«Schockierend explizit»: SRF-Gast erlebt verstörenden Soundcheck

- Die australische Philosophin Kate Manne erlebte beim SRF-Soundcheck einen Übergriff durch einen Übersetzer.
- Dieser sprach ihr minutenlang explizit sexuelle Sätze ins Ohr – laut seiner Aussage ein Gedicht zum Thema ihres Interviews.
- SRF kündigt eine Prüfung des Vorfalls an und betont, bei sexueller Belästigung gelte «Nulltoleranz».
Die australische Philosophin Kate Manne war im Juli für die SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» in der Schweiz zu Gast. Beim Soundcheck vor dem Interview mit Moderatorin Barbara Bleisch (53) soll ihr ein Übersetzer minutenlang explizit sexuelle Sätze ins Ohr gesprochen haben. Manne schildert den Vorfall nun in zwei Blogbeiträgen. Der «Tages-Anzeiger» berichtete ebenfalls darüber.
Das passierte beim Soundcheck
Manne ist an der Cornell University in den USA als Professorin für feministische Philosophie tätig und international für ihre Forschung zu Fettfeindlichkeit bekannt. Im Gespräch mit Bleisch ging es um genau dieses Thema. Weil Manne kein Deutsch spricht, war für das Interview eine Simultanübersetzung vorgesehen. Beim technischen Soundcheck davor spricht die übersetzende Person laut Manne normalerweise belanglose Themen wie etwa das Wetter ins Mikrofon.
Diesmal war es anders: Der Übersetzer sprach ihr Sätze ins Ohr, die explizit von Entkleiden, ihrem Körper und sexuellen Handlungen handelten – also obszöne Worte. Manne fragte eine Tontechnikerin, ob diese den Mann ebenfalls höre – die Technikerin bejahte, ohne eine Regung zu zeigen. Als der Soundcheck später wiederholt werden musste, ging der Übersetzer mit weiteren « schockierenden expliziten» Sätzen vor. Erst dann realisierte Manne, dass er einen vorbereiteten Text vortrug.
Gedicht «Ode to Fat»
Auf Nachfrage erklärte der Übersetzer, es handle sich um das Gedicht «Ode to Fat» der US-Dichterin Ellen Bass, in dem diese den vollen Körper ihrer Partnerin feiert. Manne schreibt, sie sei nach dem einstündigen Dreh erschöpft und desorientiert gewesen. Sie habe ihre Brille verloren und sich in ihrer Unterkunft nicht mehr zurechtgefunden – ihr Mann habe sie abholen müssen.
Wie beurteilst du den Umgang mit dem Übergriff beim SRF-Soundcheck?
Manne betont, sie glaube nicht, dass der Übersetzer sie habe verunsichern wollen – möglicherweise habe er ihr sogar Unterstützung zeigen wollen. Entscheidend sei für sie aber, dass solches Vokabular in einer beruflichen Interviewsituation nicht angebracht sei. In einem zweiten Blogbeitrag schreibt sie, sie habe bewusst auf jegliche Relativierung ihrer Erfahrung verzichtet.
Der Übersetzer selbst reagierte laut Manne mit einer sarkastischen Nachricht auf ihren ersten Beitrag. Er habe darin bestätigt, Gästen beim Soundcheck regelmässig Gedichte vorzulesen, meist zu deren jeweiligem Interessengebiet. Eine Entschuldigung sei nicht erfolgt.
Barbara Bleisch: «Wusste nichts davon»
Moderatorin Barbara Bleisch sagt, sie habe von den Vorfällen nichts mitbekommen – Moderatorinnen und Moderatoren seien bei Tonproben generell nicht anwesend. Sie und Manne hätten sich nach dem Interview noch länger unterhalten, Manne habe sich später positiv über das Gespräch geäussert.
Die SRF-Medienstelle hält auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» fest, man respektiere und schütze die persönliche Integrität aller Mitarbeitenden und Gäste. Bei sexueller Belästigung und sexistischem Verhalten gelte «Nulltoleranz». Der Vorfall werde gemäss dem geltenden Reglement zum Schutz der persönlichen Integrität geprüft, weitere Angaben zum laufenden Verfahren mache man aus Persönlichkeitsschutz-Gründen keine.
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Florian Osterwalder (fos) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten und ist stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks.
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