Zu Besuch im «Offline Club» – Was zwei Stunden ohne Handy mit mir machen

Zürich, ein heisser Sommerabend im Quartiertreff. Rund 20 Menschen versammeln sich: jung, kontaktfreudig, international. Es wird Englisch gesprochen, Limo getrunken, gelacht. Niemand hält fest, wie gemütlich es gerade ist. Denn: die Smartphones liegen ausser Sichtweite. Im sogenannten Handy-Hotel. Zwei Stunden lang keine Push-Nachrichten. Keine Social Media. Kein Foto.
Für mich ist das bereits die erste Herausforderung. Ich müsste für diesen Artikel Fotos machen. Also habe ich eine alte Digitalkamera dabei.
Basteln wie früher
Seit November organisiert Eldrid Funck die Zürcher Ausgabe des «Offline Club». Heute ist Collagen-Abend.
«Zwei Stunden ohne Handy sind mittlerweile etwas ganz Besonderes – auch wenn es absurd klingt.» Sie lächelt: «Du wirst sehen. Es macht etwas mit dir.»
Endlose Quelle an Information
«Das Smartphone ist zur digitalen Fernbedienung unseres Alltags geworden», erklärt Digitalexpertin Sarah Genner. Kommunikation, Arbeit, Navigation, Unterhaltung, Nachrichten, Fotografieren, Bezahlen. Alles auf demselben Gerät.
Vor 20 Jahren lebten viele problemlos ohne Handy. Feiern wir heute diese paar Stunden als besondere Leistung? Heute seien wir nicht einfach häufiger am Handy, so Genner. Wir leben in permanenter potenzieller Vernetzung.
Paradox: Der Erfolg begann mit Social Media
Der «Offline Club» hat verschiedene Formate: Lesen, Basteln, Schreiben von Weihnachtskarten. Sogar Tramfahren gehört dazu. Drei Events gibt es im Monat.
Der Club entstand in Amsterdam. Drei Freunde, alle Ende 20, lernten sich während einer Onlinevorlesung in der Pandemie kennen. Heute ist das Projekt ihr Vollzeitjob.
Der Erfolg begann dort, wovon die Gründer eigentlich wegwollten: auf Social Media. Videos der ersten Events gingen viral. «Wir waren ziemlich überwältigt. Aber es hat uns geholfen, grösser zu denken», sagt Mitgründer Jordy van Bennekom.
Mittlerweile gibt es 13 «Offline Clubs» rund um die Welt. Die Gründer geben Lizenzen heraus, die lokalen Leiter führen ihre Clubs eigenständig.
Angeleitetes Abschalten
Der Ablauf ist immer gleich: eine Stunde Stille, dazu lesen oder basteln. Danach eine Stunde reden. Eldrid Funck läutet die Stille mit einem Gong ein. Kurz davor wurde uns ein Wort zugeflüstert: «Zuhause». Das sollen wir darstellen.
Vor uns liegen Magazine, Sticker, Wasserfarben. Alles ist erlaubt.
Ich starre erst einmal auf das weisse Blatt. Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Basteln war nie meine Stärke. Und plötzlich merke ich: Ich will es richtig machen. Ich habe Mühe mit all diesen Freiheiten.
Eine Helferin gibt uns den Tipp, die Fotos mit der nicht dominanten Hand aus dem Heft zu reissen. Die Schnipsel werden krumm, die Kanten unsauber. Egal. Es geht darum, eine Stunde lang nichts leisten zu müssen.
Einfach mal machen
«Ich fühle mich von 100 auf 0 entschleunigt», erzählt Teilnehmer Jeffrey. Langeweile? Unangenehme Stille? Fehlanzeige. Leticia, Therapeutin aus Mexiko, bekräftigt: «Ich habe mich nach Ruhe gesehnt.»
Ein anderer Teilnehmer sagt, es erinnere ihn an seine Kindheit. An eine Zeit, in der man etwas einfach gemacht habe. Ohne Ziel. Ohne Wettbewerb.
Doch die Trennung vom Handy fällt nicht allen leicht. Teilnehmerin Emilia gibt zu: «In der ersten halben Stunde kreisten meine Gedanken schon ums Telefon. Mehrfach wollte ich ein Foto machen und meinem Mann schicken.» Aber die Gedanken hören auf. Die Ruhe kommt.
Im Schweigen verbunden
Man bastelt alleine, ist aber nicht alleine. «Obwohl nicht geredet wird, verbinden sich die Menschen», so Eldrid Funck. «Die Gespräche danach gehen schneller in die Tiefe.»
Natürlich könnte man auch zu Hause eine Collage basteln. Ohne Ticket. Ohne Eintritt. Nur machen das die wenigsten. «Ich hätte zu Hause Bastelsachen. Aber alleine mache ich das nicht», so Teilnehmerin Isabelle. «In der Gruppe entsteht Momentum.»
Es ist verständlich, dass gerade eine Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, solche Gegenräume attraktiv findet.
Auch meine Collage nimmt Form an. Trotzdem schiele ich immer wieder nach links und rechts. Ich bin fast neidisch, wie vertieft die anderen sind.
Die Zeit vergeht. Und ich werde lockerer.
Sehnsucht nach Stammtisch und Spielrunden
Wie toxisch unsere Beziehung zum Handy sei, wurden wir eingangs gefragt. Von 1 bis 10 – die meisten gaben eine 7 oder 8 an.
Es wird klar: Der «Offline Club» ist Teil einer grösseren Sehnsucht nach analogen Treffen. «Offline-Events sind nicht nur nostalgisch», erklärt Digitalexpertin Sarah Genner.
Es gehe nicht um die Rückkehr in eine vermeintlich bessere Vergangenheit. Sondern um die Frage, wem wir unsere Aufmerksamkeit schenken. «Es ist verständlich, dass gerade eine Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, solche Gegenräume attraktiv findet», sagt Genner.
Performatives Offline-Sein?
Offline zu sein, hat inzwischen auch ein Image. Die Gäste hier sind oft urban und gut ausgebildet. Das bestätigt Mitgründer Jordy van Bennekom. Laut ihm ist das Kernpublikum zwischen 25 und 40 Jahre alt, 60 bis 70 Prozent sind Frauen.
Ist es also ein Phänomen für ein gewisses Milieu? Eldrid Funck verneint: «Ich sehe kein Phänomen der Abgrenzung.» Aber, räumt Funck ein, es sei ein Luxus, nicht erreichbar zu sein.
Mittel gegen Einsamkeit
Als die Glocke erneut läutet, ist die Stille vorbei. Man darf gesellig sein, muss es aber nicht. Gesprächskarten liegen bereit. In Zürich bleiben sie auf den Tischen liegen. Die Gespräche laufen sofort.
Ich gehe heute Abend mit einem Strahlen hier raus.
Es geht darum, analoge Inseln zu schaffen. Das Handy wegzulegen. Aber vor allem geht es um Einsamkeit. «Das bekommen wir immer rückgemeldet von unseren Mitgliedern», sagt Co-Gründer van Bennekom.
«Ich spüre, dass diese Treffen die Leute bereichern», so Eldrid Funck. Ihr gebe das viel zurück. «Deshalb gehe auch ich heute Abend mit einem Strahlen hier raus.»
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