SRG-Wahlbarometer – Die politische Polarisierung in der Schweiz verschärft sich

Im neusten Wahlbarometer der SRG verfestigt sich ein Trend, der sich nicht nur in der Schweiz seit Jahren abzeichnet: Die politische Welt wird immer stärker polarisiert. Nicht nur bei den Parteiwählerschaften, sondern auch bei der politischen Ausrichtung der Geschlechter und bei der Einschätzung des Bundesrats.
Die Gewinner des Wahlbarometers sind die Polparteien SP und SVP. Für die SVP würden sich aktuell knapp 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler entscheiden, 2 Prozentpunkte mehr als bei den Wahlen 2023. Die SP kommt auf 19.3 Prozent, das ist ein Prozentpunkt mehr als bei den letzten Wahlen. Beide Parteien bestätigen damit ihren Aufwärtstrend der letzten Jahre.
Die Verlierer sind die Parteien der bürgerlichen Mitte. Mit 1.5 Prozentpunkten verliert die Mitte noch etwas mehr als die FDP (minus 1 Prozentpunkt) und rangiert jetzt etwas deutlicher hinter der FDP als bisher. Auch bei diesen Parteien bestätigt das Wahlbarometer einen langjährigen Trend: den gegen unten.
Klareres Markenversprechen gewinnt
Die eine Lesart dieser Polarisierungstendenz lautet: Es gewinnen die Parteien, die ein klares Profil haben, oder, um im Marketingjargon zu sprechen, die ein klares Markenversprechen abgeben. Da weiss man, was man bekommt.
Eine andere Lesart: Die Parteien, die bei den Abstimmungen meistens verlieren, gewinnen bei den Wahlen. Das zeigt sich exemplarisch bei der SVP, die in diesem Jahr mit der Halbierungsinitiative, der Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz und der Neutralitätsinitiative ihre grossen Vorhaben allesamt deutlich verloren hat, aber im SRG-Wahlbarometer trotzdem obenauf schwingt.
Hier zeigt sich ein Paradoxon der Polarisierung: Abstimmungserfolge führen nicht zwingend zu Wahlerfolgen, oft sogar ins Gegenteil. Wer also in der Politik mehrheitsfähige Lösungen sucht, die auch beim Volk bestehen, wird bei den Wahlen eher nicht belohnt.
Bundesrat immer weniger «gerade richtig»
Die Polarisierung zeigt sich auch bei der Beurteilung des Bundesrats. Während jeweils mehr als ein Drittel die Regierung für zu rechts oder zu links halten, finden nur noch 27 Prozent der Befragten die politische Positionierung des Bundesrats gerade richtig. Das ist der tiefste Wert seit 2019. Zum Vergleich: Im Herbst 2021, mitten in der Corona-Pandemie, beurteilten noch 45 Prozent der Wählerinnen und Wähler die Ausrichtung des Bundesrats als «gerade richtig».
Und noch eine Polarisierung fällt auf: die zwischen den Geschlechtern. Schon seit Langem stimmen und wählen die Frauen etwas linker als die Männer. Dieser politische Gendergap vertieft sich aber bei den Jüngeren massiv. Sprich: Die Geschlechter driften politisch immer mehr auseinander.
Polarisierung ist nicht per se gut oder schlecht. In einem politischen System, das auf Konsens und Kompromisse ausgerichtet ist wie dasjenige der Schweiz, kann die zunehmende Polarisierung aber durchaus die eine oder andere Frage aufwerfen.
Urs Leuthard
Leiter Bundeshausredaktion
Seit Sommer 2020 ist Urs Leuthard Leiter der Bundeshausredaktion von Fernsehen SRF. Bereits seit 2002 moderiert er das «Abstimmungsstudio» und analysiert Wahlen und Abstimmungen. Bis 2008 war er Moderator und Redaktionsleiter der «Arena», danach wechselte er zur «Rundschau», bevor er 2012 die Redaktionsleitung der «Tagesschau» übernahm.
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