SRF-Journalist Schmitz: «Der Auftritt bei 10vor10 war ein Fehler»

Darum gehts
- SRF-Reporter Pascal Schmitz spricht erstmals an einem ZHAW-Podium über die persönlichen Folgen der Affäre Fischer.
- Sein Auftritt in der Sendung «10 vor 10» war laut Schmitz ein Fehler – das Ausmass der öffentlichen Reaktionen habe das Team unterschätzt.
- Medienrechtler Vinzenz Wyss stützt Schmitz’ journalistisches Vorgehen: Bei einem rechtskräftigen Strafbefehl überwiege die Informationspflicht.
Pascal Schmitz hat aufwühlende Zeiten hinter sich, wie er selber sagt. «Die ganze Geschichte ist ein halbes Jahr her und ich konnte Abstand gewinnen. Ich kann mich privat und beruflich wieder auf andere Sachen konzentrieren. Es geht mir heute viel besser.»
Der SRF-Mann hat in den Augen vieler Schweizer Eishockeyfans im April kurz vor der Heim-WM den Nationaltrainer zu Fall gebracht. Er enthüllte, dass Patrick Fischer ein Covid-Zertifikat gefälscht hat, und machte sich dadurch auch selber zur Zielscheibe.
«Ich habe viel Hass und Missgunst erlebt», sagt der SRF-Redaktor während einer Podiumsdiskussion der ZHAW-Alumni-Organisation Columni zum Fall Fischer. «Es gab damals viel zu tun. Der Druck war maximal. Ich habe versucht, handlungsfähig zu bleiben und mich selber zu regulieren.»
Plötzlich im Auge des Sturms
Dank Freunden und Familie – und dem SRF als Arbeitgeber – konnte er dem Druck standhalten. «Diese Beziehungen haben mir Rückhalt gegeben und mir geholfen, die Sache als Journalist durchzuziehen», sagt Schmitz, «das war keine einfache, aber eine wertvolle Lektion.»
Heute geht er gestärkt aus der Sache, auch weil seine Chefs während dieser turbulenten Zeit zu ihm gestanden seien, sagt Schmitz. Der Moderator von Schweiz aktuell stand einige Wochen nicht mehr vor der Kamera.
Auslöser für die Anfeindungen waren einerseits die explosive Enthüllung nach dem bekannten Mittagessen mit Patrick Fischer, andererseits das prominente Studiogespräch von Schmitz selber in der Sendung «10 vor 10» – an der Seite von Arthur Honegger.
«Rückblickend war das ein Fehler – nach diesem Auftritt stand ich im Mittelpunkt. Aus heutiger Sicht würden wir das nicht mehr so machen», sagt Schmitz im Gespräch mit Markus Niederhäuser, Leiter Weiterbildung, der Schmitz zusammen mit Vinzenz Wyss, Professor für Medienrecht, und Kommunikationsexpertin Claudia Meili eingeladen hatte.
Das Ausmass der Reaktionen unterschätzt
Schmitz erklärt den Gang vor die 10-vor-10-Kamera mit der plötzlichen Entlassung von Fischer, nachdem der Verband zuvor noch an ihm festgehalten hatte. «Viele Medien hatten schon vor uns berichtet, wir waren unter Druck und wollten Transparenz schaffen.»
Den Vorwurf, er habe sich aus Eitelkeit selbst ins Zentrum gestellt, weist Schmitz zurück. «Wir haben mit der Redaktionsleitung unter höchstem Druck entschieden. Wir haben das Ausmass der Reaktionen unterschätzt.»
Ansonsten würde Schmitz auch heute im Sinne des Journalismus wieder genau gleich handeln, sagt er vor mehreren Dutzend ehemaligen ZHAW-Absolventen und Vertretern aus der Medien- und Kommunikationsbranche.
Dilemma zwischen vertraulicher Information und öffentlichem Interesse
Dennoch dreht sich die Diskussion während des Podiums um die grossen Fragen: Wann ist ein Gespräch vertraulich? Wann wird aus einer informellen Bemerkung eine recherchierbare Information? Und kann eine Aussage nachträglich als «off the record» deklariert werden?
Nachdem Fischer während des Mittagessens mit Schmitz über das gefälschte Covid-Zertifikat geplaudert hatte, entstanden gleich mehrere Eskalationsstufen. «So weit ich mich erinnere, habe ich ihm dann gesagt, dass das eine Riesenstory wäre», erklärt der SRF-Journalist.
Daraufhin intervenierte SIHF-Medienchef Finn Sulzer und sagte, das sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. «Ich sagte dann, dass ich es registriert habe», erzählt Schmitz, ohne weiter darauf einzugehen.
Nach dem Mittagessen habe er den Kameramann angeschaut und gesagt: «Bist du dir bewusst, was Fischer gerade gesagt hat!?» Nach dem Drehtag habe er dem News-Produzenten die Situation geschildert.
Diskrepanz zwischen Integrität und Delikt
Daraufhin fiel der Entscheid: Eine Vertraulichkeitsvereinbarung könne nicht einfach nachgereicht werden. «Über Vertraulichkeit muss man vorher sprechen, nicht erst nachher», sagt Schmitz und findet damit auch beim Medienrechtler Vinzenz Wyss grosse Zustimmung.
«Aus berufsethischer Sicht wurde hier im Wesentlichen alles richtig gemacht. Es lag ein ganz klares öffentliches Interesse vor. Fischer war Nationaltrainer, wird über Swiss Olympic mit öffentlichen Geldern entschädigt», erklärt Wyss.
Der Professor für Journalistik führt weiter aus: «Wenn zwischen der öffentlichen Integrität von Fischer und seinem privaten Handeln bei einem Delikt eine solche Diskrepanz klafft, muss darüber berichtet werden.»
Wyss gibt aber auch zu bedenken, dass es eine kleine Unschärfe gibt, weil die Aussage in einer informellen Situation fiel. Aber sobald ein rechtskräftiger Strafbefehl wie im Fall Fischer vorliegt, überwiegt die Informationspflicht der Medien gegenüber dem Quellenschutz.
Auch am Mittagstisch ist ein Journalist ein Journalist
Für Schmitz ist ein Gespräch am Mittagstisch nicht per se vertraulich, zumal das Essen während eines ganzen Drehtags stattgefunden habe. Auch in den Pausen bleibe man als Journalist im Arbeitsmodus.
Wäre die Aussage zum gefälschten Covid-Zertifikat in einem privaten Rahmen an irgendeiner Bar morgens um zwei Uhr nach dem fünften Bier gefallen, wäre die Situation eine andere gewesen, schildert Schmitz. «Aber so ist es halt schon eine Arbeitssituation.»
Entscheidend ist für den SRF-Reporter auch der Zeitpunkt einer allfälligen Vereinbarung. «Wenn man mit einem Journalisten unterwegs ist, dann redet man quasi mit der Öffentlichkeit», sagt Schmitz und wiederholt: «Eine Abmachung muss vorher getroffen werden. Wenn es erst nachher passiert, befindet man sich in Geiselhaft.»
Wie beurteilst du den Umgang von Medien mit vertraulichen Informationen, wenn ein öffentliches Interesse besteht?
ZHAW-Podium – Krisenfall «Fischer»
Unter dem Titel «Der Krisenfall Fischer – die Lehren für Journalismus und Medienarbeit» fand in Winterthur für Columni-Mitglieder und geladene Gäste aus Medien und Kommunikation eine einstündige Podiumsdiskussion mit Claudia Jenni (Kommunikationsberaterin), Vinzenz Wyss (Professor für Journalismus, IAM) und Pascal Schmitz statt.
Moderiert wurde der Alumni-Event von Markus Niederhäuser, Leiter Weiterbildung.
Die ZHAW hat bewusst davon abgesehen, Patrick Fischer oder SIHF-Medienchef Finn Sulzer für das Podium einzuladen. Im Fokus stand die Perspektive von Schmitz und keine Gegenüberstellung. Verzichtet wurde ebenfalls auf eine Konfrontation mit alten rassistischen Social-Media-Posts des SRF-Journalisten.
Sebastian Rieder (sri), arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Stv. Leiter Sport. Der Generalist hat stets die besten Schweizer Fussballer im Fokus und begleitet die Nati als Reporter und Videojournalist.
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