Pfarrer soll Frauen belästigt haben – dann konnte er weiterziehen

- Ein ehemaliger reformierter Pfarrer im Kanton Zürich soll zwischen 1992 und 2006 mindestens zehn Frauen belästigt haben.
- Die Kirchenleitung kannte die Vorwürfe ab 2006, stellte die Untersuchung nach seiner Kündigung 2007 aber ein.
- Der Kirchenrat entschuldigt sich bei den Frauen, über finanzielle Anerkennungsleistungen entscheidet das Kirchenparlament im November.
Ein ehemaliger reformierter Pfarrer soll im Kanton Zürich über Jahre hinweg Frauen sexuell belästigt haben. Zwischen 1992 und 2006 waren mindestens zehn Frauen von sexuellen, körperlichen und seelischen Übergriffen betroffen. Das zeigt eine externe Untersuchung, die die Evangelisch-reformierte Landeskirche Zürich am Montag veröffentlicht hat.
Bereits 2006 wusste die Kirchenleitung von den Vorwürfen. Sie leitete eine Untersuchung ein. Als der Pfarrer im August 2007 kündigte, wurde diese jedoch eingestellt. Das ist laut Gutachten zwar rechtlich zulässig gewesen, die Kirche habe ihre Verantwortung gegenüber den betroffenen Frauen aber nicht ausreichend wahrgenommen.
«Niemand hätte mir geglaubt»
Der «Tages-Anzeiger» hat mit zwei Betroffenen beziehungsweise deren Angehörigen gesprochen. Eine damals 25-jährige Lokaljournalistin schildert, wie der Pfarrer sie bei einem Interview im Pfarrhaus plötzlich gegen eine Wand gedrückt und versucht habe, sie zu küssen und ihre Bluse zu öffnen. Ihr sei es gelungen, sich zu befreien und zu flüchten. «Er war ein sehr renommierter und allseits beliebter Pfarrer. Ich hätte als junge Frau keine Chance gehabt, niemand hätte mir geglaubt», sagt die heute 57-Jährige.
Eine weitere Frau soll als 23-Jährige in einer Kirche vom selben Pfarrer bedrängt worden sein. Sie verstarb vor drei Jahren. Laut ihrer Schwester beschäftigte sie der Vorfall bis zu ihrem Tod.
Pfarrer arbeitete in Genf weiter
Nach seinem Rücktritt im Kanton Zürich habe sich der Geistliche zunächst auf eine Stelle in Bern beworben. Dort wurde er wegen der bekannten Vorwürfe nicht angestellt, wie der «Tages-Anzeiger» weiter schreibt.
2010 habe er jedoch eine neue Stelle in Genf gefunden. Sechs Jahre später habe sich die Kirchgemeinde von ihm wegen «Unstimmigkeiten und Missständen» getrennt. Welche Vorfälle dazu führten, sei nicht bekannt. Die Genfer Kirche habe nun eine unabhängige Untersuchung angekündigt.
Der mittlerweile pensionierte Pfarrer hatte die Vorwürfe früher zurückgewiesen. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Kirchenrat räumt Fehler ein
Nach neuen Meldungen liess der Zürcher Kirchenrat die alten Akten durch eine externe Anwältin prüfen. Diese kommt zum Schluss, dass die damalige Kirchenleitung die Betroffenen zwar angehört, die Übergriffe und den Machtmissbrauch aber nicht ausreichend anerkannt habe.
Der Kirchenrat entschuldigt sich nun bei den Frauen. Er will Meldungen künftig systematischer auswerten und die Unterstützung für Betroffene verbessern.
Auch finanzielle Anerkennungsleistungen seien geplant. Über einen entsprechenden Vorschlag wolle das Kirchenparlament im November entscheiden.
Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?
Hier findest du Hilfe:
Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz
Jonas Bucher ist Blattmacher und stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
