Historikerin über Antisemitismus: „Was ist am Antizionismus so koscher?“

Unter einer dünnen Schicht kommt für sie der alte Judenhass zum Vorschein: Die Historikerin Dina Porat über Antisemitismus von rechts und von links.
taz: Frau Porat, Sie sind in Argentinien aufgewachsen?
Dina Porat: Ja, ich war sechs Jahre alt, als ich das Land verlassen habe.
taz: Ihre Eltern waren aus Osteuropa ausgewandert?
Porat: Der Grund war der dort vorherrschende Antisemitismus. Meine Mutter kam aus Litauen aus der Gemeinde Raczki. Sie hatte Sprachen an der Universität studiert. 1932 wurde sie von nazistisch gesinnten Studenten verprügelt. Bald darauf verließ sie Litauen und ging nach Argentinien. Mein Großvater väterlicherseits ist in einer der antijüdischen Pogrome in Osteuropa im Ersten Weltkrieg getötet worden. Bis zu 200.000 Juden sind damals ums Leben gekommen. Ein älterer Bruder meines Vaters ging als Erster nach Argentinien, mein Vater folgte ihm. Die Familie stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe von Pinsk in Belarus.
taz: Wann haben Sie zum ersten Mal selbst Antisemitismus erlebt. War das in Argentinien?
Porat: Ich sah eine Aufschrift an einer Wand. Da stand: „Tötet die Juden“. Ich war fünf Jahre alt, ich konnte die Aufschrift nicht lesen. Ich kam nach Hause und fragte, was das zu bedeuten habe. Mein Vater sagte es mir. Er sagte dazu, daran erinnere ich mich genau, dass diejenigen, die das geschrieben hatten, keine guten Menschen seien. Und dass das nicht mit mir zu tun habe. Antisemitismus ist ja nicht das Problem der Juden. Die Antisemiten haben ein Problem. Sie glauben, es mit Angriffen auf uns lösen zu können.
Bild: משתמש:צחי לרנר/Wikimedia Commons
Im Interview: Dina Porat
Dina Porat, geboren 1943 in Argentinien, ist emeritierte Professorin für Geschichte an der Universität Tel Aviv mit Schwerpunkt Holocaust-Forschung und Antisemitismus. Sie forschte unter anderem an der Columbia- und der Harvard-Universität in den USA. Porat gehört dem Yad Vashem Scientific Advisory Board an, dem Board der „Internationalen Schule für Holocaust-Studien“ und fungiert seit 2011 als Chefhistorikerin der Gedenkstätte. Auf Deutsch erschien 2021 von ihr „Die Rache ist Mein allein“ über jüdische Vergeltungspläne gegen Deutsche nach der Schoa.
taz: Es ist unser Problem.
Porat: Ja, eindeutig.
taz: Warum gingen Ihre Eltern damals nach Israel?
Porat: Sie waren überzeugte Zionisten. Mein Vater war führend in der jüdischen Gemeinschaft in Argentinien tätig. Er begründete dort die zionistische Jugendbewegung, die später in Israel Kibbuzim aufbaute.
taz: Wie kamen Sie in Israel auf die Idee, dort die Geschichte des Holocaust und den Antisemitismus zu studieren? In den 1960er und 1970er Jahren gab es so ein Studienfach in Israel noch gar nicht, oder?
Porat: Sie haben vollkommen recht. Die Beschäftigung mit dem Thema begann zu Hause in Argentinien. Ich wurde 1943 geboren, folglich kamen einige Jahre später die ersten jüdischen Überlebenden ins Land. Meine Eltern führten ein offenes Haus. Die Überlebenden saßen in unserem Wohnzimmer und erzählten. Mein Vater arbeitete auch für den Jüdischen Weltkongress. Dort kamen Broschüren zu dem Thema heraus. Später gab er mir diese zum Lesen. Ich verstand als Kind nur, dass etwas sehr Schlimmes geschehen war.
taz: Und in Israel?
Porat: Als ich an der Universität in Tel Aviv mit dem Studium der Jüdischen Geschichte begann, war ich schon davon überzeugt, dass der Jude nicht nur ein Individuum ist, sondern Teil eines Kollektivs, und dass man als Einzelner auch für dieses Kollektiv verantwortlich ist. Mein Studium begann Mitte der 1960er Jahre. Ich stellte fest, dass es überhaupt keine Lehre über den Holocaust gab. Ich fragte den Dekan. Er sagte mir, ich solle mich diesem Thema bloß nicht annähern. Ich würde verrückt werden, wenn ich mich mit dem Holocaust befassen würde. Später wollte er so etwas nie gesagt haben. Also begann ich, mich selbst um das Thema zu kümmern.
taz: Machen wir einen Sprung in die heutige Zeit. In Berlin gab es kürzlich Landtagswahlen. Eine der gewählten Abgeordneten hat gesagt, dass es kein Existenzrecht für Staaten gebe.
Porat: Sagte sie das generell?
taz: Ja. Allerdings ist sie stark in der Palästina-Solidaritätsbewegung engagiert. Eine andere Dame von derselben Partei Die Linke sagte, eine Befreiung Palästinas sei erst dann vollkommen, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt. Ist das Antisemitismus?
Porat: Absolut.
taz: Antisemitismus von links ist kein neues Phänomen. Historische Figuren wie Stalin hatten antisemitische Überzeugungen. Heute sagen Vertreter dieser Richtung, sie seien gar keine Antisemiten, sondern lediglich Antizionisten. Haben sie recht? Oder ist Antizionismus auch antisemitisch?
Porat: Letzteres ist absolut richtig. Ich habe lange Zeit geglaubt, das sei nicht so. Wir alle dachten das. Wir glaubten, besonders exakt zu sein, wenn wir das eine Ereignis als antisemitisch, das andere als antizionistisch beschrieben. Aber dann verschwammen die Unterscheidungen. Das begann schon zu sowjetischen Zeiten, als die UdSSR antizionistisch agierte, dies aber mit antisemitischen Begrifflichkeiten tat. Die Bedeutung wuchs nach der Konferenz von Durban im Jahr 2001. Ich war damals bei dieser UN-Konferenz dabei. Innerhalb von nur zwei Tagen vergaßen viele Teilnehmer, was sie über Rassismus wussten. Es wurde zu einer anti-israelischen und gegen Juden gerichtete Veranstaltung.
taz: Auf der Konferenz wurde Zionismus als eine Form des Rassismus definiert.
Porat: Es ging darum, Israel zu vernichten und die Juden zu töten. Es gab nur noch eine Begrifflichkeit, nicht mehr Antisemitismus und Antizionismus. Keine Unterscheidung mehr.
taz: Stimmt der Eindruck, dass sich heutzutage viele rechtsgerichtete Gruppen betont israelfreundlich geben und so tun, als würden sie alle Juden lieben …
Porat: Das ist eine ganz dünne glänzende Oberfläche. Eine dünne Schicht, die so tut, als liebe sie Israel und verteidige das Land. Aber unter dieser dünnen Schicht kommt der alte Judenhass zum Vorschein.
taz: Auf der anderen, linken Seite heißt es, man habe doch gar nichts gegen Juden, nur lehne man die rechte Regierung von Benjamin Netanjahu und den Krieg im Gazastreifen ab, kämpfe aber für die Freiheit der Palästinenser. Es scheint fast so, als würden alle die Juden lieben.
Porat: Das ist nur eine taktische Veränderung, aber es ist keine wirkliche veränderte Haltung. Das Image der Juden hat sich nicht verändert. Was sich verändert hat, sind die in der Politik verwendeten antisemitischen Werkzeuge. Und wenn ich fragen darf: Was ist am Antizionismus so koscher? Warum soll es besser sein, ein Antizionist als ein Antisemit zu sein? Antizionismus ist diskriminierend gegenüber einer einzigen Nation.
taz: Weil sie keinen jüdischen Staat befürworten, wohl aber Staaten für alle anderen Völker?
Porat: Genau. Jede kleine Insel im Pazifik kann zum Staat werden, auch wenn es dort nicht immer lange Traditionen gegeben hat. Juden gibt es seit 3.000 Jahren. Wir sollen beweisen, dass wir eines Staates würdig sind.
taz: Kürzlich jährte sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober zum dritten Mal. Damals wurden mehr als 1.200 Menschen ermordet und Hunderte entführt. Man sollte annehmen, eine solche Tat hat eine Solidaritätswelle mit Israel zur Folge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keine Solidaritätsbewegung mit Israel. Warum geschah dies?
Porat: Die Gründe sind, so glaube ich, folgende. Das Verbrechen wird bestritten, so wie der Holocaust bis heute bestritten wird. Je größer das Verbrechen, desto stärker das Dementi und umso schneller kommt dieses Dementi. Dieses Leugnen kommt nicht nur von der Hamas, sondern auch von denjenigen, die die Hamas unterstützen und sie als Freiheitskämpfer betrachten. Diesen Unterstützern war es nicht möglich, sich nach dem Massaker von 7. Oktober einzugestehen, dass sie falsch lagen. Dass sie Mörder und Vergewaltiger unterstützt haben. Also entschieden sie sich dafür, das Verbrechen zu negieren.
taz: Die israelische Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu entschied sich dafür, einen großen Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen zu führen. Dabei starben auch viele tausend Zivilisten. Manche Menschen, die sich solidarisch mit Israel fühlen, glauben, dass dieser Krieg das Anwachsen des Antisemitismus im Ausland bestärkt hat. Ist diese Sichtweise richtig?
Porat: Der Krieg richtete sich nicht gegen Zivilisten. Der Krieg richtete sich gegen die Hamas. Es ging gegen ihre Hauptquartiere und die unterirdischen Tunnel.
taz: Aber es starben auch viele Zivilisten.
Porat: Ja, unglücklicherweise und unbeabsichtigt. Aber der Krieg ging nicht gegen Zivilisten, sondern gegen die Hamas. Zivilisten wurden getötet. Aber daran trägt die Hamas die Schuld.
taz: In Europa gibt es sehr viele Menschen – und keineswegs nur Hamas-Unterstützer – die glauben, dass Israel einen Genozid an den Palästinensern verantwortet. Das Image von Israel ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Porat: Gleiches gilt auch in den Vereinigten Staaten, in der Film-Industrie, unter Akademikern. Wir sind Mülleimer. Aber warum konnte sich dieses Image so rasch und leicht verändern? Ich glaube, weil darunter der alte Antisemitismus durchscheint, der in uns Juden ein Weltproblem sieht.
taz: Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland teilt antisemitische Ressentiments. Dieser Prozentsatz hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert, trotz aller Versuche dazu. Was glauben Sie hilft, den Antisemitismus zu bekämpfen?
Porat: Das ist sehr schwer zu sagen, aber ich glaube, dass eine Sache helfen könnte. Wenn diese Gefühle aus dem Unwissen über Juden entstehen, wenn man nicht wirklich weiß, was das Judentum ist, wenn man nicht einschätzen kann, was da im Nahen Osten eigentlich los ist, dann könnte man dies tun: die Kinder zu lehren, wer wir sind. Wer sind diese Juden?
taz: Theodor Herzl hat im „Judenstaat“ geschrieben, dass die Juden ein eigenes Land besitzen müssen, um dem weltweiten Antisemitismus zu entgehen. Nun ist der Judenhass mit der Hamas in Israel selbst eingebrochen. Sind die Juden in Israel noch sicher? Hatte Herzl unrecht?
Porat: Ganz gewiss hat der Staat versagt. Das hat nichts mit Herzl zu tun. Herzl hatte recht damit, dass die Juden einen eigenen Staat brauchen. Aber wir haben an diesem Tag versagt. Wir haben schon vorher versagt. Wir haben es nicht kommen sehen. Wir waren nicht wachsam.
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