Die Wahrheit: Auch mal ohne Drossel, Fink und Star

Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (253): Nur die männliche Amsel singt? Ein Irrtum!
„Noch nie war mir ein Gesang mit der Sprache so verwandt erschienen“, schrieb die Philosophin Vinciane Despret („Autobiographie eines Kraken“, 2024), nachdem sie einer Amsel zugehört hatte. In Robert Musils Geschichte „Die Amsel“ („Nachlaß zu Lebezeiten“, 2021) wird sie mit einer Nachtigall verwechselt, deren Gesang sie imitiert hatte.
Ornithologen gingen lange davon aus, dass nur die Amsel-Männchen singen, aber Ornithologinnen haben inzwischen herausgefunden, dass bei 71 Prozent aller Singvögel auch die Weibchen singen.
Ähnlich umstritten ist noch immer die Rolle der Amsel-Männchen bei der Nistplatzwahl: Manche Autorinnen gehen laut Wikipedia „von einer alleinigen Entscheidung des Weibchens aus, andere nehmen an, dass das Männchen dem Weibchen die in Frage kommenden Nistplätze zeigt oder auf andere Weise mehr oder weniger Einfluss nimmt.“
Das erinnert an zwei nach Geschlechtern getrennte Forschungsgruppen einer Berliner Privatuniversität. Sie befragten im Neubau-Viertel Karow-Nord Ehepaare, ob der Mann oder die Frau bei der Wahl ihres Einfamilienhauses bestimmend war – und kamen dabei zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.
Bei einer anderen Amselforschung – im Rahmen eines „Jugend forscht“-Wettbewerbs – war die „Sonderpreisgewinnerin“ von der Frage ausgegangen, ob die Londoner und Berliner Amseln unterschiedlich singen: „Ja, es lassen sich Unterschiede (Dialekte) nachweisen.“ Dem Amselgesang widmen sich etliche Vogelforscher, denn die Amsel gilt als besonders kreativ in der Erfindung, Kombination und Variation von Motiven. Die melodiösen Strophen klingen für menschliche Ohren eingängig und gefällig, ganz im Gegensatz zu dem bei Erregung zu hörenden Zetern oder „Tixen“, einer Aneinanderreihung hoher „Tix“-Laute.
Nicht zuletzt wegen ihres Gesangs wurden Amseln in Neuseeland und Australien eingebürgert. Vielen Farmern gelten sie dort aber nun als Schädlinge und werden verfolgt, weil sie ihre Obstplantagen und Weinberge plündern.
Scheue Waldvögel
Amseln waren einmal scheue Waldvögel, aber nach und nach wanderten sie in die Städte ein, wo sie sich stark vermehrten und inzwischen zu den beliebtesten und am wenigsten scheuen Wildvögeln gehören. Der Hobbyornithologe Dr. Salm-Schwader geht davon aus, dass die Ursache für diese Standortverlagerung mit der Erfindung des Rasenmähers und den damit möglich gewordenen großen Kurzrasenflächen in den städtischen Parkanlagen und Gärten zusammenhängt. Den Amseln erleichtern sie das akustische Auffinden von Regenwürmern, die in ihren Gängen ein scharrendes Geräusch verursachen, wenn sie sich bewegen.
Regenwürmer zählen neben Insekten zur Hauptnahrung der Amseln. Dr. Salm-Schwader vertritt die These, dass das Kurzhalten der Rasenflächen sich positiv auf die Intelligenzentwicklung sowohl der Amseln als auch der Regenwürmer ausgewirkt habe, denn je kürzer das Gras, desto schneller müssen beide reagieren.
Das Projekt „Icarus“ der Max-Planck-Gesellschaft, das 200 in Gefangenschaft geborene Amseln mit Sensoren ausgerüstet und freigelassen hat, will weitere 1.800, die ebenfalls besendert werden sollen, „aus der Natur“ nehmen, wie es heißt, um die Flugrouten der 2.000 Amseln zu verfolgen. „Aber was weiß man, wenn man weiß, ob und wo sich die Singvögel herumtreiben?“, fragte sich der MDR.
„Ihre Migrationsbewegungen von Nord nach Süd und umgekehrt sind bekannt. Auch, dass sich manche inzwischen nicht mehr jährlich auf die Reise machen.“ Man weiß außerdem, von den im Norden lebenden Amseln fliegen viele im Herbst nach Süden, während von den in Mitteleuropa heimischen sich immer weniger in wärmere Regionen absetzen.
Außerdem ist bekannt, dass die in Städten lebenden Amseln seltener nach Süden fliegen als die in Wäldern lebenden. Und dass die Amselmännchen im Winter häufiger in ihren Revieren bleiben als die Weibchen. In den Städten brüten pro Hektar vier und mehr Paare, in den Wäldern kommt höchstens ein Brutpaar auf einen Hektar. Die Beobachtungen der „Bird-Watcher“ ergaben ferner, dass die Weibchen ihre Nester allein in Büschen oder auf dem Boden bauen und dass sie ihre vier bis fünf Eier auch allein ausbrüten. Die Männchen füttern sie währenddessen und beteiligen sich dann auch an der Aufzucht der Jungen.
Ausgefallenes Nistmaterial
In der Stadt suchen sich die Amseln höher gelegene Niststandorte als im Wald und scheuen sich nicht, Papier-, Plastik- und Stoff-Fetzen als Nistmaterial zu verwenden und ausgefallene Nistplätze – hinter Leuchtreklame, in Briefkästen oder in Motorräumen von Schrottautos – zu akzeptieren. Eine Amsel baute einmal ihr Nest auf einem Berglift, als der in Betrieb genommen wurde, musste das Männchen stets mit hoch- und wieder runterfliegen, um das Weibchen zu versorgen und später ihre Jungen.
In den Städten kommt es immer wieder durch Katzen oder Rabenvögel zu Gelegeverlusten. Der Biologe Cord Riechelmann schrieb (taz v. 27. 7. 2004), dass Elstern zwar „in manchen Gegenden einen Großteil der Erstbruten von Amseln fressen. Dennoch lasse sich „kein nachweisbarer Einfluss dieser Tatsache auf den Bestand der Amseln finden. Amseln bringen es in Städten mitunter auf bis zu drei Bruten in einem Jahr und offensichtlich können sie sich den Verlust des ersten Geleges ‚leisten‘.“
Was sie jedoch kaum überleben, ist das seit 2018 durch Stechmücken übertragene Usutu-Virus: „Komplette Straßenzüge in Hamburg liegen voll mit toten Amseln“, berichtete Renke Lühken vom Institut für Tropenmedizin dem NDR. Der Nabu schrieb damals auf seiner Internetseite: „Das Amselsterben nimmt offensichtlich immer größere Ausmaße an. Gab es erst 1.500 Verdachtsfälle, sind es nun bereits 5.000 Meldungen über kranke oder verendete Vögel in Hamburg.“ In Berlin verschwanden seit Anfang 2026 nicht nur die Spatzen, auch Amseln sah man kaum noch.
Wo Amseln in Gärten brüten und gefüttert werden, kann es vorkommen, dass sie die Gartenbesitzer um Hilfe bitten, wenn sich eine Elster ihrem Gelege beziehungsweise ihren Jungen nähert. Die englische Autorin Len Howard berichtet („Birds as Individuals“, 2024) davon. Es handelt von Meisen, Amseln und anderen Singvögeln, die sie über Jahre fütterte und umhegte und die ihrem Garten lebten, wozu auch das Innere ihres Hauses gehörte.
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