«Liebe alles»: Diese Schweizerin ist eine Ausnahmesportlerin

Darum gehts
- Die 17-jährige Luzernerin Anja Grossmann verpasst am Juniorinnen-Zeitfahren der WM in Montreal das Podest um sieben Hundertstelsekunden.
- 2026 holte sie als Juniorin den WM-, EM- und Schweizer-Meister-Titel im Mountainbike sowie beide Strassen-Titel in der Schweiz.
- Ab 2027 fährt sie für das französische World-Tour-Team FDJ-Suez, wo auch ihr Idol Demi Vollering unter Vertrag steht.
Viele Nachwuchsathletinnen und -athleten sind im Umgang mit Medien zurückhaltend. Das ist verständlich: Mikrofone, Kameras und Erwartungen können einschüchtern, besonders wenn man noch wenig Erfahrung damit hat.
Anja Grossmann gehört nicht zu dieser Kategorie. Die Luzernerin wird erst in knapp einem Monat 18 Jahre alt. Doch nicht nur auf dem Velo wirkt sie bemerkenswert reif. Auch wenn sie über Rennen, ihre Karriere und ihr Leben als Athletin spricht, formuliert sie klar, reflektiert und mit erstaunlicher Selbstsicherheit.
«So ist das Leben, so ist der Sport»
Das zeigte sich am Dienstag nach dem Juniorinnen-Zeitfahren an der WM in Montreal besonders deutlich. Grossmann verpasste das Podest um gerade einmal sieben Hundertstelsekunden. Trotzdem brauchte es keine grossen Fragen, um ihre Emotionen und ihre Einordnung des Rennens zu erfahren. Ihre erste Antwort dauerte fast zwei Minuten, vorgetragen mit fester Stimme und einer kleinen Träne im Auge.
Dabei bestritt Grossmann erst ihr drittes Zeitfahren ihrer noch jungen Karriere. Zuvor war sie in dieser Disziplin lediglich an den Schweizer Meisterschaften gestartet. In anderen Bereichen hat sie sich jedoch bereits an Erfolge gewöhnt: auf dem Mountainbike, auf der Strasse und im Cyclocross.
«Ja, ich weiss, dass ich nicht immer alles gewinnen kann. So ist das Leben, so ist der Sport», sagte sie mit einem gewissen Widerwillen. «Ich war sehr, sehr verwöhnt, so viel gewinnen zu können, oder sogar alles in diesem Jahr im Mountainbike zu holen. Selbst die grössten Champions gewinnen nicht alles. Am besten zieht man daraus Lehren und schaut nach vorne. Ich habe noch zwei Tage, um mich auf das Strassenrennen vorzubereiten, und ich werde stärker zurückkommen.»
«Ich liebe einfach alles enorm»
Die Resultate der 17-Jährigen sind eindrücklich. 2026 wurde sie Schweizer Meisterin auf der Strasse und im Zeitfahren. Dazu gewann sie als Juniorin im Mountainbike den WM-, EM- und Schweizer-Meister-Titel. Die Vielseitigkeit wirft aber auch eine naheliegende Frage auf: Besteht nicht die Gefahr, sich auf Dauer zu verzetteln?
«Aber ich liebe einfach alles enorm», entgegnete sie. «Mein Ziel ist es, so lange wie möglich alle drei Disziplinen ausüben zu können. Aber das ist nicht einfach. Hätte ich mehr Zeit auf dem Zeitfahr-Velo verbracht, hätte ich in Kanada gewonnen oder eine Medaille geholt? Ich weiss es nicht. Aber ich habe meinen Weg gewählt. Für mich ist es der beste.»
Ein Traum geht für Grossmann in Erfüllung
Für die kommende Saison hat Grossmann beim französischen Team FDJ-Suez unterschrieben. Das Team zählt zu den renommiertesten Adressen im Frauen-Radsport und beschäftigt auch ihr Idol Demi Vollering. Die zweimalige Tour-de-France-Siegerin fährt dort seit dieser Saison.
FDJ-Suez will Grossmann die Möglichkeit geben, sich in mehreren Disziplinen weiterzuentwickeln. «Ich bin sehr dankbar dafür, denn sie verstehen, dass ich alle drei Disziplinen liebe», sagte das Schweizer Ausnahmetalent mit einem Lächeln. «Sie unterstützen mich bereits sehr gut, geben mir den nötigen Raum zur Entwicklung und helfen mir, wo immer sie können. Das ist wirklich ein Traum, der wahr wird.»
«Ich bin offen dafür, neue Sprachen zu lernen»
Ab 2027 wird Grossmann mit 18 Jahren in der World Tour fahren. Bis dahin steht neben dem sportlichen Fortschritt noch eine weitere Aufgabe an. Die Luzernerin hat vor Kurzem eine Ausbildung zur Kauffrau begonnen und wird für ihr neues Team zudem Französisch lernen müssen. Auf Englisch drückt sie sich bereits problemlos aus.
«Ich spreche noch nicht sehr gut Französisch, aber ich werde versuchen, es mit dem Team im nächsten Jahr zu lernen», versprach Anja Grossmann. «Wir werden sehen, wie es läuft, aber ich bin offen dafür, neue Sprachen zu lernen!»
Das Podest im Zeitfahren hat sie um einen Wimpernschlag verpasst. Der Eindruck aber bleibt: Anja Grossmann ist auf und neben dem Velo bereits viel weiter, als es ihr Alter vermuten lässt.
Robin Carrel (rca) ist Journalist und Leiter der Sportredaktion bei 20 minutes, wo er seit 2011 tätig ist. Er arbeitet ausserdem für lematin.ch.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
