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Thursday, October 29, 2026

65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen – die Altersarmut der Gastarbeiter

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Der Ort war bewusst gewählt: Am Düsseldorfer Flughafen dankte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Henrik Wüst Mitte September mit einem Festakt den Menschen, die dort 65 Jahre zuvor aus dem Flieger gestiegen waren. Den Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern der ersten Generation, die das Abenteuer gewagt, ihre Heimat zurückgelassen und am Ende ihren Teil zum Wohlstand der Bundesrepublik beigetragen hatten.

Allein 870.000 Türkinnen und Türken waren es bis zum Anwerbestopp 1973 – sie schufteten in den Bergbauzechen, leisteten Akkordarbeit an den Fließbändern oder putzten die Fabrikhallen. Die meisten von ihnen blieben und fanden in Düsseldorf, Köln oder Duisburg ihr neues Zuhause. "Sie haben unser Land vielfältiger, offener und stärker gemacht", lobte Wüst, stellte aber auch klar: "Erst wenn Name, Hautfarbe und Religion keine Rolle mehr spielen, sind wir am Ziel."

Doch davon sei Deutschland immer noch ein Stück weit entfernt, sagt Haci-Halil Uslucan der DW, weil es auch 65 Jahre später noch sehr viel Diskriminierung gegenüber Türkeistämmigen gebe. Dabei sei das Abkommen eigentlich eine Erfolgsgeschichte: "Wir haben in vielen Bereichen Erfolge, also Bildungsaufstiege. Wir haben heute eine Vielzahl von Universitätsabsolventen, wir haben berufliche Aufstiege. Wir haben auch politische Aufstiege, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir beispielsweise."

Altersarmut bei Migranten deutlich höher

Uslucan selbst ist das perfekte Beispiel: Sein Vater kam nach 1971 nach Berlin und arbeitete in der Textilbranche, zwei Jahre später holte er seine Frau und seine beiden Söhne nach. Haci-Halil Uslucan promovierte im Fach Psychologie und ist heute Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg Essen. Eines seiner jüngsten Forschungsthemen handelt von den Schattenseiten des Anwerbeabkommens, dass viele der damaligen Gastarbeiter betrifft und umtreibt: die Einsamkeit älterer Zuwanderer. Doch nicht nur das Alleinsein macht einigen Türkeistämmigen im Rentenalter zunehmend zu schaffen.

"Altersarmut ist, das zeigen die Studien, bei Migranten doppelt so hoch, zwischen 25 und 30 Prozent gegenüber 12 bis 14 Prozent bei den Deutschen. Die Invaliditätsrate und die Frühverrentung ist bei Migranten deutlich höher, weil die erste Generation sehr stark körperlich gearbeitet hatte." Auch die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre vor dem Rentenalter arbeitslos zu werden, sei doppelt so hoch, so Uslucan. "Zudem haben sie ein niedrigeres Monatseinkommen, häufig unterbrochene Lebensläufe und im Niedriglohnsektor gearbeitet. Folglich ist auch ihre Rente gering."

Mann mit Brille und Mikrofon in der Hand
"Wenn Sie ins Rentenalter kommen und arm sind, ist ein elementarer Lebensplan gescheitert" - Haci-Halil UslucanBild: Revierfoto/dpa/picture alliance

Rente fällt um 360 Euro niedriger aus

Eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung für den Mediendienst Integration kommt zu alarmierenden Zahlen: Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit erhalten in Deutschland im Schnitt etwa 360 Euro weniger Rente als deutsche Rentenempfänger: Ende 2025 waren es 890 Euro im Vergleich zu 1.250 Euro pro Monat. Noch beunruhigender: Der Anteil von Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit, die hier Grundsicherung im Alter erhalten, war im Juni 2026 mehr als dreimal so hoch wie bei Deutschen (9,3 zu 2,7 Prozent).

Sozialwissenschaftler Eric Seils von der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf sagt der DW, viele der Gastarbeiter wären schon älter nach Deutschland gekommen und hätten so weniger in die Rentenkasse einzahlen können: "Der wichtigste Grund sind natürlich die früheren Löhne, die frühere Arbeitsgeschichte. Die Gastarbeiter, die nach Deutschland gekommen sind, sind oft direkt in die Fabrik, in den Bergbau oder auf den Bau gegangen. Dort haben sie keine hohen Stundenlöhne bekommen, weil sie häufig schlechter gebildet waren als die Deutschen."

60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Mit der Deindustrialisierung Anfang der 70er Jahre und der Ölkrise hätten zudem viele Gastarbeiter ihren Job verloren. "Damit waren nicht mehr so gute Jobs bei den klassischen Industriebetrieben vorhanden. Wer nicht so gut gebildet war, wurde dann eher arbeitslos als Menschen mit Bildung, bei den Deutschen war es genauso. Und wenn Erwerbskarrieren unterbrochen werden, schlägt sich das natürlich irgendwann in der Rente nieder."

Gastarbeiter konnten sich kaum weiterqualifizieren

Auch Janina Söhn vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität hat sich mit dem Thema Altersarmut von Zugewanderten beschäftigt. Ihr Fazit: Dass fast ein Drittel der Menschen, die zugewandert sind, armutsgefährdet seien, sei ein großes Problem in Deutschland. "Diese Gruppe trifft es noch härter als zum Beispiel Frauen im Allgemeinen, die auch schon ein erhöhtes Armutsrisiko haben. Wenn man dann auf alleinlebende Migrantinnen schaut, sind das ganz schlimme, alarmierende Zahlen. Wenn es da keine familiäre Unterstützung gäbe, wäre das alles noch viel trauriger."

Frau mit Brille
"Zugewanderte sind strukturell benachteiligt, wenn sie erst im Laufe ihres Lebens nach Deutschland kommen" - Janina SöhnBild: SOFI

Auch die Möglichkeit, im Rentenalter selbst noch ein paar Euro dazuzuverdienen, ist vielen Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit häufig versperrt. Sei es, weil ihre oftmals geringe Qualifikation nicht ausreicht, oder aber weil sie durch ihre harte körperliche Arbeit in jungen Jahren nicht mehr dazu in der Lage sind. Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ist ihre Beschäftigungsquote nur halb so hoch wie bei den Deutschen (5,2 zu 10,8 Prozent). Söhn sagt:

"Im Grunde ist das eine ganze Summe von Benachteiligungen oder von Härten im Leben. Die Generation der Gastarbeiter wurde ja von Deutschland geholt, hat dann hier die schlimmsten Jobs gemacht, während sich die Einheimischen zum Teil herausqualifizieren konnten." Für die Gastarbeiter dagegen habe es keine Weiterbildungsinitiativen gegeben. "Die Menschen, die diese harten Jobs gemacht haben, die auch immer für jede Wirtschaft notwendig sind, haben es mit ihrer Gesundheit bezahlt."

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