Kühlanlagen manipuliert: Hacker nehmen jetzt auch deutsche Supermärkte ins Visier

Kühlanlagen manipuliertHacker nehmen jetzt auch deutsche Supermärkte ins Visier
03.11.2026, 15:35 Uhr

Der Schaden geht in die Hunderttausende: Nach Meldungen über Hackerangriffe auf Supermarkt-Kühlschränke in verschiedenen europäischen Ländern erwischt es jetzt auch deutsche Läden. Zahlreiche Lebensmittel müssen entsorgt werden. Auf EU-Ebene finden erste Krisentreffen statt.
Nach der Serie von Cyberangriffen auf Kühlanlagen in europäischen Supermärkten untersucht die Polizei mehrere Fälle auch in Deutschland. Kriminelle sollen sich nach bisherigen Erkenntnissen in Nordrhein-Westfalen sowie in Niedersachsen in Kühltruhen gehackt und dort die Temperaturen hochgestellt haben. Für betroffene Läden ist der Schaden groß. In Wuppertal, Wetter bei Hagen und im Münsterland wurden nach Polizeiangaben Kühlanlagen vermutlich durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Die Temperatur sei so hoch eingestellt worden, dass Lebensmittel verdorben seien und entsorgt werden mussten, sagten Polizeisprecher.
In Niedersachsen wurde die Kühlkette eines Supermarkts in Lilienthal bei Bremen zeitweise lahmgelegt. "Wir mussten Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen", sagte Inhaber Daniel Breiding. In dem Supermarkt fielen in der Nacht auf Montag Bedientheken, Kühlhäuser und Tiefkühltruhen aus. Die Anlagen heizten sich demnach auf 30 Grad auf.
Auch ein Supermarkt im niederbayerischen Reisbach gab auf Facebook an, in der Nacht auf Montag Opfer einer nächtlichen Cyberattacke geworden zu sein. Die Kühlanlagen seien bis auf 50 Grad hochgeheizt worden. "Die traurige Folge: Unmengen an Lebensmitteln mussten in die Tonne." Und weiter: "Foodsharing hat kurzfristig alles abgeholt, was noch irgendwie zu retten war." Der Großteil der Kühlware habe aber entsorgt werden müssen. Am heutigen Dienstag sollen die Regale wieder mit frischer Ware befüllt sein, hieß es weiter.
Cyberkriminelle hatten in den vergangenen Tagen unter anderem in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden dafür gesorgt, dass Kühlschränke und Tiefkühltruhen wärmer wurden. Nach Angaben eines belgischen Kühltechnik-Dienstleisters wurden die Anlagen aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt. Mitte Oktober hatte es bereits einen großangelegten Angriff gegeben, der Märkte mehrerer großer französischer Lebensmittelhandelsketten betraf. Der Angriff richtete sich gegen einen Technik-Dienstleister. Die Cyberkriminalitäts-Abteilung der Staatsanwaltschaft Paris übernahm Ermittlungen.
Cyberattacken werden "diffiziler, schneller und durchschlagender"
Opfer der Hacker wurde auch ein von der Arbeiterwohlfahrt betriebener Supermarkt in Wetter-Volmarstein im Ennepe-Ruhr-Kreis. Der eigentliche Angriff sei auf die Firma erfolgt, die die Kühlanlagen aus der Ferne warte, hieß es dort. Große Mengen an Lebensmitteln hätten weggeworfen werden müssen.
Auch in einem Markt in Wuppertal seien große Mengen an Waren verdorben - offensichtlich, weil Hacker aus der Ferne die Temperatur der Kühlanlagen hochgedreht hätten, sagte ein Polizeisprecher. Der Angriff sei am Wochenende erfolgt und am Montagmorgen bemerkt worden. Auch bei einem Markt in Raesfeld im Münsterland fiel die Kühlung aus. Dort wird nun geprüft, ob ein Hackerangriff der Grund sein könnte.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger ruft indes zu mehr Anstrengungen beim Schutz von digitaler Gebäude- und Betriebstechnik auf. Dazu habe es auch schon vor den jüngsten Cyberattacken entsprechende Aufforderungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik gegeben. Im Nachrichtensender Welt TV sagte Wildberger: "Erstmal zeigt das, dass wir in einer Welt leben, wo immer häufiger das Thema Cybersicherheit an Bedeutung - leider - gewinnt. Heißt auch: Auch alle Unternehmen, das gilt auch für die Verwaltung, müssen mehr Vorsorge tragen."
Auch der Vorstandsvorsitzende von Schwarz Digits, Christian Müller, hat zu Wachsamkeit vor KI-gestützten Angriffen auf digitale Infrastruktur gemahnt. Schwarz Digits ist die IT- und Digitalsparte der Schwarz Gruppe, zu der auch die Handelsketten Lidl und Kaufland gehören. Die Supermärkte der Schwarz Gruppe sind laut Müller nicht von den Cyberattacken betroffen. "100 Prozent Sicherheit gibt es nicht. Das ist die grundsätzliche Aussage im Cyberumfeld", sagte Müller Welt TV. "Im KI-Zeitalter werden die Attacken diffiziler, werden schneller, und sie werden auch durchschlagender." Cybersecurity sei ein Wettlauf, sagte Müller.
Kühlmanagement-Dienste über das öffentliche Internet erreichbar
Auf EU-Ebene wurden infolge der Cyberangriffe bereits zwei Kristentreffen einberufen. Dabei ging es vor allem darum, Informationen auszutauschen und das weitere Vorgehen abzustimmen, wie ein Sprecher der Kommission in Brüssel sagte. An einer ersten Runde am Morgen nahmen demnach unter anderem die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa, die Polizeibehörde Europol und die zuständigen Experten der Kommission teil. Auch das europäische Netzwerk für Cyberkrisen sei aktiviert worden. Dort habe die EU-Kommission sich mit Vertretern der Mitgliedstaaten und nationalen Behörden ausgetauscht.
Die Ermittlungen zu den Angriffen laufen nach Angaben des Sprechers bei den nationalen Behörden, die Kommission stehe mit ihnen in engem Kontakt. Wer hinter den Attacken steckt, ist bislang unklar. Die Vorfälle zeigten aber, dass Europa sich gemeinsam auf solche Angriffe einstellen müsse: "Das sind keine isolierten Vorfälle", sagte der Sprecher in Brüssel. Die EU müsse widerstandsfähig und auf solche Cyberangriffe vorbereitet sein.
Bereits Mitte Oktober waren bei einem Angriff in Frankreich Kühlanlagen in rund 150 Geschäften betroffen. Ob die Vorfälle miteinander zusammenhängen, ist bislang nicht geklärt. Vernetzte Steuergeräte erlauben Herstellern und Betreibern, Temperaturen, Abtauzyklen und Alarme zentral zu überwachen. Zudem kann eine zentrale Steuerung der Anlagen über das Internet laut dem deutschen Umweltbundesamt dazu beitragen, den Energieeinsatz zu optimieren und somit Kosten zu sparen.
Die Vernetzung birgt aber auch Sicherheitsrisiken. Eine aktuelle Untersuchung des Cybersicherheitsunternehmen Forescout zeigt, dass fast 13.000 Kühlmanagement-Dienste in 99 Staaten über das öffentliche Internet erreichbar waren - und damit anfällig für Hackerangriffe. Einige Systeme liefen zudem mit veralteter Software ohne Sicherheitsupdates, heißt es im Forescout-Bericht vom Oktober 2026.
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