„Propadanga“-Theater in Hannover: Trügerisch unterhaltsamer Generationenzwist

Nils Zapfes „Propadanga“ spielt dem Publikum nicht nur etwas über die Mechanismen von Desinformation und Demagogie vor – es erfährt sie am eigenen Leib.
Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz/Staatstheater Hannover
Ein, zwei, drei „Kackvögel“: So werden die Weißclowns genannt, die zum Unterhaltungsprogramm laden. Eines, wie es gut vorstellbar ist auf Hochzeits- oder Geburtstagsfeiern: Es gibt Spiele, Preise, Witze, Lieder, Tänze, alberne Plaudereien, Fragen ans Publikum, Fotos und Erzählungen aus Kindheitstagen. Dazwischen sind ein paar ernste Anmerkungen platziert.
„Propadanga“ nennt Autor und Regisseur Nils Zapfe diese Performance auf einer Showtreppe am Staatstheater Hannover. Die verdrehten Buchstaben im Titel sollen klarmachen: An diesem Abend soll alles „funny und charming“ sein. Eine anheimelnd locker-lustige Atmosphäre wird erzeugt. Nicht, um sich mit Mechanismen der Beeinflussung des Denkens, Fühlens, Handelns von Menschen kritisch auseinanderzusetzen. Sondern um sie zu praktizieren. Auf dass jeder im eigenen Leib erfahre, wie Propaganda (ohne verdrehte Buchstaben) funktioniert.
Publikum wird umsortiert
Um die Zuschauenden aus ihren Bezugsgruppen zu holen und in eine neue, nun etwas verunsicherte, für Demagogisches empfänglichere Gesellschaft zu bringen, werden sie genötigt, sich dem Alter gemäß zu platzieren. Bis alle richtig sitzen, vom 9-Jährigen unten links bis zur 70-Jährigen oben rechts auf der Tribüne, das dauert.
Dann geht es los: mit der Behauptung, die Erwachsenen hätten schon immer über die Jugend geschimpft. Elterliche Maßregelungssätze werden vorgetragen und kulminieren in dem Satz: „Jeder Ratschlag ist ein unsichtbarer Baseballschläger.“ So sollen sich Jugendliche emotional abgeholt fühlen: Diese Stückentwicklung ist für „Menschen ab 13 Jahren“ und ganz viele Schulvorstellungen gedacht.
Das Stück
„Propadanga“, Staatstheater Hannover/Ballhof 2.
Nächste Vorstellungen: Mo, 5.10.; Fr, 30.10.; Do, 5.11. (mit Simultanübersetzung in die deutsche Gebärdensprache)
In sachlichem Tonfall kommt dann zum Vortrag, es gebe überhaupt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Deutsche erst mit 18 Jahren volljährig sein dürfen. Vielleicht sollen die sogenannten Minderjährigen nur möglichst lange als Minderwertige behandelt werden? Das Älteren-Bashing läuft auf eine These zu: Unsere Welt steht an einem Kipppunkt – „Gletscher brennen, Bomben fallen, Wälder schwinden, doch keine Argumente wollen zünden“ – und schuld sind, natürlich, die Erwachsenen. Sie seien es, die „eine Zukunft ohne Angst“ verhinderten, von der eine unschuldige Jugend träume.
Die unangenehme Stimmungsmache wirkt zunehmend grotesk, jedes Augenzwinkern fehlt. Stattdessen wird mit freundlicher Selbstverständlichkeit eingeworfen, es gebe viel mehr alte als junge Wahlberechtigte. Deswegen müssten zwei Forderungen durchgesetzt werden: „Wahlrecht ab Geburt“ und dass bei demokratischen Entscheidungen die Stimmen nach Alter abgestuft gewertet werden: siebenfach für 0- bis 10-Jährige, einfach für 70-Jährige.
Mit dieser Maßgabe wird das Publikum selbst zur Abstimmung gebeten: Sollen alle Ü40 aus der weiteren Vorstellung ausgeschlossen werden? Intendant Vasco Boenisch, 46, ist dafür, die Mehrheit dagegen. So darf auch der Rezensent bis zum Ende bleiben: Da wird das Publikum dazu aufgefordert, die frisch erprobte Schwarz-Weiß-Sicht mit in die Welt da draußen zu nehmen.
Doppelbödige Desinformation
Es endet also ein scheinbar skandalös unreflektierter Abend, mit dem das überzeugende Entertainer:innentrio Shirin Eissa, Nils Rovira-Muñoz und Anne Stein Bevölkerungsgruppen gegeneinander scheint aufwiegeln zu wollen: Können anwesende Jugendliche, als Gute dargestellt, sich nicht cool und überlegen fühlen? Nicht ganz.
Für den Heimweg bekommen die Zuschauer:innen jedes Alters einen QR-Code ausgehändigt. Nach dem Klick zeigen Zapfe und die Seinen minutiös auf, wie sie für „Propadanga“ Informationen und Meinungen vermischt haben, Vereinfachungen, Übertreibungen und Wiederholungen genutzt, an Angst, Hass und Stolz appelliert; bestehende Vorurteile haben sie aufgegriffen und verstärkt, Aussagen sollten durch Verzerrung, Halbwahrheit und Lüge glaubhaft gemacht werden. Und sie legen offen, auf welche Beispiele vor allem aus der NS-, aber auch der Trump-Zeit sie sich dabei beziehen. Da kann also jede:r nachlesen, wie er:sie verarscht wurde.
Bei, eben, nicht gespoilertem Zugang funktioniert „Propadanga“ als eine Art betreute Selbsterfahrung. Der Abend ist eine aufregend gelungene Übung, resilienter zu werden gegen Desinformationskampagnen.
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