Neuer Film «Frank & Louis» – Volpe: «Ein Mensch ist mehr als das Schlimmste, das er getan hat»

In ihrem neuen Film «Frank & Louis» wagt sich die Filmemacherin Petra Volpe an einen schwierigen Stoff: In einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis pflegen Mörder andere Häftlinge, die an Alzheimer erkrankt sind. Ein Film über Schuld, Empathie und die Frage, was einen Menschen ausmacht.
Petra Volpe
Filmemacherin
Petra Volpe ist eine italienisch-schweizerische Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Sie studierte Kunst und Design in Zürich und lebte danach in New York City. Nach dem Studium der Dramaturgie und Drehbuch in Potsdam lebt sie als freischaffende Drehbuchautorin und Regisseurin in New York und Berlin.
SRF News: Frau Volpe, Ihr neuer Film spielt in einem amerikanischen Männergefängnis. Was hat Sie an dem Stoff gereizt?
Petra Volpe: Der Film erzählt von einem Programm, das es in den USA wirklich gibt: Jüngere Mörder pflegen ältere, an Alzheimer erkrankte Mörder. Mich hat dieser Aspekt von Pflege und Alter in einem Gefängnis sofort fasziniert. Bei unserer Recherche haben wir Männer getroffen, Schwerstverbrecher, die mit grosser Empathie, Zärtlichkeit und Fürsorge andere Männer gepflegt haben. Das ist ein Bild von Männlichkeit, das man eigentlich wenig zu sehen bekommt.
Der Film ist ein Plädoyer dafür, dass ein Mensch mehr ist als das Schlimmste, was er getan hat.
Im Film fällt der Satz: «Ist die Strafe nicht sinnlos, wenn man gar nicht mehr versteht, dass man bestraft wird?»
Das ist die grosse Frage, die der Film stellt und auf die auch ich keine einfache Antwort habe. Wir leben in einer Zeit, in der sehr schnell geurteilt wird. Der Film ist ein Plädoyer dafür, dass ein Mensch mehr ist als das Schlimmste, was er getan hat. Er fragt: Verdient ein Mensch, der den sozialen Kontrakt gebrochen hat, dass er immer noch mit Würde behandelt wird? Uns war aber auch wichtig, die Opfer und ihr Leid sichtbar zu machen.
Sie haben für den Film in einem US-Gefängnis recherchiert. Was haben Sie dort erlebt?
Die Gespräche mit den Häftlingen, die solche Pflege leisten, waren sehr intim. Es ging um ihr Leben, ihre Taten und ihr Verhältnis zur Schuld. Ein Satz, der mir geblieben ist, war, dass diese Pflegearbeit ihnen das Gefühl gibt, «wieder Mensch zu sein». Das ist das Thema, das den ganzen Film durchzieht: Was macht unser Menschsein aus?
Ich suche nach dem Universellen in der Geschichte.
Sie gelten als erfolgreichste Schweizer Filmemacherin. Ihre Filme wie «Heldin» oder «Die göttliche Ordnung» haben international grosse Resonanz gefunden. Wie spüren Sie, dass eine Geschichte auch im Ausland verstanden wird?
Ich suche mit meinem Team nach dem Universellen in der Geschichte. Oft finde ich das in unserem körperlichen Dasein. Wir alle werden geboren, wir alle müssen sterben, müssen essen, brauchen Luft oder gehen auf die Toilette. Wir brauchen Berührung und Liebe. Egal, wo wir geboren sind. Ich glaube, es liegt eine Form von Verbindung in diesem körperlichen Dasein. Wenn man die Themen durch diese Perspektive betrachtet, findet man etwas Universelles.
Die künstliche Intelligenz ist eine Entwicklung, in der wenig Körperliches drinsteckt. Bereitet sie Ihnen Sorgen?
Nein, im Gegenteil. Wir müssen uns jetzt erst recht überlegen, was uns von der KI abgrenzt. Was macht das Menschsein aus? Wir sind mehr denn je herausgefordert, genau das für uns zu definieren und zu verteidigen. In diesem Sinne ist KI eine Chance, uns an unsere Menschlichkeit zurückzuführen.
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