Banden spähen Reiche aus – und überfallen ihre Genfersee-Villen

- Die Genferseeregion verzeichnet eine Zunahme von organisierten Homejackings auf Villen wohlhabender Personen.
- Im Mai wurde Formel-1-Legende Alain Prost in seiner Villa in Nyon überfallen und leicht verletzt.
- In Genf registrierte die Polizei letztes Jahr 18 Homejackings – 70 Prozent der Unternehmen in der Region finden, die Sicherheitslage habe sich verschlechtert.
Sind wohlhabende Prominente am Genfersee noch sicher? Im Mai sorgte ein Raubüberfall in einer Villa in Nyon für Schlagzeilen. Beim Opfer handelte es sich um Formel-1-Legende Alain Prost. Die Täter bedrohten die Familie und zwangen einen Sohn, den Safe zu öffnen. Prost wurde dabei leicht verletzt. Der Fall soll aber nur die Spitze des Eisbergs sein.
Gewaltsame Überfälle auf Villen bereiten den Behörden in der Genferseeregion zunehmend Sorgen. Die Täter dringen gezielt in Häuser wohlhabender Menschen ein und bedrohen die Bewohner teilweise mit Waffen. Ihre Beute sind teure Uhren, Schmuck und andere Wertgegenstände. Danach fliehen sie häufig über die nahe Grenze nach Frankreich, wie die «Financial Times» berichtet.
Sorge um Standortattraktivität
Unter den Opfern sollen sich Privatbanker, Rohstoffhändler und weitere vermögende Führungskräfte befinden. Auch Unternehmen wie Pictet und Trafigura hätten das Problem bei den Behörden angesprochen.
«Dieser Trend ist in letzter Zeit viel organisierter, gezielter und häufiger geworden», sagt die Waadtländer FDP-Politikerin Florence Bettschart-Narbel. Sie fürchtet, die Entwicklung könnte die Attraktivität der Schweiz für ausländische Unternehmen und vermögende Personen beeinträchtigen.
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Teenager soll von Tätern verschleppt worden sein
Wie brutal die Täter teilweise vorgehen, zeigt ein weiterer Fall. Ein Genfer Rohstoffhändler berichtete der «Financial Times» von einem Überfall auf eine befreundete Familie. Die Täter hätten eines der Kinder im Teenageralter im Fluchtauto mitgenommen. Kurz vor der französischen Grenze hätten sie den Jugendlichen freigelassen.
In Genf registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 18 sogenannte Homejackings. Ein Jahr zuvor waren es 15. Gleichzeitig ging die Gesamtzahl der Raubüberfälle um einen Fünftel zurück.
Eine aktuelle Umfrage unter Unternehmen in der Genfer Region zeige die wachsende Verunsicherung. 70 Prozent der Befragten fänden, die Sicherheitslage habe sich in den vergangenen drei Jahren verschlechtert. Als Gründe hätten sie unter anderem die Überfälle auf bewohnte Häuser und eine zu «geringe Polizeipräsenz» genannt.
Täter suchen ihre Opfer in sozialen Medien aus
Nach Erkenntnissen der Genfer Polizei bereiten sich die Banden gezielt auf ihre Überfälle vor. Sie recherchieren ihre Opfer im Voraus und nutzen dafür auch soziale Medien. Fotos von Luxusuhren, Schmuck, Autos oder Ferienreisen können Hinweise auf Vermögen und Gewohnheiten liefern.
Sieben Überfälle des vergangenen Jahres wurden laut Polizei verschiedenen Banden aus Südfrankreich zugeschrieben. Die Ermittler brachten vier serbische und sieben französische Staatsangehörige aus der Region Marseille mit den Taten in Verbindung.
Die französische Botschaft bezeichnet die Zusammenarbeit der Behörden beider Länder als «konstant, umfassend und flexibel».
Mehr Kontrollen an der Grenze gefordert
In der Politik werden nun schärfere Massnahmen diskutiert. Dazu gehören mehr Polizisten und gezielte Kontrollen an Grenzübergängen und kleineren Strassen. Die Polizei soll zudem schneller auf Datenbanken mit Autokennzeichen zugreifen können.
Diskutiert wird auch, weniger Informationen über Immobiliengeschäfte öffentlich zu machen. Bislang werden in Genf unter anderem Namen von Käufern und Kaufpreise veröffentlicht. Damit lassen sich teilweise auch Wohnadressen sehr vermögender Personen ermitteln.
«Wir sind diese Art von Kriminalität nicht gewohnt»
Einige Gemeinden handeln bereits. Vandoeuvres, eine der wohlhabendsten Gemeinden im Kanton Genf, plant eine «virtuelle Grenze». An den Zufahrten sollen Kameras und automatische Systeme zur Erkennung von Autokennzeichen installiert werden.
«In absoluten Zahlen sind es nicht viele Fälle», beschwichtigt Bettschart-Narbel. Die Schweiz sei ein sehr offenes und sicheres Land: «Wir sind diese Art von Kriminalität nicht gewohnt.»
Jonas Bucher ist Blattmacher und stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
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