Abstimmung am 27. September – Ist Neutralität eine Sicherheitsgarantie oder ein Risiko?

Abstimmung am 27. September Ist Neutralität eine Sicherheitsgarantie oder ein Risiko?
Befürworter sagen, die Neutralitätsinitiative mache die Schweiz sicherer. Skeptische Stimmen sehen sie als Risiko.
14.09.2026, 13:31
Die Unterstützerinnen und Unterstützer der Neutralitätsinitiative verweisen gerne auf die Schweizer Geschichte, wenn sie auf die Schutzfunktion der Neutralität hervorheben wollen.
SVP-Nationalrat Michael Götte sagt: «Die Neutralität hat uns in den letzten 200 Jahren Sicherheit geboten. Das ist für mich das klare Signal, dass Neutralität Sicherheit bringt.»
Die Geschichte lässt sich auch anders lesen. So verweist der Chefredaktor der «Revue militaire Suisse», Milizoffizier und Historiker Alexandre Vautravers auf das neutrale Belgien, das vor dem Zweiten Weltkrieg massiv aufrüstete: «In Belgien hat man wirklich alles versucht, um neutral zu bleiben und sich verteidigen zu können. Und das hat gegen Deutschland nicht funktioniert.»
Auch die neutralen Länder Finnland, Dänemark, Norwegen, die Niederlande und Luxemburg wurden von Nazideutschland oder der Sowjetunion überrollt und besetzt.
Hingegen kamen die neutrale Schweiz und das neutrale Schweden ungeschoren davon. Sie mussten jedoch in bestimmten Bereichen mit Nazideutschland kooperieren – auf Kosten ihrer Neutralität.
Militärische Nachteile der Neutralität
Die Neutralität könne gar die Sicherheit gefährden, kommt Franz-Stephan Gady zum Schluss. Der international bekannte Militäranalyst stammt aus Österreich.
Vor einem Jahr machte er folgendes Beispiel: «Wie kann ein neutrales Land wie die Schweiz oder Österreich schnell an Munition kommen? Nur über andere Nato-Länder. Befindet sich die Nato aber im Krieg, würden Nato-Länder gegenüber neutralen Ländern vorgezogen.»
Militärisch ist das ein selbst gewählter Nachteil.
Die Schweiz fügt bei allen internationalen Abmachungen im militärischen Bereich immer eine sogenannte Neutralität-Suspendierungsklausel ein. So auch jüngst beim Beitritt zur European Sky Shield Initiative, der gemeinsamen Beschaffungs-, Ausbildungs- und Logistikplattform in der Flugabwehr.
Im Falle eines bewaffneten Angriffes auf ein Mitgliedsland behält sich die Schweiz also vor, die militärische Zusammenarbeit zu stoppen.
Zusammenarbeit erst bei Angriff
Für die SVP und die Initianten ist diese militärische Enthaltsamkeit kein Problem. Sie verweisen darauf, dass auch ihre Initiative eine Hintertür offenlasse: «Die Geschichte zeigt, dass die Neutralität uns immer geschützt hat. Aber es ist klar: Sie ist kein hundertprozentiger Garant. Darum haben wir die Initiative klar so formuliert, dass die Neutralität bei einem Angriff nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie im normalen Modus – in Friedenszeiten», sagt Michael Götte.
So soll die Zusammenarbeit mit der Nato im Falle eines direkten militärischen Angriffs oder bei Vorbereitungshandlungen möglich sein. Aber ob die Nato oder andere Länder in einem solchen Fall die Schweiz mitverteidigen oder auch nur Munition liefern würden, bleibt heute offen.
«Man wäre nicht geschützt»
Kein Verständnis für diese Unverbindlichkeit hat der Friedens- und Konfliktforscher Günter Bächler. Der ehemalige Botschafter und OSZE-Gesandte im Südkaukasus warnt vor einem Sicherheitsrisiko durch die Neutralität.
«Bei einem modernen Angriffskrieg aus der Luft oder mit hybriden Mitteln – ich sage jetzt ganz klar: durch Russland auf Europa – wäre man nicht geschützt. Man wäre nicht bereit. Man hätte nicht die geeigneten Mittel. Und schon gar nicht eine breite Diskussion darüber, was wir eigentlich wollen und brauchen.»
Abstimmungsdossier
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