Proteste in Frankreich – Kein Brutkasten für Gewalt: Tiktok ist besser als sein Ruf

Seit es soziale Netzwerke gibt, stehen sie jeweils im Mittelpunkt von Protestbewegungen. So war es schon beim Arabischen Frühling ab 2010, später auch im Iran oder in den USA. Mehr oder weniger autoritäre Regime reagierten darauf oft mit Blockaden und Zensur.
Bei der heutigen Bewegung der Studierenden und anderer Unzufriedener in Frankreich beschuldigt die Regierung die sozialen Netzwerke, sie heizten die Gewalt an.
Ein Forschungsteam wollte herausfinden, ob das wirklich so ist. Es analysierte fast eine Million öffentlicher Videos, die zu den Protesten auf Tiktok gepostet worden waren. Diese verzeichneten zwischen dem 1. September und dem 29. Oktober insgesamt 16 Milliarden Aufrufe und 4,5 Millionen Kommentare.
Beteiligt waren an der Untersuchung die Universität Zürich, das Centre national de recherche scientifique (Frankreich) und die Université Laval (Quebec).
Kein Brutkasten der Gewalt
Die Ergebnisse widersprechen der Vorstellung, dass Tiktok ein Brutkasten für Gewalt ist. Es habe zwar auf der Plattform zahlreiche Mobilisierungsaufrufe gegeben, aber kaum Spuren davon, dass die Gewalt koordiniert wurde, stellte das Forschungsteam fest.
Wie der Politologe Hugo Subtil die Studie interpretiert:
«Wir können daraus nicht ableiten, ob Tiktok Gewalt schürt oder nicht. Wir haben uns angeschaut, was verbreitet wird, und nicht, wie es auf die Leute wirkt», präzisierte Hugo Subtil, Politologe an der Universität Zürich und Mitautor der Studie, im Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
14 Prozent der untersuchten Videos stellten Gewalt dar, wobei mehr als die Hälfte davon von sogenannten traditionellen Medien stammte. Bei 32 Prozent ging es um die politischen Forderungen. Bei 31 Prozent stand gemäss der Studie Humor im Vordergrund, und 26 Prozent wurden als «fröhliche Inhalte» taxiert.
Eine Plattform der Politisierung
Bei Videos, die Gewalt zeigten, wurde diese in den Kommentaren fast zehnmal häufiger verurteilt als gefeiert. Explizite Gewaltaufrufe machten nur 0.27 Prozent der Kommentare aus. Gewaltbilder profitierten gemäss der Studie auch nicht von einer zusätzlichen Sichtbarkeit, die ihre Verbreitung förderte.
Der Politologe Hugo Subtil zieht daraus den folgenden Schluss: Entgegen dem «verzerrten Bild, das man sich von Tiktok machen kann, vor allem, wenn man selbst nicht auf der Plattform ist», sei diese auch eine Informationsquelle. In Frankreich informierten sich 40 Prozent der unter 25-Jährigen ausschliesslich über Tiktok. Für sie sei die Plattform ein Ort, an dem sie sich mit Politik befassen, darüber diskutieren und Forderungen äussern.
Wie lässt sich dann erklären, dass dieses falsche Bild des sozialen Netzwerks entstanden ist? Die Studie liefert dazu keine Hypothese. Hugo Subtil nennt aber zwei Faktoren.
Zum einen die Fokussierung der traditionellen Medien auf Gewalt. Die Videos, die über die TikTok-Konten der grossen Medien veröffentlicht wurden, machten zwar nur 1.6 Prozent der Stichprobe aus. Sie erzielten aber 19 Prozent der Aufrufe und machten 56 Prozent der Videos aus, die Gewalt zeigten.
Die zweite mögliche Erklärung gemäss dem Politologen der Uni Zürich: der Wunsch nach Ablenkung. «Es gibt vielleicht auch ein Interesse daran, das anzuprangern, was auf TikTok passiert, um nicht über Forderungen und andere Themen sprechen zu müssen», meint Subtil.
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