Brasilien-Wahl: Bolsonaro-Sohn fordert Präsident Lula heraus
Schon bei der Wahl vor vier Jahren hießen die Kandidaten Lula und Bolsonaro - nun stehen die beiden Namen in Brasilien wieder auf dem Stimmzettel. Doch statt des derzeit unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro tritt diesmal sein ältester Sohn Flávio gegen Luiz Inácio Lula da Silva an, den aktuellen Amtsinhaber.
"Ich kann ruhiger, lächelnder, gelassener und moderater sein", sagte Flávio Bolsonaro bei seiner Kür zum Präsidentschaftskandidaten über die Unterschiede zu seinem Vater. "Aber hier fließt das Blut Bolsonaros." Der 45-jährige Senator von der rechten Liberalen Partei (PL) verspricht den Abbau staatlicher Leistungen und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität.

Präsident Lula von der linken Arbeiterpartei (PT) bewirbt sich um eine vierte Amtszeit. Der 80-Jährige will seinen Regierungskurs mit Sozialprogrammen, öffentlichen Investitionen und einer stärkeren Rolle des Staates fortsetzen.
Enges Rennen
In den Umfragen liegen beide eng beieinander. Wenige Tage vor der Wahl lag Lula nach Angaben von Meinungsforschern in der Wählergunst bei 45 Prozent der Stimmen und damit nur knapp vor Flávio Bolsonaro. Demnach wird keiner der beiden die absolute Mehrheit erreichen, die für einen Sieg im ersten Wahlgang erforderlich ist.
Neben Lula und Bolsonaro treten zehn weitere Kandidaten an, die allerdings deutlich hinter den beiden Rivalen liegen - darunter die Gouverneure Ronaldo Caiado und Romeu Zema sowie der Psychiater und Autor Augusto Cury. Sollte eine Stichwahl - wie prognostiziert - nötig werden, würde sie in drei Wochen stattfinden.

Parallel zum Präsidenten werden die Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Senats und alle 27 Gouverneure des bevölkerungsreichsten lateinamerikanischen Landes gewählt. Rund 159 Millionen Brasilianer sind am Sonntag zur Wahl aufgerufen, die im größten Land Lateinamerikas verpflichtend ist.
Sicherheit als zentrales Thema
Der Wahlkampf war von persönlichen Angriffen, Justizstreitigkeiten und Spannungen mit den USA geprägt. Eines der zentralen Themen war die vielerorts sehr angespannte Sicherheitslage. Permanent kommt es irgendwo in dem südamerikanischen Land zu Überfällen, die oft mörderisch sind. In den Armenvierteln der Metropolen, den Favelas, haben meist mächtigen Drogenbanden das Sagen. Zudem prägt weitverbreitete geschlechtsspezifische Gewalt den Alltag vieler Menschen.
Bolsonaro setzt auf eine harte Linie: Er will unter anderem Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild von El Salvador unter Präsident Nayib Bukele bauen. Der rechtsgerichtete Kandidat will außerdem die Altersgrenze für Strafmündigkeit senken und die chemische Kastration von Sexualstraftätern ermöglichen. Der linke Lula hingegen will vor allem den Finanzstrukturen krimineller Gruppen den Kampf ansagen.
Korruption und Streit am Obersten Gericht
Auch die Korruption wurde zum wichtigen Wahlkampfthema. Im Zentrum steht der Skandal um den früheren Eigentümer des Geldhauses Banco Master, Daniel Vorcaro.
Die Bundespolizei geht milliardenschweren Finanzdelikten und Korruptionsvorwürfen nach. Auch gegen Flávio Bolsonaro wird im Zusammenhang mit dem Fall Vorcaro ermittelt. Ebenso ist Alexandre de Moraes, einer von Brasiliens Obersten Richtern, in den Sog des Korruptionsskandals geraten. Sein Fall löste eine breite Debatte über die Unabhängigkeit und Rolle des in Brasília ansässigen Obersten Gerichts aus.
Trump und die Souveränität
Das Verhältnis der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas zu den USA war ebenso Thema im Wahlkampf. US-Präsident Donald Trump hatte sich einst klar hinter Ex-Präsident Jair Bolsonaro gestellt. Von Trump kam scharfe Kritik an Bolsonaros Verurteilung zu mehr als 27 Jahren Haft wegen dessen Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich.
Zugleich hat Trumps Regierung politischen und wirtschaftlichen Druck auf Brasilien ausgeübt. Die USA verhängten zusätzliche Zölle auf brasilianische Waren. Brasiliens Geheimdienst Abin hatte Ende August laut der Nachrichtenagentur Agência Brasil auf das Risiko einer US-Einflussnahme und zunehmendem Druck auf Brasilien hingewiesen.
Amazonas als Randthema
Anders als im Wahlkampf 2022 stand der Umwelt- und Amazonasschutz diesmal nicht im Fokus. Dabei hat gerade dieses Thema globale Bedeutung. Denn der lang durch Abholzung bedrohte Regenwald am Amazonas gilt als eine der riesigen grünen Lungen der Welt.
Unter Lula ist die Abholzung auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken. Der linksgerichtete Präsident will illegale Rodungen bis 2030 stoppen. Gleichzeitig steht er in der Kritik, weil er die Ölförderung nahe der Mündung des Amazonas unterstützt.

Unter Lulas Vorgänger Jair Bolsonaro hatte die Abholzung im Amazonasgebiet stark zugenommen und 2022 mit 12.500 Quadratkilometern einen Höchststand erreicht. Sein Sohn hat jedoch angekündigt, die Abholzung bis 2029 beenden zu wollen. Seine Flávio Bolsonaros Nähe zur Agrarindustrie nährt allerdings Zweifel, ob er dieses Versprechen einlösen wird.
Der Schutz des Amazonas ist im Kampf gegen den Klimawandel entscheidend: Die dichte Vegetation des weltweit größten tropischen Regenwaldes nimmt Treibhausgase auf, die ansonsten die globale Erwärmung verstärken würden.
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