«Die Krebs-Diagnose war ein Schock»

2016 sagte Ihr Sohn Tim dem Schweizer Fernsehen: «Mein Vater ist ein typischer Deutschschweizer, viel zu seriös und scheu. Oft wagt er gar nicht zu sagen, was denkt.»
Hat er das wirklich gesagt? Da muss ich mit ihm schimpfen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe (lacht), denn ich sage schon, was ich denke.
Obwohl Sie schon seit fast 40 Jahren in der Westschweiz leben, sind Sie ein waschechter Ostschweizer. Wie wuchsen Sie auf?
Mein Vater besass in Romanshorn eine Fabrik, in der Holzbearbeitungsmaschinen hergestellt wurden. Als Kind sagte ich meinem Vater immer, ich möchte später auch mal einen Beruf mit Schrauben ausüben.
Als Kind sollen Sie eher schwächlich gewesen sein.
So schlimm war es nicht, doch ich hatte zu wenige rote Blutkörperchen. Deshalb gingen wir regelmässig in die Höhe, meist nach Arosa zum Skifahren.
Hatten Sie Kindheitsidole?
Ganz klar die Skirennfahrer Jean-Daniel Dätwyler aus dem Waadtland und der Franzose Guy Périllat. Ich hatte von beiden eine Autogrammkarte. Wir besassen übrigens lange Zeit zu Hause gar keinen Fernseher. Als Bernhard Russi 1970 in Val Gardena Abfahrtsweltmeister wurde, haben wir das am Radio mitverfolgt.
In Ihren Jugendjahren waren Sie nicht nur auf dem Schnee unterwegs, sondern auch auf dem Wasser. Wie kam es dazu?
Dank meines Vaters. Ein Kunde gab sein Boot als Anzahlung. Mit dem kurvten wir dann auf dem Bodensee rum. Eines Tages sahen wir ein anderes Boot mit einem langen Seil dran und hinten dann einen Wasserskifahrer. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen, doch mir war sofort klar, dass ich das auch wollte.
Wie alt waren Sie da?
Vielleicht acht. Doch es gab ein Problem. Ich hatte relativ kleine Füsse, und die Bindungen liessen sich nicht verstellen. Deshalb musste ich mit meinen Turnschuhen in die Bindungen steigen. Während des Wasserskifahrens verlor ich deshalb regelmässig meine Turnschuhe. Es wird wohl noch heute in der Region Romanshorn einige Schuhe von mir im Bodensee haben …
Zurück in den Schnee: Wie schwierig war es, als Unterländer ein professioneller Skirennfahrer zu werden?
Zuerst gehörte ich dem Skiklub von Romanshorn an. Dort gab es überspitzt formuliert aber nur drei aktive Mitglieder, und alle trugen den Nachnamen Lüscher … Später wollte ich dem Skiclub Arosa beitreten, da ich realisierte, dass ich bessere und häufigere Trainingsmöglichkeiten benötige. Doch die meinten nur, Unterländer seien bei ihnen nicht willkommen. Deshalb kam ich zum Skiclub Speer in Ebnat-Kappel.
1976 nahmen Sie als erst 19-Jähriger bereits an den Olympischen Spielen von Innsbruck teil. Ihre Nomination soll bei dem einen oder anderen für Unverständnis gesorgt haben.
Hat es das? Mein Glück war, dass die Schweiz damals kaum erfolgreiche Slalomfahrer hatte. Deshalb durfte ich im Slalom an den Start gehen und wurde guter Achter.
Drei Jahre später wurden Sie der erste Schweizer Gesamtweltcupsieger der Geschichte.
Beinahe wäre es aber nicht so weit gekommen, denn an der SM im Diemtigtal stürzte ich schwer und zog mir eine Bänderzerrung zu. Wäre die Verletzung schlimmer gewesen, wäre es das mit der grossen Kristallkugel gewesen.
Das Verrückte damals: Ingemar Stenmark gewann in jener Saison 13 Rennen, Sie aber nur deren 3. Doch weil es Streichresultate gab, holten Sie sich trotzdem den Gesamtweltcup.
Das stimmt, rückblickend betrachtet ist das eigentlich der Wahnsinn. Stenmark gewann zwar in jener Saison alle zehn Riesenslaloms, doch nur die besten fünf Resultate pro Disziplin flossen in die Gesamtwertung. Das war mein Glück.
Peter Lüscher
Der gebürtige Thurgauer startete zwischen 1975 und 1985 im Weltcup. 1979 gewann er den Gesamtweltcup, 1982 WM-Silber in der Kombination. Im Weltcup siegte er in vier Disziplinen (Abfahrt, Super-G, Slalom und Kombi) mindestens einmal. Lüscher war auch ein erfolgreicher Wasserskifahrer, so wurde er 1972 Junioren-Europameister. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau Fabienne Serrat in Brent VD oberhalb von Montreux. Das Paar hat zwei Kinder: Tim und Iris, die einst auch Skirennen fuhren. Tim bestritt 2011 gar ein Weltcuprennen.
Der gebürtige Thurgauer startete zwischen 1975 und 1985 im Weltcup. 1979 gewann er den Gesamtweltcup, 1982 WM-Silber in der Kombination. Im Weltcup siegte er in vier Disziplinen (Abfahrt, Super-G, Slalom und Kombi) mindestens einmal. Lüscher war auch ein erfolgreicher Wasserskifahrer, so wurde er 1972 Junioren-Europameister. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau Fabienne Serrat in Brent VD oberhalb von Montreux. Das Paar hat zwei Kinder: Tim und Iris, die einst auch Skirennen fuhren. Tim bestritt 2011 gar ein Weltcuprennen.
Aus dem scheuen Romanshorner wurde damals quasi über Nacht ein Star. Wie gingen Sie mit diesem Rummel um?
Ganz ehrlich? Ich mochte den Rummel nicht. Egal, wo ich war, überall wurde ich angesprochen und ich erhielt säckeweise Fan-Briefe. Das war mir zu viel Wirbel.
Auf Ihren Höhenflug folgte der Absturz. Warum lief es die Jahre danach nicht mehr?
Es lag bestimmt auch am Druck, der durch meine Erfolge grösser geworden war. Ausserdem hatte ich Probleme mit meinen Weisheitszähnen. Hinzu kam, dass ich mich danach immer mehr vom Techniker zum Speedfahrer entwickelte. Das benötigte halt seine Zeit.
Der Tiefpunkt erfolgte 1981, als Sie von Trainer-Ikone Karl Frehsner in den Europacup zurückgestuft wurden.
Hässig war ich deswegen auf Frehsner nie, doch sein Entscheid gab mir natürlich schon zu denken. Doch irgendwann sagte ich mir: Vielleicht hat er ja recht. Im Europacup gewann ich dann hintereinander sechs oder sieben Rennen. Das hat den Knopf wieder gelöst, und ich war danach auch im Weltcup wieder erfolgreich.
Es gab wohl vor allem zwei Gründe, warum Sie nicht noch erfolgreicher waren: Ingemar Stenmark und das unglaublich starke Schweizer Team.
Dass ich den gleichen Jahrgang wie Stenmark habe, hat mir definitiv nicht geholfen. Er fuhr einfach sensationell. Ich habe ja in vier Disziplinen mindestens ein Weltcuprennen gewonnen, nur im Riesenslalom nicht. Dort wurde ich viermal Zweiter, viermal hinter Sieger Stenmark, so zum Beispiel 1979 in Courchevel. Dort wurde ich ebenfalls Zweiter, mit 3,73 Sekunden Rückstand. Unglaublich!
Sie waren auch in einer Zeit aktiv, in der die Schweiz sehr viele Weltklassefahrer hatte.
Ich kann mich zum Beispiel an einen Riesenslalom in Furano erinnern, in dem ich zwar Sechster wurde, ich aber nur der fünftbeste Schweizer war. Oder nehmen wir die Super-G-Premiere im Weltcup in Val d’Isère 1982. Dort holten wir einen Fünffachsieg und ich wurde Zweiter. Oder die WM in Bormio 1985. Obwohl ich in der Kombi-Abfahrt auf den starken zweiten Rang fuhr, durfte ich nicht zur Spezialabfahrt starten, weil halt vier Schweizer grössere Medaillenchancen hatten.
Gab es intern nie Reibereien oder Neidanfälle?
Aus meiner Sicht nicht, Trainer Frehsner hatte das eigentlich immer im Griff.
Und wie wars mit Peter Müller?
Sagen wir mal herausfordernd. Ich teilte ein paarmal das Zimmer mit ihm. Der hatte so eine Sauordnung, dass ich immer über seine verteilten Koffer und Klamotten steigen musste. Und natürlich war er sehr ehrgeizig. Ich kann mich an ein Unihockeyspiel erinnern, in dem es fast eine Schlägerei gegeben hat. Und einmal mussten wir einen Parcours absolvieren. Als ich vor ihm lag, packte er mich aus dem Nichts an den Füssen und zerrte mich über die Geräte. Danach hatte ich beide Schienbeine offen.
1985 verunfallten Sie in der Abfahrt von Bad Kleinkirchheim schwer. Was passierte damals?
Wenn ich das wüsste … Mir fehlen bis heute ein paar Sekunden der Erinnerung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich bereits am Boden. Da es keine Aufnahmen vom Sturz gibt, weiss ich bis heute nicht, was passiert ist. Ich kann mir vorstellen, dass ich kurz vor dem Sprung einen Ski verloren habe. Beim Sturz zertrümmerte ich mir den oberen Teil des Schienbeinkopfes. Das Ganze wurde mit etwa 20 Schrauben und fünf Platten stabilisiert. Mein behandelnder Arzt meinte danach nur, ich könne froh sein, dass ich das Bein noch habe. Danach musste ich leider meine Karriere beenden.
1979 gewannen Sie nicht nur den Gesamtweltcup, sondern lernten auch Ihre heutige Frau Fabienne Serrat kennen, die damals ebenfalls Skirennfahrerin war und für Frankreich 1974 zwei WM-Titel gewann.
Wir waren damals am Lake Tahoe in den USA an einem Weltcuprennen. Per Zufall sassen wir gemeinsam auf dem Sessellift und kamen ins Gespräch. Fabienne war erstaunt, dass ich Französisch sprechen konnte.
Mittlerweile sind Sie seit 40 Jahren verheiratet. Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Wir treiben gemeinsam sehr viel Sport. Im Winter fahren wir Ski, im Sommer sind wir auf dem See oder am Golfen. Ausserdem kümmern wir uns unter der Woche um den Hund unserer Tochter, während sie arbeitet. Und vor drei Monaten haben wir unser erstes Enkelkind bekommen.
Sie werden Mitte Oktober 70. Welche Träume haben Sie noch?
Es klingt abgedroschen, doch die Gesundheit ist definitiv das Wichtigste. Das musste ich vor zehn Jahren ja am eigenen Leibe erfahren, denn 2016 erkrankte ich an Leukämie.
Wie merkten Sie, dass etwas nicht mehr stimmte?
Per Zufall. Beim Rasieren spürte ich an der linken Wange plötzlich einen Bollen. Also ging ich zum Arzt, der aber nichts fand. Wenig später bekam ich zuerst geschwollene Finger und dann spürte ich auch auf der rechten Wange einen Bollen. Deshalb suchte ich erneut den Arzt auf. Dort wurde dann ein Scan gemacht und ich erhielt die Diagnose Leukämie.
Wie gingen Sie mit dieser Diagnose um?
Natürlich war die Krebs-Diagnose ein Schock, aber als Sportler habe ich gelernt, zu kämpfen und die Realität anzunehmen. Ein guter Freund sagte mir damals: «Peter, es gibt nur einen Weg: Du musst jetzt das Hirn ausschalten, machen, was dir die Ärzte sagen, und du darfst nicht hinterfragen, warum es ausgerechnet dich erwischt hat.»
Ist das Ihnen gelungen?
Ich würde schon sagen, ja. Ich dachte nie, das wars jetzt. Doch natürlich war die Chemotherapie eine schwierige Zeit. Während sechs Monaten wurde ich alle drei bis vier Wochen drei Tage lang bestrahlt. Vor allem das erste Mal ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Als ich in das Spital fuhr, dachte ich, ich sei dort alleine, doch dann sah ich etwa 50 Personen, und alle hingen an den Schläuchen.
Gelten Sie heute als geheilt?
Leider nein. Es gibt sehr viele unterschiedliche Leukämie-Arten, meine ist chronisch. Mit anderen Worten: Sie kann jederzeit wieder zurückkehren, doch in den letzten zehn Jahren war dies zum Glück nicht der Fall. Wissen Sie übrigens, was das Verrückte ist?
Nein.
Ungefähr drei Monate vor meiner Diagnose war ich gemeinsam mit meiner Tochter, die starke Nackenverspannungen hatte, bei einem Guru in Châtel-Saint-Denis. Der lief einfach hinter dir durch und fasste dich kurz an. Das machte er auch bei mir. Am Schluss kam er noch einmal zu mir und sagte: «Darf ich offen reden?» Als ich bejahte, meinte er nur: «Sie haben ein Problem.» Wenige Monate später erfuhr ich, dass ich wirklich ein Problem hatte.
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