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Saturday, November 7, 2026

Geheimnis hinter der Torflut: Psychische Faktoren: "Eine sehr schöne menschliche Gabe von Füllkrug"

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Was steckt hinter den vielen Toren von Niclas Füllkrug? Daniel Memmert leitet das Institut für Trainingswissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln und erforscht Leistung und Verhalten im Profifußball. Im Interview mit ntv.de erklärt er, welche Rolle Sicherheit, Selbstverantwortung und ein Wohlfühlfaktor bei den Treffern spielen, wie Werder Bremen den Stürmer "vom Herzen her" erreicht - und weshalb Füllkrugs Lauf dennoch nicht empirisch nachweisbar ist.

ntv.de: Herr Memmert, neun Bundesliga-Tore, drei Pokal-Treffer, sieben Ligaspiele in Serie geknipst - wie ordnen Sie Niclas Füllkrug, den derzeit besten Stürmer Deutschlands, ein?

Daniel Memmert: Füllkrug ist ein spannendes Phänomen. Es gibt eigentlich seit Jahren die Tendenz, dass die Fußballprofis immer jünger werden und mit 16 oder 17 Jahren schon debütieren. Statistiken zeigen, dass viele Profis mit 27 oder 28 Jahren keinen Arbeitgeber mehr finden. Da gibt es richtige Existenzängste. Jüngere Spieler sind einfach immer leistungsfähiger, schneller und für das Pressing und Gegenpressing viel besser geeignet.

Füllkrug ist 33 Jahre alt. Zu alt für die Nationalmannschaft, meinten einige Experten, für die der Werder-Star nun doch wieder nominiert wurde.

Füllkrug gehört eben zu einer anderen Tendenz: Es gibt auf bestimmten Positionen, aber auch auf bestimmten Expertise-Levels, Spieler, die bis ins hohe Fußballeralter eine unfassbare Leistungsfähigkeit haben. Lionel Messi ist da an allererster Stelle zu nennen, aber auch Edin Dzeko oder Robert Lewandowski. Sie sind selten verletzt und haben einfach gute Körper. Bei Füllkrug muss man nach acht Spieltagen natürlich ein bisschen vorsichtig sein mit generellen Aussagen. Aber er performt unfassbar und zieht die Mannschaft mit und man sieht auch, wie wichtig so ein Führungsspieler in der Kabine ist.

Was sagt es über die Psyche von Fußball-Profis aus, dass Füllkrug nach einer schweren Zeit im Ausland zurück nach Bremen kommt und dort Tore am Fließband schießt?

Da geht es einmal um den Heimvorteil. Die Forschung belegt, dass dieser nicht durch die Fans kommt, sondern durch einen Wohlfühlfaktor. Füllkrug kennt die Kabine, das Umfeld, den Pressesprecher, den Zeugwart. Er kennt das Stadion, er kennt die Atmosphäre und klatscht sich mit jedem ab. Und das kennen wir alle von uns selbst: Wir sind busy und hetzen durch die Gegend, aber wenn wir nach Hause kommt, die Haustür aufschließen und den Schritt in die Wohnung gehen, dann überfällt uns ein Gefühl von Sicherheit, von Vertrauen. Das spürt Füllkrug jetzt auch, das ist extrem wichtig.

Welche Rolle spielen also Füllkrugs Emotionen, Herz und Kopf beim Toreschießen?

Füllkrug identifiziert sich zu hundert Prozent mit dem Klub. Damit hat er eine ganz andere Basis als noch im Ausland und kann eine ganz andere Energie in diese Mannschaft hineinbringen. Das hat große Auswirkungen: Natürlich auf seine eigene Leistung, aber ebenso auf die seines Teams, das drumherum für ihn arbeitet. Zum Umfeld gehört auch der Trainer dazu, der Füllkrug das Gefühl vermitteln muss, dass er eine zentrale Figur ist, dass er wichtig ist. Daniel Thioune hat da extrem viel richtig gemacht und es geschafft, neben dem psychologischen Faktor auch das Spiel auf Füllkrug auszurichten.

Fußballer können einander beflügeln oder sich gegenseitig in den Abgrund reißen. Werder galt vor der Saison als Abstiegskandidat, jetzt färbt Füllkrugs Psyche und Persönlichkeit auf die gesamte Mannschaft positiv ab.

Die Vorbildfunktion ist ganz wichtig, Füllkrugs positiver Einfluss, dass er in der Kabine seine Mitspieler motiviert und auch mal auffängt, wenn es nicht so gut läuft. Er ist eine Vaterfigur, er führt die Jungs an. Das finde ich eine sehr schöne menschliche Gabe von ihm, denn es gibt auch Spieler, die in der Kabine vorm Training zu neuen Mitspielern sagen: 'Dich haue ich gleich mal vom Platz!' Füllkrug scheint ganz eindeutig der zu sein, der die Mannschaft im Blick hat.

In Bremen ist Füllkrug anders als zuvor im Ausland bei West Ham United oder AC Mailand der Zielspieler und eine Führungspersönlichkeit: Was macht dieses Gefühl, gebraucht zu werden und Verantwortung zu tragen mit uns Menschen?

Eigenverantwortung ist das Entscheidende, wie Studien belegen. Bereits im Jugendbereich. Eigenverantwortung produziert die höchste intrinsische Motivation. Das klappt in Bremen gerade überraschend gut. Füllkrug fühlt sich bei Werder gerade richtig zu Hause. Er trägt sehr viel Verantwortung, er ist intrinsisch motiviert und er ist das Gesicht des Vereins.

Sind Fußballprofis also gar nicht so abgebrüht und aalglatt, wie oft behauptet wird?

Wir alle sind Menschen. Fußballer haben zwar von klein auf gelernt, kompetitiv zu sein und vor tausenden Menschen zu spielen, aber sie haben genau die gleichen Ängste und Sorgen wie wir alle. Somit ist die Psyche und das Gemüt von Füllkrug und anderen Spielern total wichtig. Werder erreicht Füllkrug vom Herzen her. Und genau auf solche Faktoren achten die Klubs mittlerweile immer stärker beim Scouting.

Welche Rolle spielen Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen?

Wir forschen viel zur Körpersprache von Fußballern und können diese mit 3D-Daten automatisiert erfassen. Das ist ein sehr wichtiger Faktor und es gibt schon beim Einlaufen gewaltige Unterschiede, auch etwa zwischen Heim- und Auswärtsmannschaften. Füllkrug hat jetzt eine sehr gute Körpersprache, nachdem er Tor um Tor schießt.

Wie entsteht ein sogenannter Lauf im Fußball, dieser Flow-Zustand, in dem alles scheinbar ganz automatisch passiert, wie Füllkrug ihn gerade hat?

Bei Füllkrug sieht es gerade natürlich sehr nach Flow aus. Hot-Hand-Phänomen heißt hier der Fachbegriff, der vor allem im Basketball untersucht wird. Dafür gibt es allerdings keine wissenschaftliche Evidenz. Die Faktenlage ist extrem heterogen und damit ist auch Füllkrugs Lauf nicht empirisch nachweisbar ist. Dennoch macht es irgendwas mit ihm, wenn er gerade ständig Erfolgserlebnisse spürt, was ihn irgendwie vorantreibt.

Füllkrug selbst sagt: "Ich schaue von Spiel zu Spiel und nehme mir vor keinem davon vor, ein Tor zu schießen."

Das ist clever von Füllkrug, das würde ihm jeder Psychologe genauso raten. Es würde unglaublichen Druck erzeugen, sich zu sagen: 'Heute möchte ich wieder ein Tor schießen.' Das Beste, was Füllkrug sagen kann, ist: 'Heute brauche ich kein Tor schießen. Ich habe ja schon so oft getroffen. Jeder weiß, wie gut ich bin.' Die Erwartungshaltung so tief schrauben wie möglich, das ist immer gut, um sich den Druck zu nehmen und sich das positive Gefühl aus der Vergangenheit herzuholen.

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Kommende Woche reist Füllkrug zu Jürgen Klopp und der Nationalmannschaft. Kann er seinen Führungsstil und sein Selbstbewusstsein in diesem anderen Umfeld einfach so reproduzieren?

Bei der Nationalelf ist das etwas völlig anderes, man muss abwarten, ob er da auch so abliefern kann. Bei Werder erhält er sein Selbstbewusstsein auch durch sein Standing in der Mannschaft, unter Jürgen Klopp ist er umgeben von Stars aus der Premier League und von Bayern München. Es wird nicht nur an Füllkrug liegen, ob er gut performt, sondern auch an der Mannschaft. Auch das Spielsystem wird natürlich nicht so auf ihn zugeschnitten wie in Bremen.

Herr Memmert, das klingt ganz schön negativ - kann Niclas Füllkrug nicht aber auch die DFB-Elf mitreißen?

Klar, das kann ebenfalls passieren. Auch dort wird man seine Tore honorieren, ihn unterstützen und integrieren. Und man wird seine Erfahrung und Persönlichkeit wertschätzen. Dabei geht es um etliche Aspekte, die im zwischenmenschlichen Bereich liegen. Ich glaube nicht, dass er von Beginn an spielt. Aber ich hoffe, dass er reinkommt. Und wenn er trifft, dann freue ich mich für Füllkrug, für Klopp und für Deutschland.

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