Aus der Schmoll-Ecke: Audi - Vorsprung durch Wokeness und Anbiedern

Aus der Schmoll-EckeAudi - Vorsprung durch Wokeness und Anbiedern

Statt die Zeichen der Zeit zu erkennen, folgte Audi dem Zeitgeist. Ein Jahr fummelte der Konzern an seinen Richtlinien für "gendergerechte Sprache". Derweil rollten die Chinesen den Automarkt auf. Und nun stellt sich der Audi-Chef neben einen Präsidenten, der den Klimawandel für Stuss hält.
Geschätztes Publikum, Sie kennen mich und glauben mir, wenn ich behaupte: Ein patriotischer Sehr-Gutmensch wie ich fährt ein Auto "Made in Germany". Tatsächlich besaß ich - bis auf einen Peugeot Anfang der Neunziger - nur heimisch produzierte Fahrzeuge, alle gebraucht gekauft: zwei Volkswagen (Polo und Golf), ehe ich zu einem Audi A3 Diesel kam, den ich sehr gern mochte. Mit ihm war ich mehrfach in Frankreich und Italien, ohne je Probleme und Angst gehabt zu haben, nicht mehr nach Hause zu kommen. Ende 2024 musste ich ihn wegen eines Motorschadens bei 277.000 gefahrenen Kilometern, von denen rund 200.000 auf meine Radkappen gingen, für zwei Äppel und drei Eier verkloppen.
Obwohl ich mit dem Lebensstil der diversen Yuppies in der Audi-Werbung nichts zu tun habe, wollte ich mir wieder ein Gefährt der Ingolstädter Marke anschaffen. Ich ging auf die offizielle Webseite des Herstellers – die leider nicht funktionierte. Die Suchkriterien, die ich eingab, zeigten viele Autos an, aber nicht die, nach denen ich fahndete. Das ging nicht stunden- oder tage-, sondern wochenlang so. Ich schrieb Audi und man erklärte mir, was ich längst wusste: technischer Fehler. "Wir arbeiten dran." Ich dachte: Seid ihr nicht die mit "Vorsprung durch Technik"? Und dann dauert es Ewigkeiten, eine Webseite zu reparieren? Mir wurde es zu bunt. Ich stieg auf BMW um, was ich nicht bereut habe, zumal ich ein wahres Schnäppchen fand, da vor zwei Jahren Benziner kaum mehr gefragt waren. Danke, Ursula von der Leyen!
Der verkorkste Internetauftritt stand im Einklang mit dem Bild, das ich inzwischen von Audi (und Volkswagen) habe, das wiederum zur allgemeinen – mindestens gefühlten – Entwicklung in Deutschland passt: Es geht bergab. Die Autoindustrie war immer das Aushängeschild unserer Industrien. Heute steht sie für Probleme, wenn nicht Niedergang. Der Dieselskandal erwies sich als böses Omen. Bis heute mutet es unglaublich an, dass Manager von Unternehmen mit tadellosem Ruf genau diesen aufs Spiel setzten. Man führe sich vor Augen: Rupert Stadler, von 2007 bis 2018 Audi-Chef, ist für die Tricksereien, gesetzliche Abgasnormen zu umgehen, rechtskräftig wegen Betrugs durch Unterlassen verurteilt worden. Das stinkt zum Himmel. Die Chinesen waren derweil dabei, den Automarkt aufzurollen.
Audi und Volkswagen setzten zum Konter an. Den Verlust an Vorsprung durch Technik wollte das Management durch Anbiederei an den woken Zeitgeist und junge Leute aufholen, nicht ahnend, dass die mal links und dann wieder rechts wählen und anstatt für Klimaschutz und die Verkehrswende im Jahr 2026 gegen die Wehrpflicht, den ungelenken Kanzler, die AfD und für die Abschaffung Israels demonstrieren. Mitte 2021 schaffte eine VW-Kantine in Wolfsburg die Currywurst ab, da sich nach Angaben der Chefetage von Volkswagen Unmengen an Mitarbeitern vegetarische und vegane Gerichte wünschten und Nachhaltigkeit eine ganz wichtige Sache ist. Was ja stimmt. Aber was bringt die Abschaffung der Currywurst in einer Kantine im Vergleich zu Autoabgasen etc.? Nur (schlechte) PR.
"AudianerIinnen" gehören der Vergangenheit an
Im März 2021 führte Audi konzernweit "gendergerechte Sprache" ein, um die Vielfalt der allein in Deutschland mindestens 84 Millionen Geschlechter besser abzubilden. "Wertschätzung, Offenheit, Verantwortung und Integrität sind die Basis unserer Unternehmenskultur", erklärte eine Managerin, die für das Absondern von derlei Banalitäten vermutlich mehr Geld im Monat bekam als ein am Fließband Werkelnder bei Audi im ganzen Jahr. Von nun an bauten "AudianerInnen" diverse Fahrzeuge, die Audi-"HändlerInnen" an "KundInnen" verhökern sollten, was aber nicht so wirklich klappte. Damals hieß es, dass die Richtlinien, wie man gefälligst zu reden hat, damit die von Schadstoffen erdrückte Welt endlich besser wird, "ein Jahr lang von einer Projektgruppe ausgearbeitet worden" seien und "in der internen und externen Kommunikation" gelten sollten. Ein Jahr widmete sich ein Konzern Unterstrichen und Gendersternchen? Die müssen Zeit und Kohle haben.
Ich habe damals recherchiert, weil ich eine Kolumne über Vorsprung durch Gendern verfassen wollte, habe aber verzichtet, da mir das Thema auf die Nerven ging. Die Aufzeichnungen habe ich noch. Auf den Webseiten der "HändlerInnen", "VertragspartnerInnen" von Audi, war weiter von "unsere Ansprechpartner" die Rede. Eine Im-Vorstand-Seiende, verantwortlich für den Vertrieb (Vertrieb, nicht Vortrieb), traf sich im Stadion des FC Bayern München mit Oliver Kahn. Das Gespräch, festgehalten für den Audi-Youtube-Kanal, wurde erst nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Gender-Fortschritts veröffentlicht. Trotzdem redete die Im-Vorstand-Seiende nur über "Mitarbeiter", "Spieler" und der "Trainerbank", obwohl es ja nun "MitarbeiterInnen", "SpielerInnen" und "TrainerInnenbank" hätte heißen müssen: Schließlich könnten Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Co. das ihnen bei Geburt zugewiesene Geschlecht ablehnen, es aber geheim halten.
Die Im-Vorstand-Seiende erklärte: "In der Vergangenheit war Vorsprung, weißt du, wir kommen aus einer Generation, in der man Auto-Quartett gespielt hat: schneller, höher, weiter. Das hat funktioniert." Nun gehe es Audi um "Vorsprung, der auch einen Beitrag an die Gesellschaft leistet: Also denk an CO2, denk an das ganze Umweltthema. Wir wollen aktiv etwas gestalten und aktiv unseren Beitrag dazu leisten." Und: "Klimaschutz erlaubt einfach keinen Aufschub." Deshalb bekamen die SpielerInnen von Bayern München "E-Trons" und nicht mehr, wie es das Klischee wolle, "große Boliden". Thomas Müller war der Schilderung nach sehr angetan. "Den habe ich aus dem E-Tron gar nicht mehr rausgekriegt." Als Dienstwagen wählte er einen Audi RS E-Tron GT performance "mit 750 PS in Daytonagrau Perleffekt", wie durchaus seriöse Quellen berichteten.
Nach dem Fortschritt kam der Rückschritt
Das alles war Bestandteil des 2020 vorgestellten neuen Werbeslogans "Future is an attitude", also "Zukunft ist eine Haltung", was PR-Fachleute so deuteten: "Hin zu einer progressiven Geisteshaltung, die Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Design und neue Formen der Mobilität prägen soll". Nach dem Fortschritt kam der Rückschritt. Die Gendersprache kassierte Audi in der verkündeten Form wieder ein und ersetzte sie durch neutrale Begriffe wie Beschäftigte, Teams, Autobauende, Reifenaufziehende und Scheibenwischende. In allen VW-Kantinen gibt es wieder Currywurst. Bei Wikipedia heißt es: "Seit Mitte Juli 2025 wird unter der Bezeichnung "Volkswagen Currywurst mit Ketchup" eine 350-g-Convenience-Menüschale für die Mikrowelle in ausgewählten Supermärkten (EDEKA, Netto) angeboten." Die klimaschutzfreundliche Im-Vorstand-Seiende verließ übrigens den Konzern.
Weltrettung mit Audi? War gestern. Dafür stellte sich Audi-Chef Gernot Döllner kurz vor einer bedeutenden Wahl in den USA neben den Mann, der Putin geil findet, den Klimawandel für Stuss hält, Wokeness nicht nur verdammt, sondern mit faschistoiden Mitteln bekämpfen lässt und Politik als Mittel zur Bereicherung seiner Familie und Vertrauten versteht. Als Wahlkampfgeschenk, das zum Glück nichts brachte, verkündete Herr Döllner Milliardeninvestitionen, während in Deutschland Tausende Stellen gestrichen werden und Audi seine bis dahin lobenswerte Kulturförderung stark kürzt. Ein echter PR-Coup.
Audi erklärte, "wir" seien "gebeten" worden, "unsere Pläne gemeinsam mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika öffentlich vorzustellen". Das klingt wie: Mister Döllner, haben Sie noch ein wenig Zeit oder müssen Sie schnell zurück? "Die Entscheidung, dieser Einladung zu folgen, haben wir ausschließlich im Interesse des Unternehmens getroffen." Ökonomisch ist das Investment von Audi in den USA absolut nachvollziehbar. Aber sich mit jemandem auf eine Bühne zu stellen, der den Europäern den Handelskrieg erklärt hat? Ja, wir Deutschen haben es mit dem globalen Schwingen der Moralkeule in den vergangenen Jahren übertrieben. Aber man kann es auch mit dem Schleimen vor Typen wie Blitzfrieden-Trump übertreiben, finde ich. Meinetwegen. Ich bin jetzt BMW-Fahrer unter dem Himmel mit und ohne Gendersternchen.
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