Nach Bondo-Prozess – Schweizer Wanderwege: Zwischen Vorsicht und Eigenverantwortung

Acht Menschen starben vor neun Jahren beim Felssturz von Bondo. Der Prozess dazu ist zu Ende und wirft grundsätzliche Fragen zur Sicherheit auf Schweizer Wanderwegen auf. Michael Roschi, Geschäftsleiter der Schweizer Wanderwege, über die Angst vor präventiven Sperrungen und die Eigenverantwortung der Wandernden.
Michael Roschi
Geschäftsleiter Schweizer Wanderwege
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Michael Roschi ist seit 2015 Geschäftsleiter der Schweizer Wanderwege. Die Dachorganisation der kantonalen Wanderwegvereine kümmert sich um die Planung und Qualitätssicherung der Wanderweginfrastruktur.
SRF: Der Entscheid, Wanderwege zu sperren, liegt bei den Behörden, nicht bei den Schweizer Wanderwegen. Dennoch: Was löst dieser Fall bei Ihnen aus?
Michael Roschi: Der Fall löst grosse Betroffenheit aus. Wir haben uns sofort überlegt, wie wir die Behörden und Gemeinden künftig besser beraten können, damit solche Ereignisse möglichst verhindert werden. Dazu haben wir, zusammen mit dem Bundesamt für Strassen, einen Leitfaden zur Gefahrenprävention erarbeitet.
Könnte es sein, dass Behörden aus Angst vor einer Haftung künftig Wanderwege leichtfertiger sperren?
Das wird sich zeigen. Wir hoffen aber, dass jetzt nicht präventiv grossflächig Wanderwege gesperrt werden.
Man setzt sich gerade auf Berg- und Alpinwanderwegen einem gewissen Risiko aus.
Sie betonen die Eigenverantwortung der Wandernden. Aber können diese wissen, welche Gefahren drohen?
Die Eigenverantwortung ist hoch zu gewichten, gerade auf Berg- und Alpinwanderwegen. Man setzt sich dort einem gewissen Risiko aus. Grosse Ereignisse wie Felsstürze sind für Laien aber kaum vorhersehbar. Da braucht es Fachexperten, die die Lage beurteilen und Wanderwege nötigenfalls sperren.
Was bedeutet die gesetzliche Vorgabe, Wege müssten «möglichst gefahrlos» sein?
Das hängt von der Kategorie ab. Auf gelb markierten Wanderwegen kann man davon ausgehen, dass alle Gefahrenstellen gesichert sind. Auf rot-weissen Bergwanderwegen hingegen erwarten wir, dass Wanderer trittsicher, schwindelfrei und gut ausgerüstet sind. Auf alpinen Wanderwegen sind die Anforderungen an die Wandernden und deren Eigenverantwortung noch einmal höher. Es gibt nur noch wenige Sicherungen.
Ereignisse, bei denen grossflächig viele Wege gesperrt werden, nehmen zu.
Nimmt die Zahl an Wanderwegen, die vorübergehend geschlossen werden müssen, zu?
Sie nimmt nicht stetig zu. Es gibt aber immer wieder Ereignisse, nach denen in gewissen Regionen gleich mehrere Wege geschlossen werden müssen. Etwa im Frühling 2025, als nach dem grossen Schneefall im Wallis viele Bäume auf Wanderwege gefallen sind. Damals hat man grossflächig viele Wege gesperrt. Solche Ereignisse nehmen zu.
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass offene Wege sicher sind.
Durch die Klimaerwärmung steigt die Gefahr von Felsstürzen oder Murgängen. Wie soll man als Wanderer damit umgehen?
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass offene Wege sicher sind. Aber alpine Gefahren und das Wetter können sich sehr schnell verändern. Ich rate allen, immer einen Plan B zu haben. Wenn sich das Wetter oder die eigene Verfassung ändern, muss man wissen, wo man die Tour abkürzen kann, um unversehrt zurückzukommen.
Wir hoffen, dass der Prozess nicht dazu führt, dass verängstigte Gemeindevertreter Wanderwege nun zu vorsichtig und grossflächig sperren.
Am 4. September wird das Urteil zum Fall Bondo verkündet. Was soll dieser Prozess Ihrer Meinung nach auslösen?
Wir hoffen, dass er nicht dazu führt, dass verängstigte Gemeindevertreter Wanderwege nun zu vorsichtig und grossflächig sperren. Gezielte, temporäre Sperrungen bei konkreter Gefahr sind wichtig und richtig. Aber vorsorgliche, grossflächige Sperrungen wären der falsche Ansatz und sicher nicht im Sinne der Wandernden.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.