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Friday, November 6, 2026

Störfaktoren im Alltag – Da hört die Toleranz aber auf!

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Person mit geschlossenen Augen und geballten Fäusten vor blauem Hintergrund.
Legende: Wie viel Toleranz steckt wirklich in uns? Und wann schlägt’s bei uns dreizehn? Getty Images/Tatiana Maksimova

Halten Sie sich für tolerant? Wahrscheinlich schon.

Eine Studie von Sotomo aus dem Jahr 2024 zeigt: Mehr als drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer halten sich für tolerant oder sehr tolerant. Intolerant sind meist die anderen. Nur: Was Toleranz überhaupt bedeutet, darüber herrscht wenig Einigkeit – besonders entlang politischer Gräben.

Bei Toleranz geht es oft um die ganz grossen Fragen. Aber an den alltäglichen Kleinigkeiten, die uns auf die Palme bringen, sehen wir vielleicht, wie tolerant wir wirklich sind.

Zwei SRF-Redaktorinnen testen hier die Grenzen ihrer Toleranz – an Kleinigkeiten, versteht sich.

Rechtschreib- und Kommafehler

Geht gar nicht – Punkt. Gewisse Dinge müssen ihre Ordnung haben, davon bin ich überzeugt. Grammatik und Interpunktion gehören dazu. Da darf man nicht «freestylen». Klingt nach kleinkarierter Streberin? Bin ich auch. Aber ich sitze bequem auf meinem hohen Ross. (Und nutze selbst gern ein bisschen Denglisch, liebe Hater!). Bei Fallfehlern bekomme ich «EINEN» Vogel. Bei Kommafehlern die Krise. Natürlich gibt es Menschen mit Lese- und Rechtschreibeschwäche. Die meine ich nicht. Aber viele könnten es besser, wenn sie sich etwas Mühe gäben. Kommaregeln sind keine Kunst! (Meine grösste Sorge ist übrigens, dass in diesem Text Schreibfehler sein könnten. Wer sie findet, darf sie behalten.) (Danja Nüesch)

Keine Frage: Es ist egal. Es gibt Menschen, die finden im Restaurant zuerst einen Akkusativfehler. Haben sie ihn bei «Wir servieren frischer Salat» entdeckt, dann ist das nicht selten der Beginn einer Finde-weitere-Grammatik-Fehler-Schnitzeljagd, ja eines Feldzuges des Bildungsbürgertums, wie ihn Herr Duden nicht gnadenloser hätte führen können. Denn wo ein Akkusativfehler ist, kann der Genetivfehler nicht weit sein, und schau: Haha! (Denn es ist wichtig, dass auch jene Menschen, denen der Fehler nicht aufgefallen ist, darauf aufmerksam gemacht werden!) «Da ist er! Schoggikuchen mit einer Kugel hausgemachte Glace.» Wer hat diese Menschen traumatisiert? Eine übereifrige Deutschlehrerin? (Anna Jungen)

Strassendreck im Haus

Mit Schuhen? Bleibe mir fern. Du bist bei mir zu Hause jederzeit willkommen, aber BITTE SCHUHE AUSZIEHEN! Und zwar vor der Haustüre. Am besten einen Schuh ausziehen, den besockten Fuss über die Türschwelle setzen, während der andere noch im Hausgang im Schuh steht und für Stabilität sorgt. Dann den zweiten Schuh ausziehen. Ein Balanceakt, ja, aber Strassendreck kennt keine Gastfreundschaft. Ein gleich strenges Regime gilt im Schlafzimmer und im Hotelzimmer. Keine Strasse in meinem Bett. Wenn ich sehe, wie Leute ihre Taschen, Koffer oder Rucksäcke mit Nonchalance aufs Bett schmeissen, bin ich schneller weg, als sich E. Coli-Bakterien vermehren. (Anna Jungen)

Hereinspaziert. Neulich sprachen Benjamin von Stuckrad-Barre und Guido Maria Kretschmer über ein Thema, das mich bewegt: Schuhe ausziehen, wenn man zu Besuch kommt. Bisher war ich nämlich fest der Meinung: Schuhe ab! Bäh, der Bakterienherd! Die beiden aber sagen unisono: Schuhe ausziehen – ein No-Go! Nicht, weil sie hässliche Socken tragen, beide haben Designer am Fuss. Sondern weil es um die Geste gehe. Man ist willkommen. Aber eben nicht so ganz. Ältere Herren, die an überholten Traditionen hängen? Ich finde, wir sollten uns mal locker machen. Man kann ja auch dem Saugroboter sagen, er soll später wischen. Feucht! (Danja Nüesch)

Schlechte Bedienung

Service Failure? Da sehe ich rot. Ich mag es, unbeachtet durch die Welt zu gehen. Besonders, wenn ich einkaufen gehe. Ein forsches «Kann ich Ihnen helfen?» einer Verkäuferin oder eines Verkäufers kann mich zur Kehrtwende motivieren. Neulich war ich aber auf der Suche nach einer Brille. Im Laden war ich für den Sales Assistant nur Luft. Als er mich bemerkte, hatte ich schon eine Brille auf – ein Fail, was auch der Verkäufer sah, der nur «schade» sagte. Schade, dass auf meinen Kopf keine Brille passt? Schade, dass Sie Ihren Job nicht machen und ein passendes Modell suchen? Ich will bitte nicht als Königin behandelt werden. Aber bei einem solchen «Service», den ich häufig antreffe, seh’ ich rot. (Danja Nüesch)

Das schluck ich easy runter. Schon das Bedientwerden an sich ist mir unangenehm. Da sitze ich als erwachsene Person und bezahle eine andere erwachsene Person dafür, dass sie für mich kocht, eine zweite, die mir den Teller hinstellt, und eine dritte, die ihn abwäscht. Fühlt sich an wie ein Kleinkind mit entsprechendem Kleingeld. Da finde ich es fast schon subversiv, wenn sich die Bedienung mit ihrem unterdurchschnittlichen Gastrolohn nicht auch noch übermässig um mich bemüht. Als Konsumentin darf ich ruhig spüren, dass viele Bereiche der Dienstleistungsgesellschaft auf Schweiss und Tränen gebaut sind statt auf Gesamtarbeitsverträgen. (Anna Jungen)

Musik in der Öffentlichkeit

Bitte leider drehen. Ich war nie die, die coole neue Musik entdeckte. Der Kelch der Musikalität ist leider an mir vorbeigezogen, ohne dass ich auch nur daran nippen konnte. Schade! Aber ich muss mit dieser Unbegabung leben. Und auch damit, dass ich nicht ungefragt neue coole Musik entdecken möchte, am Rheinufer zum Beispiel. Musik bei Tageslicht stresst mich, und es stresst mich noch mehr, das zuzugeben. Denn wie bünzlig kann man eigentlich sein und eine Gruppe gut gelaunter Menschen darum bitten, die Musiklautstärke herunterzudrehen? Eher würde ich freiwillig an eine Freejazz-Jamsession gehen, als mir diese Blösse geben und hoffe heimlich doch, dass jemand anderes es tut. (Anna Jungen)

Sound an. Schweizer schätzen Mäuschenstille. Auch im Park soll man keinen Mucks machen. Schliesslich will man da in Ruhe lesen oder schlafen! Runterkommen von der Welt, die immer lauter wird. Drum wird gemotzt, wenn Menschen, für die Lebensfreude kein Fremdwort ist, ihre Musikboxen rausholen. Ein bisschen Reggaeton, um das Festmahl unter Freunden noch würziger zu machen? Let’s get loud! Ein bisschen Stimmung kann nicht schaden, finde ich. Selbst wenn die Musik nicht nach meinem Gusto ist. Ich freue mich, wenn andere sich am Leben freuen. Denn störender sind für mich Menschen, die ein langes Gesicht ziehen. Schweigend. (Danja Nüesch)

Weihnachten im Herbst, Ostern im Januar

Bitte haltet euch an den Kalender. Mit Traditionen habe ich wenig am Hut. Eigentlich ist es mir schnurz, ob die Menschen Ostereier an Weihnachten auftischen und Fastenwähe im Sommer essen. Trotzdem stört es mich, wenn schon im September Schoggi-Samichläuse in den Regalen stehen. Es ist ein viel zu früher Reminder dafür, was drohen wird. Ich will nicht schon im September daran denken müssen, wem ich welches Weihnachtsgeschenk kaufen könnte. Oder im Januar daran erinnert werden, dass ich zu Ostern mit den Kindern was basteln könnte, das – notabene – eh im Müll landet. Ich will verdrängen, was droht. Bis die Tradition direkt vor der Tür steht. Klingeling! (Danja Nüesch)

Konsumiert, wann ihr wollt. Ab wann darf man Zimtsterne essen? Ab dem ersten Advent? Am Samichlaus-Tag oder für die besonders päpstlichen (!) Protestanten erst am Heiligabend? Es wäre mir neu, dass es für Konsumgüter rund um Traditionen einen Stichtag oder gar ein Embargo gäbe. Insofern: Die Zimtsterne, Osterhasen und Fastenwähen sind dann im Regal, wenn sie sich verkaufen. Aber es ist doch erst November?! Ja, und die Schweiz hat ein alpines bis gemässigtes Klima und trotzdem gibt es Bananen. It’s capitalism! (Anna Jungen)

Der gemeinsame Nenner: «Originelle Konzepte» in Restaurants

Hauptsache Essen. Eine Frage hört man in Restaurants immer häufiger: «Kennt ihr das Konzept?» Selbst in der einfachsten Frittenbude ist die Wahl der Sauce längst keine Nebensache mehr. Heute gibt es handgeschnittene Kartoffelstäbchen mit kuratierter Saucenauswahl und regionalem Narrativ. Am Ende kriegt man trotzdem Pommes rot-weiss. Für 15 Franken. Noch schlimmer sind Restaurants, in denen man sich aus unzähligen Tellerchen ein Menü zusammenstellen muss. Die Qual der Wahl ist gross. Und satt wird man trotzdem nicht. Wir finden: Natürlich dürfen Gastronominnen und Gastronomen kreativ sein. Aber nicht jedes Schnitzel braucht ein Konzept und nicht jede Portion Pommes eine Philosophie. Wir wollen doch einfach etwas essen. (Anna Jungen und Danja Nüesch)

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz-Talk, 4.11.2026, 9:03 Uhr;liea

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