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Monday, November 2, 2026

Undercover im Chat – Dating-Coaches kassieren 500 Euro für die «Wahrheit über Frauen»

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Die 28-jährige Elena Zeller wurde innerhalb eines Monats dreimal von verschiedenen Männern auf der Strasse angesprochen. Sie erzählt: «Ich bin über die Brücke am Ende der Zürcher Europaallee gelaufen, als mich ein junger Mann von hinten abgefangen hat. Er sagte, ich sei ihm aufgefallen, ich wirke so sympathisch.» Kurz darauf habe sie gesehen, wie er die nächste Frau angesprochen habe.

Moderne Betonstruktur mit geschwungener Rampe und blauem Himmel.
Legende: Elena Zeller wurde rund um die Europaalle in Zürich mehrfach angesprochen, das erste Mal auf dem Negrellisteg, der über das Gleisbett am HB führt. KEYSTONE / Christian Beutler

Zwei weitere Male sei fast dasselbe passiert. Es seien immer dieselben Sätze gefallen. «Ich dachte, das hat System», sagt sie. «Es fühlte sich unauthentisch an.»

Zehn Frauen pro Woche ansprechen

Auch Dennis spricht Frauen auf der Strasse an. Sein Motto: so authentisch wie möglich sein. Vor einigen Jahren war er unglücklich mit seinem Datingleben. «Ich sah ständig Frauen, die mir gefielen, aber sprach keine einzige an», erzählt er. Zu gross war die Angst vor Ablehnung. Also buchte er ein Dating-Coaching.

Mit seinem Coach ging er raus auf die Strasse und übte. Das Ziel: zehn Frauen pro Woche anzusprechen. Geschafft habe er das fast nie. Gelernt habe er vor allem: «Die Angst geht nie weg, auch nicht, wenn ich eine Million Frauen anspreche. Aber ich darf die Angst zeigen.»

An der Europaallee spricht Dennis eine Frau auf der Strasse an. Er geht auf eine junge Frau zu, nach einer halben Minute ist das Gespräch vorbei, ohne Nummer und ohne Date. Trotzdem geht er mit einem Lächeln weiter. Er habe sich getraut, sagt er. Solange beide mit einem guten Gefühl aus der Begegnung gingen, nehme auch er etwas mit.

Elena Zeller und auch andere Frauen erzählen, sie seien sich teilweise vorgekommen, als seien sie eine Übung, als sie angesprochen worden seien. Vor allem, wenn die Männer kurz darauf weitere Frauen angesprochen hätten.

Dennis könne das nachvollziehen, habe das aber selbst so noch nicht erlebt. «Die Frau spürt recht gut, ob das von Herzen kommt», fügt er hinzu.

Abtauchen in die Manosphere

Manche Dating-Coaches und Content Creator gehen in ihrem Vorgehen deutlich weiter: Fabrizio Rausa ist 22, Schweizer und auf Youtube, Tiktok und Instagram aktiv. In seinen Videos spricht er Englisch und nennt Frauen konsequent «Bitches». Er gibt Tipps fürs Online-Dating, propagiert ein dominantes Männerbild und rät Männern, ihre Partnerinnen zu betrügen.

Auf seiner Website bewirbt er einen exklusiven Telegram-Chat. Er verspricht unter anderem direkte Gespräche und Feedback zu Dating und Beziehungen. Dazu verspricht er «die wahre Wahrheit über Frauen, die man in keinem öffentlichen Video findet». Der Eintritt kostet 500 Euro. Wer rein will, muss sich bei Fabrizio persönlich bewerben.

In seinem zweiten, öffentlichen Discord-Chat, kann jedermann mitlesen. Dort schreibt Fabrizio, Männer sollen dominant sein: «Sie ist schwächer, kleiner, dümmer (…) Du bist von Natur aus dominant.»

Er rät Männern, Frauen ihre körperliche Unterlegenheit spüren zu lassen: «Du musst verstehen: Im Schlafzimmer zeigst du deine Fähigkeit zur Gewalt. Nicht, dass du ihr ein blaues Auge verpasst, sondern dass du ihr körperlich überlegen bist. Sie fühlt sich gut mit dir, weil sie sich sicher fühlt.»

Ein anderer User prahlt, Frauen für Onlyfans und Webcam-Seiten zu rekrutieren: «Onlyfans, Sugar Baby, Webcam. Ich mache sie zu meiner unbezahlten Sklavin, die meine Aufgaben für mich erledigt, einer Vermittlerin, die mir mehr Bitches bringt.»

Undercover im exklusiven Chat

Wenn solche Zeilen in einem öffentlichen Chat gepostet werden, was passiert dann im kostenpflichtigen, privaten Telegram-Chat? SRF Impact versucht, verdeckt in Fabrizios exklusiven Chat hineinzukommen.

Auf die Frage hin, was man von diesem Chat erwarten kann, antwortet Fabrizio per Sprachnachricht. Der Chat sei kein richtiges Coaching, sondern ein Austausch unter Kollegen. Wer mehr wolle, müsse ein deutlich teureres Einzel-Coaching buchen.

Danach will Fabrizio einiges wissen: Beruf, Träume und Ziele im Leben. «Ich muss wissen, aus welchem Holz du geschnitzt bist», sagt er. Am Ende ist Fabrizio von den Antworten überzeugt: «Dann holen wir dich mal in die Gruppe.»

Geschafft. Kurz vor der Zahlung wollen wir wissen, was man für das Geld bekommt und was der Unterschied sei zwischen dem öffentlichen Discord und dem exklusiven Telegram-Chat. Als Antwort beschimpft uns Fabrizio als «Pussy» und veröffentlicht den Chatverlauf auf seinem öffentlich zugänglichen Telegram-Kanal. Einen Tag später schliesst er seinen Discord-Server. Den Preis seiner exklusiven Gruppe hat er inzwischen auf 1000 Euro erhöht.

Wir geben uns anschliessend zu erkennen und laden Fabrizio zu einem Interview ein. Er lehnt ab. Auch auf die schriftlich zugestellten Fragen antwortet er nicht.

Ein perfides Geschäftsmodell im Hintergrund

Was bewegt Männer wie Fabrizio zu ihrem Verhalten? Das wollen wir von Tobias Ginsburg wissen. Er ist deutscher Autor und Journalist. Seit Jahren recherchiert er – auch undercover – zu digitalen Männerwelten.

Tobias Ginsburg hat das Buch «Die letzten Männer des Westens» geschrieben: eine tiefgehende Untersuchung der antifeministischen Strömungen und der rechten Männerbünde in der heutigen Gesellschaft.

Der Autor begibt sich in dem Buch auf eine einjährige Undercover-Recherche, um die Ängste und den Hass zu verstehen, die von verschiedenen Gruppen propagiert werden.

Das Geschäftsmodell ziele auf junge Männer ab, die einsam vor dem Computer sitzen. Am Anfang stehe ein Wunsch: eine Freundin, Liebe, oder einfach nicht mehr allein sein. Gerade die Gen Z und Gen Alpha seien digital vereinsamt. Er erklärt: «Nach und nach wirst du da hineingezogen. Sie vermitteln ein Männlichkeitsbild, das ausschliesslich aus Stärke, Dominanz und Brutalität besteht.»

«Zu glauben, das sei normal, ist eine Katastrophe»

Im Kern gehe es um nichts anderes als Geld, sagt Ginsburg. Nach den ersten 500 Euro wollten Leute wie Fabrizio noch einmal 500 Euro. Eine Freundin könne gar nicht das Produkt sein, denn habe der Kunde eine, sei er weg. Erzähle man ihm hingegen, sein Problem sei, dass er nicht wisse, was ein Mann sei: «Dann hat er einen Klienten fürs Leben gefunden.»

Dass Menschen glauben, es sei normal, über andere Menschen zu reden wie über Kapital, ist eine Katastrophe.

Viele dieser Coaches seien selbst kaum älter als ihre Kunden, sagt Ginsburg. Mit 17 oder 18 hätten sie angefangen, Geld in Selbstoptimierung zu stecken. Glücklich seien sie davon nicht geworden. Also verkaufen sie weiter, was man ihnen verkauft hat: ein Schneeballsystem sozusagen.

Das Problem sei die Reichweite dieser Männer-Coaches, meint Ginsburg. Junge Männer und Frauen würden so lange mit dieser Sprache zugeschüttet, bis sie glaubten, das sei die Regel. «Dass Menschen glauben, es sei normal, über andere Menschen zu reden wie über Kapital, ist eine Katastrophe», sagt Ginsburg.

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