Jugend im Westjordanland – Eine (ganze) palästinensische Generation wird alleine gelassen

Als Mahmoud Abbas im Januar 2005 Palästinenserpräsident wurde, war der grösste Teil der palästinensischen Bevölkerung im Kindergartenalter oder noch nicht einmal auf der Welt. Rund 60 Prozent sind heute 24 oder jünger. Ihr Alltag ist von Unsicherheit und Gewalt geprägt; und von der Erfahrung, dass sie keine politische Vertretung haben.
Razzien im Haus seiner Familie
Mujahid ist dreizehn Jahre alt und lebt mit seiner Familie in einem Block am Rand von Dschenin. Die Stadt im Norden des besetzten Westjordanlandes ist, gemäss internationalen Abmachungen, unter Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Davon hat der Jugendliche jedoch nie etwas gespürt. Seit seiner Kindergartenzeit habe er Razzien der israelischen Armee erlebt, auch im Haus seiner Familie. Diese lebte bis 2025 im Flüchtlingslager Dschenin, einem dicht besiedelten Stadtteil, der als Hochburg militanter Palästinenser galt. Entsprechend häufig belagerte die israelische Armee den Stadtteil.
Früher habe ich noch geweint, wenn mich die Soldaten schlugen. Heute verdrücke ich höchstens noch eine Träne, wenn es ganz hart wird.
Als ich den Zehnjährigen dort im September 2023 traf, sagte er mit der Abgeklärtheit eines Erwachsenen: «An die Gewalt habe ich mich gewöhnt. Früher habe ich noch geweint, wenn mich die Soldaten schlugen. Heute verdrücke ich höchstens noch eine Träne, wenn es ganz hart wird.»
Es wurde für Mujahid noch härter. Die Familie hat ihr Zuhause verloren. Die israelische Armee, und später auch die Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde, kämpften monatelang gegen bewaffnete palästinensische Gruppierungen im Flüchtlingslager.
Ich weiss nicht, wofür die Gewalt gegen unser Haus gut sein soll. Wahrscheinlich, damit wir nicht zurückkehren.
Die gesamte Bevölkerung wurde vertrieben. Im Sommer dieses Jahres sagte der 13-Jährige: «Als der Gaza-Krieg begann, haben sie auch uns bedrängt, aber niemand beachtete, was mit uns passierte. Sie vertrieben die Menschen aus dem Lager. Und töteten diejenigen, die blieben.»
Mujahid versteht nicht, warum die Soldaten sein Haus zerstört haben. «Diese Gewalt gegen unser Haus: Ich weiss nicht, wofür das gut sein soll. Wahrscheinlich, damit wir nicht zurückkehren. Deshalb haben sie unser Haus abgerissen.»
Schlimmer noch als der Verlust seines vertrauten Daheims ist für den 13-jährigen Mujahid der Verlust seines sozialen Umfeldes. Vorher sei sein bester Freund sein Nachbar gewesen.
«Ich musste nur aus dem Fenster rufen, und mein Freund hörte mich. Jetzt muss ich weit fahren, um ihn zu treffen. Als wir Nachbarn waren, redeten wir jeden Tag. Jetzt sehen wir uns kaum noch, und Fussball spielen mit unseren anderen Freunden können wir auch nicht mehr.»
Auch die neue Wohnung wurde gestürmt
Mujahid macht die Erfahrung, dass niemand die Gewalt stoppen kann, die seinen Alltag prägt. Israelische Soldaten hätten auch die neue Wohnung der Familie in Dschenin gestürmt, und im Flüchtlingslager erlebte er, wie die Sicherheitskräfte des Palästinenserpräsidenten auf Palästinenser, also auf die eigenen, schossen.
Schon als Zehnjähriger sagte er, mit der Gewalt wolle er nichts zu tun haben. Als 13-Jähriger bleibt er dabei. Er möchte noch immer Journalist werden. Von der Politik erhofft er sich gar nichts. «Was soll's, Gott hat uns dieses Schicksal gegeben.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.