeitpunkt eine Drohung gegen die Regierung gegeben.
Die Financial Times wiederum hat inzwischen den Kern des Berichts mit einer eigenen Quelle bestätigt.
Zwischen Vogue-Cover und Wirtschaftseinmischung
Schon vor der Dinner-Debatte hatte Kimberly Guilfoyle in Griechenland für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt.
Die New York Times schrieb Anfang 2026, sie sei seit ihrer Ernennung zur Botschafterin Ende 2025 zum "Stadtgespräch von Athen" geworden und sei noch spät im Hauptstadt-Nachtleben anzutreffen. Im November 2025 schaffte Guilfoyle es sogar auf das Cover der griechischen Vogue.

Die 56-jährige Ex-Staatsanwältin, Ex-Fox News-Moderatorin und Ex-Verlobte von Donald Trump Jr. gilt als enge Vertraute des US-Präsidenten und pflegt einen ähnliche Kommunikationsstil mit den Mitgliedern der griechischen Regierung wie der US-Präsident mit aller Welt. So soll sie einen direkten Draht zu vielen griechischen Ministern pflegen. Sie mischt sich außerdem persönlich in Geschäfte ein, vor allem im Energiebereich, und pflegt öffentlich enge Beziehungen zu bestimmten griechischen Unternehmen.
Kampfansage an die Chinesen
Eines ihrer Themen ist der Hafen von Piräus. Während der griechischen Finanzkrise verpachtete die Hafenbehörde den Hafen 2009 für 35 Jahre an das chinesische Staatsunternehmen China Ocean Shipping Company (COSCO). Damit hat China die Kontrolle über einen der wichtigsten Häfen im östlichen Mittelmeer.
Das schmeckt der USA und ihrer Botschafterin nicht. Im Februar 2026 sagte Guilfoyle, dass man einen weiteren Hafen bauen müsse, "um den chinesischen Interessen in Piräus entgegenzuwirken". Sie werde dafür kämpfen, jeden Tag, und "ohne sich dafür zu entschuldigen".

Guilfoyle wiederholt immer wieder, dass sie "Tag und Nacht" für die amerikanischen Interessen in der Region kämpfe. Neben dem Hafen setzt sie sich dabei vor allem für den sogenannten "Vertikalen Korridor" ein. Durch diesen Korridor soll US-amerikanisches Flüssiggas von Griechenland aus weiter nach Europa transportiert werden.
Die griechische Regierung unterstützt dieses Vorhaben. Der Korridor sei ein äußerst wichtiges Projekt, das die Energiesicherheit stärke und die Rolle Griechenlands bei der Energieversorgung anderer Länder aufwerte, betonte Regierungssprecher Pavlos Marinakis erst vor Kurzem.
"So was werden wir niemals dulden"
Als Marinakis am 28. September gebeten wurde, sich zu dem WSJ-Bericht zu äußern, betonte er, dass die Beziehung zwischen Griechenland und den USA heute "enger und stabiler denn je" sei, und sprach von einer strategischen Partnerschaft, die auf gegenseitigem Respekt beruhe.
Angesprochen auf das angebliche Gespräch zwischen Energieminister Papastavrou und Botschafterin Guilfoyle sagte Marinakis, es sei zu keinem Zeitpunkt um eine Bedrohung der griechischen Regierung gegangen - "so etwas würde auch niemals geduldet werden".
Keine "Blankoschecks" gegenüber den USA
Mit dieser Aussage konnte Marinakis die empörten Oppositionsparteien, die eine kritischere Stellungnahme von der Regierung erwartet hatten, nicht überzeugen.
Die sozialdemokratische Panhellenische Sozialistische Bewegung (PASOK) betonte, Griechenland sei eine "unabhängige und souveräne Demokratie" und müsse als solche "gegenüber allen, ohne jede Ausnahme" handeln.
Die Griechische linke Koalition (ELAS), das im Mai gegründete linke Bündnis von Ex-Premier Alexis Tsipras, wies auf die Gefahr einer Politik des "selbstverständlichen Verbündeten" hin und von "Blankoschecks" gegenüber den USA. So seien "rote Linien" in der Beziehung Griechenlands zu den USA "dringend notwendig".
Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) bekräftigte ihre Ablehnung gegenüber den Plänen für das US-amerikanische Flüssiggas-Projekt und kündigte Demonstrationen an während des bevorstehenden Besuchs des US-Außenministers Marco Rubio in Athen vom 6. bis 8. Oktober.
"Ein Land wird geopolitisch nicht stärker, indem es seine Abhängigkeit von einer Großmacht vergrößert, insbesondere wenn diese Großmacht die Diplomatie offen durch wirtschaftliche Interessen ersetzt hat", erklärte der unabhängige Abgeordnete Alexis Charitsis in einem Beitrag auf X.
Die große Empörung über den Vorfall ist in der griechischen Öffentlichkeit allerdings bislang ausgeblieben.
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