Amaudruz’ höchste Hürde ist ihre SVP: So stehen die Wahlchancen

- Die grösste Hürde für Céline Amaudruz' Bundesratskandidatur ist nicht das Parlament, sondern die eigene SVP-Fraktion.
- Die Genferin will am 9. Dezember die Nachfolge von Guy Parmelin antreten.
- Mehrere SVPler halten sie für «unnahbar», Politanalyst Mark Balsiger verweist auf ihren Promille-Vorfall von 2016.
- Amaudruz nennt den Vorfall eine «monumentale Dummheit» und warnt vor einer «Demütigung für die Westschweiz».
Ja, sie will! Am Donnerstag erklärte SVP-Vizepräsidentin Céline Amaudruz ihre Kandidatur für den Bundesrat. Sie möchte am 9. Dezember als Nachfolgerin ihres engen Vertrauten Guy Parmelin in die Landesregierung gewählt werden.
Als Vertreterin der Romandie dürfte sie je nach Abschneiden in den Hearings bei SP, FDP & Co. gute Chancen haben, von der Bundesversammlung gewählt zu werden. Die härteste Prüfung steht ihr aber bereits in den nächsten Wochen bevor: Sie muss zuerst ihre eigene Fraktion von sich überzeugen.
Will die SVP-Rennleitung die Romands verhindern?
In der Findungskommission, welche der Fraktion ihre Vorschläge unterbreitet, sitzt mit alt Nationalrat Jean-Pierre Grin nur ein Vertreter der Romandie, die anderen sechs Parteipromis sind allesamt Deutschschweizer. Und bereits am Tag von Parmelins Rücktritt sagte Politanalyst Mark Balsiger: «Die stärksten Kräfte in der Fraktion wollen jemanden aus der Deutschschweiz.»
Dieser Eindruck hat sich in Gesprächen verfestigt. Zahlreiche Deutschschweizer zeigen sich wenig angetan von einer Romande, die eher mässig Deutsch spricht, als eigene Bundesratsvertretung für die absehbare Zukunft. Während der frühere SVP-Nationalrat Roger Köppel sie als «Leichtgewicht» bezeichnet, redete Christoph Blocher auf seinem Haussender nur über andere Kandidaten.
Ein Nationalrat fasst die mutmassliche Haltung der «Rennleitung» etwas zugespitzt so zusammen: «Das Worst-Case-Szenario ist, dass sie als wilde Kandidatin gewählt wird und wir einen zweiten Fall Widmer-Schlumpf haben. Der zweitschlimmste Fall wäre, wenn sie es aufs Ticket schafft und regulär gewählt wird.»
«Unnahbarkeit» als Hindernis für Céline Amaudruz?
Ein Wort, das in vielen Gesprächen fällt, ist «unnahbar». Amaudruz sei nicht zugänglich und spätestens seit der Geburt der Kinder nicht mehr so präsent, heisst es. Ausserdem geben gleich mehrere SVPler an, sie kaum zu kennen. An ihrem Deutsch könne sie aber arbeiten und werde die Chance haben, es in der Fraktion zu beweisen.
Das sagt Amaudruz zur Kritik
Céline Amaudruz äusserte sich in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger über die wiederholt vorgebrachten Kritikpunkte. «Es überrascht mich, dass man mich seit zehn Jahren als Vizepräsidentin unter drei verschiedenen Parteipräsidenten für fähig hielt, und ausgerechnet jetzt nicht mehr.» Sie habe 15 Jahre parlamentarische Erfahrung, habe die Gesundheitskommission präsidiert und sitze in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben.
«Zudem hat mich die SVP Schweiz an jeder zweiten Pressekonferenz zur Verteidigung ihrer Positionen eingesetzt. Wäre ich wirklich ungeeignet, hätte man mich längst nicht mehr als Vizepräsidentin bestätigt», so die Genferin.
Nichtnomination wäre «Demütigung für die Romandie»
Auf die Frage, ob eine Nichtnomination durch die Fraktion eine Demütigung wäre, sagt sie: «Es wäre eine Demütigung für die Westschweiz, wenn niemand aus der Romandie aufs Ticket kommen würde. Als grösste Partei der Schweiz trägt die SVP Verantwortung für den nationalen Zusammenhalt.» Für die ganze Romandie wäre es «unverständlich, nur noch mit einem Bundesrat vertreten zu sein».
Dazu, dass sie 2016 angetrunken am Steuer erwischt wurde und daraufhin Parmelin anrief, sagt sie: «Ich habe damals eine monumentale Dummheit begangen und andere gefährdet, das will ich nicht beschönigen. Ich hatte nie Freude daran, betrunken zu sein, das war ein einmaliger Vorfall. Ich habe zwei Kinder, die jeden Morgen eine Mutter brauchen, die aufsteht.»
Wie genau ihre Chancen stehen, hängt einerseits von den weiteren Kandidaturen ab und davon, ob die Fraktion zwei oder drei Personen nominieren will. Sind es nur zwei, dürften ihre Chancen sinken. Bei drei wären diese deutlich höher – auch ihr Vorgänger Parmelin wurde in dieser Konstellation gewählt.
Die Chancen in der Bundesversammlung wären dann absolut intakt, heisst es von verschiedenen Seiten. Dann könnte es plötzlich zum Pluspunkt werden, dass sie sich in Fragen wie dem Vaterschaftsurlaub oder der Individualbesteuerung gegen die SVP gestellt hatte.
«Promille-Vorfall bleibt wie ein Schatten»
Politanalyst Mark Balsiger bezeichnet Amaudruz’ Auftritt am Donnerstag als «solid». Wegen Esther Friedlis Absage «musste Amaudruz aus der Deckung kommen, um so ihre Pole-Position in der Romandie zu bestätigen», erklärt er.
«Um überhaupt auf das Ticket der SVP-Fraktion zu kommen, muss die überparteiliche Unterstützung aus der französischsprachigen Schweiz überzeugend sein», so Balsiger. Dass Amaudruz während ihrer 15 Jahre als Nationalrätin kaum Spuren hinterlassen habe, lasse sie als «Leichtgewicht» erscheinen.
Worauf kommt es für eine Bundesratskandidatur aus deiner Sicht am meisten an?
Und: «Der Vorfall von 2016, als sie mit fast 2 Promille in eine Polizeikontrolle geriet, bleibt wie ein Schatten.» Dies nicht nur wegen der Trunkenheit am Steuer, sondern weil sie den Polizisten gesagt habe, den Staatsanwalt anzurufen. «Das wirkt, als hätte sie kraft ihrer Beziehungen versucht, den Fall zu vertuschen», so Balsiger.
Christof Vuille (vuc) leitet seit 2023 das Ressort Politik und ist Mitglied der Redaktionsleitung. Er berichtet für 20 Minuten nah am Puls der Bundespolitik.
Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.

