Wettrüsten im All – «Der Weltraum ist längst Teil der Kriegsführung»

Das Wettrüsten der Grossmächte hat sich inzwischen ins All verlagert. Satelliten spielen in der modernen Kriegsführung eine entscheidende Rolle. Russland und China entwickeln mutmasslich Waffen für den Einsatz im All. Nun hat das Pentagon bestätigt, dass auch die USA Waffen im Weltraum stationiert haben. Antje Nötzold, Expertin für Weltraumsicherheit, erklärt, was dazu bekannt ist und was das bedeutet.
Antje Nötzold
Sicherheitsexpertin Universität der Bundeswehr München
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Dr. Antje Nötzold ist Sicherheitsexpertin an der Universität der Bundeswehr in München. Sie ist auch Dozentin an der Technischen Universität Chemnitz und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind insbesondere Kriege und Konflikte im Weltraum, Sicherheit im All, Weltraumgovernance und Astropolitik.
SRF News: Was müssen wir uns unter Waffen im Weltraum vorstellen?
Antje Nötzold: Der Begriff ist völkerrechtlich nicht klar definiert. Das Spektrum reicht von Lasern und elektromagnetischen Störsystemen über Satelliten mit Greifarmen bis zu Raketen oder Nuklearexplosionen. Damit lassen sich gegnerische Weltraumsysteme temporär oder permanent funktionsunfähig machen oder zerstören.
Geht es um die Abwehr von Angriffen oder um offensive Fähigkeiten?
Um beides. Die USA, Russland und China haben in den vergangenen Jahren stark in solche Fähigkeiten investiert. Damit wollen sie signalisieren, dass sie Angriffe abwehren, selbst angreifen und auch einen Angriff vergelten können. Deshalb haben die drei Grossmächte ihre Fähigkeiten wiederholt an eigenen Systemen demonstriert.
Von der Erde aus können wir meistens nicht erkennen, was ein Satellit kann und welche Technik er an Bord hat.
Wie lassen sich Waffen im All überhaupt erkennen?
Das ist genau der Punkt: Was ist eine Waffe im All? Auf der Erde lässt sich relativ einfach sagen, was ein Panzer oder eine Handgranate ist. Im Weltraum sind viele Systeme «Dual Use»-fähig. Von der Erde aus können wir meistens nicht erkennen, was ein Satellit kann und welche Technik er an Bord hat. Deshalb wird vor allem sein Verhalten ausgewertet.
Wo steht das Wettrüsten der Grossmächte?
Das ist im vollen Schwung. Es gab die Warnung, Russland versuche, einen Nuklearsprengkörper ins All zu bringen. Das wäre die ultimative Waffe: Der elektromagnetische Impuls könnte grossflächig Satelliten zerstören. Langfristig könnte auch die entstehende radioaktive Wolke Satelliten beschädigen, die dieses Gebiet durchfliegen. Wir sehen in den letzten Jahren eine massive Dynamik, dass die drei grossen Weltraummächte Russland, China und USA ihre Fähigkeiten massiv ausbauen.
Welches Ziel verfolgen die USA mit ihrer Offenlegung?
Ich glaube, das ist vor allem ein diplomatisches Signal an Russland und China. Dass die USA diese Fähigkeiten haben, ist nicht neu. Sie wollen deutlich machen, dass sie die militärische Nutzung des Weltraums durch andere Staaten wahrnehmen. Zugleich signalisieren sie, dass sie handlungsfähig sind und ihre eigenen Systeme verteidigen können.
Die USA definieren den Weltraum längst als eigene Domäne der Kriegsführung.
Macht Ihnen ein Krieg unter Einbezug des Weltraums Sorgen?
Das ist bereits Realität. Im Ukraine-Krieg ist der Weltraum von einer Unterstützungsfunktion für militärische Fähigkeiten auf der Erde längst zum operativen Raum geworden. Weltraumdaten werden innerhalb von Minuten benötigt und machen das Gefechtsfeld transparent. Die Grossmächte planen inzwischen auch für den orbitalen Teil. Die USA definieren den Weltraum längst als eigene Domäne der Kriegsführung.
Welche sind die grössten Gefahren, die von Waffen im Weltraum ausgehen?
Zum einen könnten kritische Systeme zerstört werden, etwa Satelliten zur Raketenüberwachung, die Teil der nuklearen Abschreckung sind. Eine viel grössere Gefahr ist auch der entstehende Weltraumschrott. Dieser erhöht das Ausfallrisiko anderer Systeme und kann einen Kaskadeneffekt auslösen, durch den Teile des Orbits unnutzbar werden.
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