Kultur im Osten: Mehltau des Verdachts

Künstler gelten in Ostdeutschland als Systemlinge, denen nicht zu trauen ist. Waren die Ziele partizipativer Kunst zu ambitioniert?
Foto: Stefan Boness
N eulich rief ein Freund an. Unsere Väter waren Kollegen an einer ostdeutschen Hochschule gewesen, beide Naturwissenschaftler. Jetzt rief er mich an, weil sein Vater, Professor im Ruhestand, einem organisierten Verbrechen auf der Spur war. Ja, ich hatte richtig gehört. Das heißt, nicht er selbst war auf der Spur, sondern Sonderermittler des Bundeskriminalamts. Sie hatten Kontakt zu ihm aufgenommen, weil sein Fachwissen hilfreich sein konnte.
Die Verbrecher, um die es ging, operierten europaweit und, wie oft in solchen Fällen, war es schwer, ihnen auf die Spur zu kommen. Sie hatten Verbindungen in staatliche Institutionen hinein, bekamen Hinweise aus Verwaltung, Justiz, Polizei. Die Sonderermittler operierten konspirativ und inzwischen auf eigene Faust. Unter dem Druck der Verbrecher nämlich, so der Vater des Freundes, waren vom Bundeskriminalamt alle Mittel gestrichen worden. Sie standen kurz davor, einen Mafiaring auszuheben, und jetzt war ihnen von einem korrupten Abteilungsleiter das Geld gestrichen worden.
Sein Vater, so erzählte der Freund, bot sofort seine Hilfe an. Er nahm einen Jutebeutel, ging zur Sparkasse, hob 15.000 Euro ab, begab sich zu einem konspirativen Treffpunkt unter einer S-Bahn-Brücke, übergab den Sonderermittlern das Geld, dankte ihnen von Herzen für ihre Arbeit und ging zufrieden nach Hause. Vielleicht war Deutschland ja doch noch zu retten!
Bild: Daniel Sadrowski
Aljoscha Begrich
ist 1977 in Barby, DDR-Bezirk Magdeburg, aufgewachsen. Er ist Dramaturg und Kurator unter anderem des Festivals OSTEN, das er auch leitet.
Christian Tschirner
geboren 1969, aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, ist ein deutscher Theaterregisseur. Er ist unter anderem Kurator des Festivals OSTEN.
Dass ein kritisches Bewusstsein nicht davor schützt, Opfer eines Betrugs zu werden, lässt sich nicht nur in Ostdeutschland beobachten. Wenn die Opfer stolz darauf sind, sich eine eigene Meinung bilden und kausale Zusammenhänge scheinbar selbst erkennen zu können, findet der Betrug gerade im kritischen Bewusstsein ein ideales Einfallstor. Er keimt aus eins oder zwei Körnchen Wahrheit – echte Notlagen, Missstände, Ängste – und kann, bei entsprechender Pflege, als handfeste Paranoia erblühen.
Wetten, die Demokratie gewinnt?
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.
Immer neue Einzelheiten können ans Licht gezerrt, neue Verbindungslinien und Zusammenhänge geknüpft werden – die Logik des Verdachts kennt keine Grenzen. Und je weiter sie um sich greift, je mehr Menschen, Ideen, Institutionen der Verdacht erfasst, umso befriedigender ist das Gefühl, das sich bei jenen einstellt, die ihn hegen. Wusste ich’s doch! Wie dumm doch alle anderen sind! Wie gut, dass wenigstens ich noch selbst denken kann!
Im Osten Deutschlands sind staatliche Institutionen, Behörden, Gerichte, Medien, Universitäten, Schulen, zivilgesellschaftliche Organisationen, kurzum: alles, was mit Öffentlichkeit oder Staat in Verbindung gebracht werden kann, vom Mehltau des Verdachts befallen. Lieber übergibt man Geld und Vertrauen im Jutebeutel unter irgendeiner S-Bahn-Brücke, als denen noch zu glauben. Dubiose Modalitäten sind inzwischen Qualitätsmerkmal für Seriosität und Anstand.
Auch die meisten Kultureinrichtungen gelten inzwischen als systemkonform und ideologisch verstrahlt. Ein Verdacht, der von den politischen Sonderermittlern (neuerdings auch von politischen Mandatsträgern) nach Kräften geschürt wird.
Die Kultureinrichtungen reagieren oft mit einer Art Wagenburgmentalität: Sie schließen sich enger zusammen und verteidigen umso entschlossener die bestehenden – liberalen, demokratischen, rechtsstaatlichen – Verhältnisse. Was Verdacht und Misstrauen natürlich erhärtet – ein Teufelskreis. Eine andere Strategie kann man von trotzkistischen Kadergruppen lernen: Ein Verdacht lässt sich ausräumen, wenn man sich selbst an die Spitze der vermeintlichen Aufklärer stellt. Zum Beispiel, indem man – wie jüngst auf einer Fachtagung vorgeschlagen – ein paar völkische Stoffe auf die Theaterbühnen bringt. Während es so durchaus gelingen kann, den Verdacht von sich selbst abzuwenden, bedient die Strategie doch die Steigerungslogik allgemeinen Misstrauens.
Alles ist Hinweis
Nicht, dass es keinen Grund gäbe, kritisch oder misstrauisch zu sein – es gibt zu viele. Und der Versuch, gesellschaftliche Öffentlichkeit herzustellen, und sei es nur die bescheidene Öffentlichkeit eines Festivals für Kunst und gegenseitiges Interesse, gerät in einem solchen Klima zur Herausforderung. Sprache, Kleidung, Essen, Frisur – alles ist Hinweis, alles erhärtet den jeweiligen Verdacht.
Es ist, als versuche man einen Ort des Austauschs und Dialogs zu schaffen und befinde sich dabei in einem conspiracy room, wie man ihn aus alten Kriminalfilmen kennt, wenn die Polizei endlich den Unterschlupf des paranoiden Täters gefunden hat: Alle Wände sind mit Bildern, Zeitungsschnipseln, Studien, Parolen, Fakten und einem wirren Netz von Zusammenhängen bedeckt.
Wenn wir auf dem Festival OSTEN (Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, das diesen September wieder stattfindet; d. Red.) trotzdem versuchen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, dann mit dem Hinweis, den Blick doch bitte immer schön auf den Boden zu richten. Auf das Naheliegende. Wo stehen wir, was ist der gemeinsame Grund?
Wie Schafe zusammenstehen
Und dann: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen, so weit der gemeinsame Boden eben reicht. Vielleicht eine Wasserrutsche bauen, weil es im Sommer heiß ist und ein Freibad fehlt. Oder auf der alten Industriebrache gemeinsam Schafwolle spinnen und färben. Oder auf einem rückgebauten Plattenbau gemeinsam einen Kartoffelacker anlegen. Oder einfach „wie Schafe in der Gefahr dicht beisammenstehen“ (Ece Temelkuran).
Das alles wird nicht verhindern, dass wir als Propagandisten des Systems wahrgenommen werden, als Systemlinge. Die Sonderermittler kann man nicht täuschen. Aber, hey, auch wenn man nicht der gleichen Verschwörungstheorie anhängt, kann man doch gemeinsam Spaß haben. Sogar Hoffnung schöpfen. Zugegeben, die Demokratie wird das nicht retten. Und auch die Klimakatastrophe nicht stoppen. Vielleicht waren die pädagogischen Ziele partizipativer Kunst in letzter Zeit auch ein bisschen zu ambitioniert. Oder?
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