Wahlpleite der Grünen in Berlin: Die Grünen haben ihr Kreuzberg verloren – kein Wunder

Die Wahlergebnisse in ihren Hochburgen sind für die Grünen ein Desaster. Sie haben ihre Stacheligkeit verloren. Und daher auch die Innenstadtkieze.
C hristian Ströbele wird im Grab rotieren. Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der einst durch Ströbeles widerspenstige Aufrichtigkeit zur bundesweit bekannten Grünen-Hochburg geworden war, hat sein Gesicht verloren. Zwar haben die Grünen bei der Wahl am Sonntag dort wie in den anderen Innenstadtbezirken auch noch ihre besten Ergebnisse eingefahren. Aber die Hochburgen sind nur noch sanfte Hügel, kaum noch zu sehen hinter den steil aufragenden roten Wahlsäulen der Linkspartei.
50 Prozent und mehr haben dort für die Linke gestimmt. Für links denkende Wähler:innen ist das richtig toll. Für die Grünen aber ist es gerade deshalb ein Desaster.
Sie haben einen großen Teil ihrer Kernklientel komplett verloren. Den studentischen. Den postmigrantischen. Den kämpferischen. Den engagierten. Den wütenden. Den stacheligen, den sie einst im Logo führten, als sie noch Alternative Liste hießen.
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Sie haben Kreuzberg verloren. Und das geht weit über den Stadtteil hinaus. Es geht um das Lebensgefühl.
Warum das so ist? Weil die Grünen unsichtbar sind. Sich unsichtbar gemacht haben. Erinnert sich noch jemand an das Plakat, mit dem die Kreuzberger Grünen 2017 in den Bundestagswahlkampf gezogen waren. „Die Häuser denen, die drin wohnen“, stand da drauf. Den größten Widerspruch erntete der alte Hausbesetzerslogan damals ausgerechnet parteiintern. Weil viele Angst hatten, dass so viel Spontitum die Wähler:innen erschrecken könnten.
Jetzt im Mieterwahlkampf 2026 wäre es Zeit für eine Neuauflage gewesen. Aber das Thema hatten die Linken gesetzt – und damit besetzt. Die Grünen sind auch für Enteignung der Wohnungskonzerne. Und wer sich in der Parteiblase aufhielt, wusste das sicher auch. Aber sonst?
Kannte jemand wirklich ihren Spitzenkandidaten? Hat jemand auf Plakaten die stadtverbindenden Fahrradstraßen gesehen, die zum Grünkern der Partei gehören müssten? Natürlich nicht. Denn im letzten Wahlkampf ist die Partei mit Fahrradpolitik bekanntlich auf die Schnauze gefallen. Doch ohne Verkehrsrevolution auf den Fahnen ging ihnen diesmal noch mehr die Luft aus.
Bundestalk live am Montag in der taz-Kantine
Nach den drei Landtagswahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stellen sich viele Fragen, die über die Landespolitik hinausgehen. Verschiebt sich gerade etwas in der deutschen Parteienlandschaft? Das besprechen wir morgen Abend Live und im Stream im Bundestalk in der taz Kantine in Berlin. Man kann sich hier anmelden.
Ohne Radikalität haben die Grünen schlichtweg ein Rad ab. Sie mögen noch eine kuschelige Attraktion im gemütlichen Tempelhof sein. Oder ein Haltung vorspielendes Accessoire im gut situierten Stadtteil Mitte. Aber da, wo es wirklich um etwas geht, sind die Wähler:innen stabil links – und merken, dass ihnen ihre alte politische Heimat nicht mehr grün ist.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie
Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
Ehemalige Grünen-Hochburg Selbst Berlin-Kreuzberg ist jetzt pink
Die Berliner Grünen haben bei der Wahl in ihrem Kernbezirk Friedrichshain-Kreuzberg kein einziges Direktmandat erreicht. Prominente Politiker*innen scheiden nun aus der Politik aus.
Von Uta Schleiermacher und Pascal Maier
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