Nur 2 von 5 Tierwohl-Sternen: Das bedeutet das M-Check-Label

- Ein News-Scout entdeckt bei Migros Poulet aus Ungarn, das beim M-Check nur zwei von fünf Tierwohl-Sternen erhält. Er fragt sich, weshalb Migros solche Produkte anbietet.
- Laut Migros werden die Tiere nach EU-Vorgaben gehalten. Diese erlauben höhere Besatzdichten als in der Schweiz und schreiben keinen Auslauf vor.
- Ein Grund für den Import ist der Preis: Ungarisches Poulet ist laut Migros rund 25 bis 35 Prozent günstiger als Schweizer Poulet.
- Der Schweizer Tierschutz (STS) sieht solche Importe kritisch und rät von Poulet ab, das lediglich nach den gesetzlichen EU-Vorgaben produziert wird.
Viele achten beim schnellen Einkauf nicht auf jedes Detail einer Verpackung. Gerade bei Fleisch spielen Herkunft und Tierwohl jedoch eine wichtige Rolle. Ein 20-Minuten-News-Scout wurde deshalb stutzig, als er eine Packung Poulet-Minifilets bei Migros genauer betrachtete.
«Beim schnellen Einkauf ging ich davon aus, dass es sich um Schweizer Poulet handelt», sagt er. Erst zu Hause habe er auf der Rückseite gelesen, dass das Fleisch aus Ungarn stammt. «Noch mehr erstaunt hat mich der M-Check auf der Vorderseite», sagt er. Beim Tierwohl erhält das Produkt lediglich zwei von fünf Sternen. Für den News-Scout stellt sich deshalb die Frage, wie transparent Herkunft und Haltungsbedingungen für Kundinnen und Kunden tatsächlich erkennbar sind.
Migros erklärt: Darum gibt es nur zwei Sterne
Auf Anfrage von 20 Minuten erklärt die Migros, dass die Tiere für das ungarische Poulet nach EU-Vorgaben gehalten werden. Im Vergleich zu Schweizer Tierwohlprogrammen seien dabei unter anderem höhere Besatzdichten zulässig. Ein Zugang zu Aussenklima oder Auslauf sei nicht vorgeschrieben. Das führe beim M-Check zu zwei Sternen.
Wie gross die Unterschiede sein können, zeigt die Migros anhand des eigenen Sortiments: Die ungarischen Minifilets erhalten zwei Sterne, Schweizer Migros-Minifilets drei. Optigal- und Bio-Minifilets erreichen vier Sterne. Produkte mit einem oder fünf Sternen führt Migros derzeit nicht.
Für mehr als drei Sterne müssten Produzenten laut der Migros unter anderem sicherstellen, dass die Hühner regelmässig Zugang zu einem Aussenklimabereich haben. Beim mit vier Sterneb bewerteten Optigal-IP-Suisse-Poulet nennt die Migros zudem mehr Platz und längere Mastzeiten als Unterschiede zum ungarischen Produkt. Für Produkte aus dem Ausland und der Schweiz werde dabei derselbe Bewertungsmassstab angewendet, betont die Migros.
Was steckt hinter den Tierwohl-Sternen?
Je mehr Sterne, desto besser fällt die Tierwohlbewertung beim M-Check der Migros aus. Entwickelt wurde die Methode von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) der Berner Fachhochschule (BFH). In die Bewertung fliessen Stall und Platzangebot, Futter und Wasser, Auslauf, Tiergesundheit, Medikamenteneinsatz, Zucht, Kontrollen, Transport und Schlachtung ein.
Was die Sterne bedeuten:
- 2 Sterne: Die Migros-Minifilets aus Ungarn erhalten zwei Sterne. Laut BFH kann eine Bewertung unter drei Sternen entstehen, wenn die Tierwohlvorgaben weniger weit gehen oder die Dokumentation mangelhaft ist. Bei einer Haltung nach gesetzlichen EU-Mindestvorgaben sind höhere Besatzdichten möglich; Aussenklima oder Auslauf sind nicht vorgeschrieben.
- 3 Sterne: Die Migros-Minifilets aus der Schweiz erhalten drei Sterne. Laut BFH bedeutet diese Stufe, dass ein Haltungsprogramm mindestens dem Niveau der Schweizer Tierschutzgesetzgebung entspricht. Auch ausländische Programme können diese Bewertung erreichen.
- 4 Sterne: Optigal- oder Bio-Minifilets werden mit vier Sternen bewertet. Für mehr als drei Sterne ist laut Migros unter anderem regelmässiger Zugang zu einem Aussenklimabereich erforderlich. Die Anforderungen gehen damit über das gesetzliche Schweizer Mindestniveau hinaus.
- 1 und 5 Sterne: Pouletprodukte mit einer Ein- oder Fünf-Sterne-Bewertung führt Migros derzeit nicht. Fünf Sterne erhalten laut BFH Labels, die grosse Mehrleistungen fürs Tierwohl erbringen, regelmässig gut kontrolliert werden und den Tieren ermöglichen, viele ihrer natürlichen Bedürfnisse auszuleben.
Wichtig: Die Sterne zeigen nicht, wie es einem einzelnen Tier in einem bestimmten Betrieb tatsächlich ging. Bewertet werden die jeweiligen Vorgaben und deren Umsetzung. Für Schweizer und ausländische Produkte gilt laut Migros derselbe Massstab.
Warum verkauft die Migros Zwei-Sterne-Poulet?
Migros verweist auf die Verfügbarkeit: Rund 84 Prozent des frischen Geflügels im Sortiment stammen aus der Schweiz. Fleisch werde dort importiert, wo die Nachfrage nicht durch die Schweizer Produktion gedeckt werden könne. Poulet aus Ungarn mache nur einen kleinen Teil des Absatzes aus.
Gleichzeitig bedient das Importfleisch ein anderes Preissegment: Je nach Produkt ist ungarisches Poulet laut der Migros rund 25 bis 35 Prozent günstiger als Schweizer Poulet.
Woher die Minifilets konkret stammen, sagt die Migros nicht und nennt dafür Wettbewerbsgründe. Auch die Besatzdichte, Mastdauer und Mastlinie des Produkts nennt der Detailhändler auf Nachfrage nicht. Die Betriebe würden regelmässig durch unabhängige Stellen kontrolliert.
Bereits 2016 hatte die Migros kommuniziert, die Geflügelhaltung unter anderem in Ungarn gemeinsam mit Lieferanten und dem Schweizer Tierschutz verbessert und an Schweizer Tierschutzvorgaben angenähert zu haben. Die damals umgesetzten Grundprinzipien würden weiterhin gelten. Heute sagt die Migros allerdings auch: Die Lieferanten in Ungarn produzieren mindestens nach EU-Normen, in vielen Fällen gingen die Standards darüber hinaus.
Schweizer Tierschutz rät von EU-Poulet ab
Der Schweizer Tierschutz (STS) sieht konventionelles Poulet nach EU-Vorgaben kritisch. Diese seien deutlich weniger streng als die in der Schweiz üblichen Anforderungen.
Als grösste Unterschiede nennt der STS das Platzangebot und den fehlenden Zugang zu Aussenklimabereichen. In seinem Label-Kompass rät der Tierschutz deshalb von importiertem Poulet nach EU-Gesetzgebung ab. Ein Problem betreffe allerdings beide Systeme: die Hochleistungszucht mit sehr schnell wachsenden Tieren. Der STS setzt sich deshalb unter anderem für robustere Tiere und bessere Haltungsbedingungen ein.
So handhaben Coop, Lidl und Aldi Importpoulet
Coop: Schweizer Produkte hätten Priorität, schreibt Coop auf Anfrage. Der grösste Teil des importierten Poulets stamme aus Slowenien und werde nach dem Schweizer BTS-Standard («Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme») produziert. Dieser sieht unter anderem einen überdachten Aussenklimabereich und erhöhte Sitzgelegenheiten für die Tiere vor. Unabhängige Stellen kontrollierten die Betriebe, zusätzlich führe der Schweizer Tierschutz (STS) Begutachtungen durch. Prix-Garantie-Poulets entsprechen hingegen den gesetzlichen Mindestvorgaben des jeweiligen Produktionslandes.
Lidl: Rund zwei Drittel der angebotenen Frischpouletartikel stammen aus der Schweiz, Importe kommen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden, sagt Lidl auf Anfrage. Diese unterlägen «ausnahmslos dem Standard des Schweizer Tierschutzgesetzes», so Lidl. Die Betriebe würden durch eine unabhängige Zertifizierungsgesellschaft unangekündigt kontrolliert. Auf den Verpackungen verwendet Lidl das Tierwohlrating des STS.
Aldi: Bei Aldi stammt mehr als die Hälfte des Frischpoulet-Sortiments aus der Schweiz, importiert wird aus Österreich, Deutschland und den Niederlanden. Das importierte Frischpoulet entspreche «durchgängig mindestens den Anforderungen der Schweizer Tierschutzgesetzgebung», schreibt Aldi. Für die Einhaltung seien die Lieferanten zuständig. Ein eigenes Tierwohl-Bewertungssystem verwendet Aldi nicht.
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Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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