Griechen drehen an der Uhr: Jürgen Klopp malt sich die DFB-Welt rosarot

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verabschiedet sich mit einer durchwachsenen Bilanz aus der ersten Länderspielpause. Im Rückspiel gegen Griechenland fehlt diesmal nur das Tor. Doch einer ist verzückt: Bundestrainer Jürgen Klopp.
Zwei Wochen lang hatten die Menschen gesagt und geschrieben, auch Jürgen Klopp könne nicht zaubern. Dabei kann der Bundestrainer das sehr wohl: Kaum jemand kann die Wahrnehmung auf fast magische Weise beeinflussen wie Klopp. Wer wissen will, wie der Trick funktioniert, bekam nach dem soliden 0:0-Remis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Griechenland in Thessaloniki einen Eindruck davon.
Klopp ist bekannt dafür, dass er Spieler besser macht, sie weit über ihrem eigentlichen Niveau performen lässt. Nun scheint der Bundestrainer das mit ganz Fußballdeutschland machen zu wollen. Er richtet den Blick auf die Stärken, statt über Schwächen zu sprechen. "Die Jungs haben ein unglaubliches Fußballspiel gemacht, das in allen Bereichen top war, richtig top war", sagte er nach dem Abpfiff bei RTL. Und zack, schon hinterfragt man seine eigene Einschätzung.
Nur, war es das wirklich? "Unglaublich"? Die Partie war der Abschluss des großen Feldversuchs, den der Bundestrainer während der XXL-Länderspielpause wagte. Für die vier Partien nominierte er insgesamt 44 Spieler, getrennt in zwei Hälften. Während "Kader I" gegen die Niederlande ein 1:1-Remis mutig verteidigte und gegen Griechenland behäbig verlor, gewann "Kader II" mit 2:0 überlegen gegen Serbien und versuchte 60 Minuten lang eifrig, in Thessaloniki ein Tor zu schießen, und verlor dann irgendwann den Faden.
Fans auf Häuserdach, wackeliges Internet
Dabei hatten sie auch erschwerte Umstände. Schon auf dem Weg zum Toumba-Stadion in Thessaloniki deutete sich an: Das wird kein normales Fußballspiel. Die in die Jahre gekommene Betonschüssel ohne Dach liegt in der Stadt, umgeben von Wohnhäusern und einer Oberschule. Mit jedem Meter, dem man dem Bauwerk näher kommt, steigt einem der Holzkohlegrillgeruch der Essensverkäufer in die Nase. Dazu gesellt sich das Rattern der Generatoren, die an den Trikotständen die Lampen antreiben.

Es ist ein Traum für Fußballromantikerinnen und -romantiker. Die Gemäuer wurden in den 1950er-Jahren erbaut und seit 20 Jahren nicht mehr modernisiert. Graffitis säumen draußen die Wände, die Flutlichtmasten wurden erst nachträglich hinzugefügt, genauso wie eine riesige Stahlkonstruktion die Überdachung der Haupttribüne trägt. Drinnen ist die Internetverbindung bestenfalls wackelig, manchmal fehlt auf den Toiletten das Wasser zum Händewaschen. Weil kein Dach die Sicht verdeckt, schaut eine Gruppe Jugendlicher das Spiel von einem benachbarten Hausdach.
Und da ist ja nicht nur das Stadion, sondern auch die fast 30.000 Fans darin. Spätestens bei der DFB-Mannschaftsaufstellung wird deutlich: Das kann richtig unangenehm werden. Der Bundestrainer erntet zwar verhaltenen Applaus, doch die DFB-Spieler werden zuvor gnadenlos ausgepfiffen. Der Beginn der deutschen Hymne geht dann auch noch in Buhrufen und Pfiffen unter.
Beinahe ein früher Schock
In der Fachsprache nennt man so etwas einen Hexenkessel. Die griechischen Fans brüllen ihre Mannschaft mit konstanten "Hel-las"-Rufen nach vorn, manchmal klatschen die Tausenden auch im Rhythmus. So oder so: Es ist laut. Vielleicht etwas beeindruckt davon, gerät die DFB-Elf beinahe früh in den Rückstand: Nach einer Flanke kommt Kapitän Georgios Masouras zum Kopfball. DFB-Torwart Jonas Urbig verhindert per Glanzparade schon in der 2. Minute das 0:1.
Die Chance rüttelt das DFB-Team rechtzeitig wach. Danach wirkt es so, als hätte die Klopp-Elf aus der Hinspielpleite gegen Griechenland tatsächlich gelernt. Schaltzentrale Aleksandar Pavlovic lenkt das Spiel, macht das mit schnellen und klugen Pässen. Mit schnellen Kombinationen schaffen es Kapitän Florian Wirtz und Tom Bischof sogar hin und wieder, die griechische Phalanx zu knacken.
Auf dem Flügel sorgt vor allem der Freiburger Derry Scherhant, Zweitname Lionel, stetig für Alarm. In der Defensive lassen Malick Thiaw und Waldemar Anton keine Zweifel aufkommen. Wenn das DFB-Team mal den Ball verliert, umschwirren gleich drei, vier Männer in den schwarzen Nadelstreiftrikots ihre Gegenspieler. Es sieht viel mehr nach Klopp-Fußball aus als noch in Augsburg.
Stille, dann Applaus
Das läuft so, bis es in der 37. Minute plötzlich ganz still im Toumba-Stadion wird. Scherhant kommt auf seiner linken Seite zum Flanken, im Strafraum stochert Jonathan Burkardt den Ball ins Tor. Die Mannschaften stehen schon wieder beim Anstoß, niemand hat sich beschwert, da schaltet sich der VAR von außen ein. Kurze Zeit später applaudieren die Griechen: Der Treffer zählt nicht. Bischof war am Mittelkreis der Ball an den Arm gesprungen. Die DFB-Elf setzt ihren Druck auf das griechische Tor deshalb weiter fort. Das Klopp-Team erarbeitet sich Chance und Chance - nur erzielt sie keinen Treffer.
Der Bruch kommt dann nach der Pause. Griechenland wechselt das BVB-Talent Konstantinos Karetsas ein. Und auch sonst verändert sich das Spiel: Plötzlich tritt Hellas deutlich giftiger auf, die DFB-Elf verliert sich in alten Mustern. Leichte Paraguay-Flashbacks machen die Runde. Das Publikum pendelt indes zwischen Pfiffen und "Hellas"-Rufen hin und her. Und die haben mit Karetsas ja jetzt plötzlich einen Spieler, der mit den langen Bällen seiner Kollegen auch etwas anfangen kann.
Damit hat es sich auch mit den DFB-Offensivbemühungen erledigt. Der eingewechselte Said El Mala flankt einen Ball bis nach Athen, sein Kollege Mika Baur macht es ihm nach einer Direktabnahme gleich. Nick Woltemade steht zwar als Einwechselung auf dem Spielberichtsbogen, tritt aber kaum in Erscheinung. Das Fazit zog dann Ersatzkapitän Wirtz bei RTL. "Ich glaube, wir haben ziemlich viel Druck aufgebaut. Wir haben am Ende einfach das scheiß Tor nicht gemacht. Ist ärgerlich, trotzdem können wir zufrieden sein, wie wir gespielt haben", sagte er. "Es war sehr, sehr viel Gutes dabei. Es ist natürlich jetzt nicht alles schlecht."
Ein vielsagender Satz
Damit endet die erste Länderspielreise von Bundestrainer Klopp über Amsterdam, Augsburg und München in dem kleinen Pressesaal des Toumba-Stadions. Bevor er den Raum betritt, unterschreibt er noch flugs ein Deutschlandtrikot für einen Fan, dann erklärt er, dass er eine großartige erste Hälfte gesehen habe. Und viele Details, die wahnsinnig wichtig seien. "Ich könnte noch ganz viel sagen, aber ich will die Dolmetscherin nicht in den Wahnsinn treiben", erklärt Klopp.
Klar, es gehört beides zusammen, aber mal abgesehen von der fußballerische Entwicklung: Dann fällt die erste Bilanz eher durchwachsen aus: vier Spiele, ein Sieg, drei Tore, fünf Punkte. Für seinen Vorgänger wäre es damit ungemütlich geworden. Nach Hin- und Rückspiel hat die DFB-Elf ihr Duell gegen Griechenland schon verloren. Drei Zähler liegt sie hinter den Plätzen, die für das Nations-League-Viertelfinale qualifizieren würden. Damit ist der Ergebnisdruck im November größer.
Doch Klopp bleibt bei seiner eher rosarot gefärbten Sicht der Dinge. "Ich hätte nicht gedacht, dass nach einer Woche mit dieser Gruppe so ein Fußball möglich ist. Das ist herausragend", sagt der Bundestrainer. Der deutsche Fußball lag vor Wochen noch am Boden. Aber: "Ich habe zwei Wochen mit 44 deutschen Fußballspielern zusammengearbeitet, denen fehlt ganz sicher kein Talent", sagt Klopp. Er könne zu jedem ein Buch schreiben -"und zwar ein richtig geiles".
Am Ende sagt er etwas, was über den aktuellen Zustand seines Teams realistischer beschreibt. "Das ist so eine alte Regel: Wenn man nicht besser ist als andere, dann ist Taktik dazu da, sie auf dein Niveau herunterzuholen und sie da wegzumachen", erklärt der Bundestrainer. "Und das ist die momentane Idee." Die DFB-Elf habe den ersten Schritt gemacht "und darüber bin ich super happy". Bis November ist ja noch etwas Zeit.
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