Theaterstück über Simson-Mopeds: Metall bebt, Druck wird Bewegung

In „Freiheit:Simson“ von Aron Boks geht es um's verklärte Moped. Die Firmengeschichte birgt viel vom zerrupften deutsch-deutschen 20. Jahrhundert.
Auf der Simson-Schwalbe macht Paul irgendwann in den 1970ern rüber in den Westen – oder vielleicht auch nicht. Ganz erfährt man es nicht in Charlotte Gneuß’ Roman „Gittersee“. Vor einigen Jahren löste Gneuß’ Debüt über eine Jugendliche im Visier der Stasi eine literaturkritische Debatte aus. Ob Gneuß, nach 1990 in Westdeutschland geboren, überhaupt authentisch berichten könne über das Leben in der DDR. Wird der Osten zur westdeutschen Erfindung?, fragte dann die FAZ.
Blicken wir aufs Detail, auf die DDR-Mopedmarke Simson. Sie hat jenes knatternde, röhrende, heute noch greifbare Produkt des DDR-Alltags hervorgebracht. Die ist zwar keine Erfindung, aber in diesem Objekt bündeln sich alle möglichen Projektionen auf den Osten: Ulrich Siegmund machte auf einer AfD-blauen Simson-Schwalbe Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, Björn Höcke beschwor mit der sportlichen Simson S50 in Thüringen den ostdeutschen „Way of Life“.
In der Dinghaftigkeit dieser längst nicht mehr produzierten Retro-Simsons, mit denen man einst an die Ostsee fuhr oder auch Republikflucht beging, scheint man das Eigentliche von einem Leben zu finden, das in der Vergangenheit eines Staates liegt, den es nicht mehr gibt. Die Rechten wissen das für ihre Propaganda zu nutzen.
„Ein Funke schlägt in die Enge des Brennraums (…) Das Gemisch zerreißt sich, drückt, hämmert, treibt den Kolben hinab. Alles ist geschlossen, alles konzentriert sich auf diesen einen Stoß nach unten. Metall bebt. Druck wird Bewegung“. Mit dieser erotischen, brachialen Hymne auf das Moped beginnt das Theaterstück „Freiheit:Simson“. Es ist eine Textmontage aus O-Tönen, Aktenauszügen der Stasi, der Treuhand, TV-Mitschnitten, Archivdokumenten. Und es ist der Versuch einer Aufklärung über die verklärten Simsons.
Familienname von AfD für rechte Propaganda missbraucht
Geschrieben haben „Freiheit:Simson“ Aron Boks, Schriftsteller und taz-Autor, und der Theaterregisseur Janek Liebetruth. Simson-Fans, die einfach nur Moped fahren wollen und nichts wissen wollen von seiner politischen Instrumentalisierung, kommen vor, Werksarbeiter:innen, die noch zu DDR-Zeiten Simsons produziert haben, ein Vertragsarbeiter aus Mosambik auch – „Ich war mal in der Diskothek und habe ein Mädchen kennengelernt. Dann kamen drei, fünf Heranwachsende. Da fielen dann die N-Worte“, zitiert ihn die Schauspielerin Chenoa North-Harder bei den Proben zum Stück, es geht um die späten 1980er.
Auch Dennis Baum hat Aron Boks für „Freiheit:Simson“ getroffen. Der in den USA lebende Nachfahre der jüdischen Simson-Familie, der sich heute dagegen wehrt, dass die AfD seinen Familiennamen für ihre rechte Propaganda missbraucht. „Freiheit:Simson“ beschreibt die ganze irre Unternehmensgeschichte von Simson. Und die wiederum erzählt viel über das zerrupfte deutsch-deutsche 20. Jahrhundert. Boks und Liebetruth bringen das Stück in der thüringischen Stadt Suhl auf die Bühne, Premiere ist am Abend vorm Tag der Deutschen Einheit, Freitag, der 2. Oktober.
Suhl, das ist der Ort, wo die jüdischen Unternehmer Löb und Moses Simson 1856 ihre Firma gründeten, die zunächst Jagd- und Militärwaffen herstellte, später Autos, Fahrräder und Kinderwagen. Als einziges Unternehmen konnte Simson in der Weimarer Republik die geschrumpfte Reichswehr mit Handwaffen beliefern. So überstand die Firma die Wirtschaftskrise, wuchs in den 1930er Jahren gar zu einem kilometerlangen Fabrikationswerk am Rande Suhls an. Das wurde zu DDR-Zeiten dann das „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl“.
DDR-Garagen und Treuhandanstalt
Heute, zwischen den monumentalen Betonstelen der Talbrücke Hasetal und einer geradezu anarchischen Ansammlung aus DDR-Garagen, hochpolierten Fachwerkhäusern mit gestutzten Buchsbäumen im Vorgarten und Ramschimmobilien sind die ehemaligen Simson-Werke in Besitz der Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten mbH, kurz GESA. Die geht zurück auf die frühen 1990er Jahre und die Treuhandanstalt.
Boks und Liebetruth zeigen die Treuhand als überforderte Abwicklungsbehörde. Tatsächlich ließ sie 1991 den Betrieb auf dem Simson-Gelände einstellen, nach einigen Rettungsversuchen schließt er 2003 ganz. Heute sind die alten Simson-Werke ein Gewerbepark, wie er in der BRD erfunden wurde. Für eine erhoffte, noch kommende Dienstleistungsindustrie modulierte man das Gelände um, peppte es einladend mit ein paar Event-Architekturen auf – breite Vordächer aus knallbunt beschichtetem Stahl, Infotafeln. So was sieht man häufig in Suhl.
Vor den riesigen Plattenbauten etwa. Oder an der Kongresshalle im Stadtzentrum, der einstigen Stadthalle der Freundschaft. Mitte der 1970er Jahre, nachdem die SED Suhl zur Bezirkshauptstadt erklärt hatte, ließ der prominente DDR-Architekt Hermann Henselmann den historischen Stadtkern nach sozialistischen Idealen vollkommen umgestalten: Hochhausscheiben, Centrum Warenhaus, großer Aufmarschplatz und dazu die kreisrunde, fast schon an das New Yorker Guggenheim Museum erinnernde Stadthalle.
Heute würde man solch eine Architektur wieder als ostmodernes Kulturerbe schätzen, nur leider hatte Henselmann es auch im Dienste eines Regimes geplant, das man in den 90ern schnell hinter sich lassen wollte. Bald hat man in Suhl seine sozialistische Moderne mit jener fröhlichen „Alles-ist-möglich“-Architektur der Wendezeit überformt, den Beton bunt überputzt, der Stadthalle einen postmodern lustigen Glaskegel aufgestülpt und ein zackiges Foyer aus Stahlstreben vorgesetzt. All das ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Die architektonischen Schichten in Suhl sind auch die Schichten verstaubter, gesellschaftlicher Versprechungen.
Kawasaki oder Vespa? – Nope
Im GESA-Gewerbepark zumindest wollten bis heute die erhofften Dienstleistungsbetriebe der neuen gesamtdeutschen Marktwirtschaft nicht wirklich einziehen, vielmehr treffen sich dort nun Moped-Fans und brausen mit ihren Simsons entlang der Fertigungshallen. Ausschließlich Simson, wie eine Jugendliche betont, die bei den Proben für „Freiheit:Simson“ dabei ist. Kawasaki oder Vespa? – Nope.
Die Retro-Mopeds der Marke kosten mittlerweile viele Tausender auf dem Gebrauchtmarkt. Dank der GESA können Boks und Liebetruth ihr Stück im Kultursaal der Simson-Werke aufführen. In seiner Holzvertäfelung, den schweren roten Vorhängen und Volkspalast-artigen Bronzekronleuchtern hängt noch die DDR-Luft.
„Eine jüdische Waffenfabrik, die der größte Arbeitgeber in der Region ist? Das war den Nazis ein echter Dorn im Auge“, schreibt die Historikerin Ulrike Schulz über das Unternehmen Simson. 1935 wurden die Simsons von den Nazis enteignet. Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen und Reichsstatthalter, „Partei und Staat in einer Person“, wie er im Stück auftaucht, hatte die Simsons vor Gericht gebracht und enteignen lassen. 1936 floh die Familie ins Exil. Die Nazis übernahmen die Werke und stellten während des Zweiten Weltkriegs die Produktion komplett auf Waffen um.
Der „Dampfhammer“ Simsons
Nach der Kapitulation demontierten die Sowjets erst einmal die Rüstungswerke. Und sie erteilten einen Befehl: Es sollte ein seitenwagentaugliches Motorrad mit 250-cm³-Viertaktmotor gebaut werden. Folglich rollte aus den Simson-Werken 1950 die AWO 425. Man nannte sie auch „Dampfhammer“. Der aerodynamische Tank, die kreisrunden Scheinwerfer, der weit nach vorn gespreizte Chromlenker – eine KI würde sich heute James Dean auf genau so einem Gefährt für die amerikanischen Fifties herbeihalluzinieren.
1953 bekam der mittlerweile in den USA lebende Ewald Meyer, dem die Nazis 1935 noch die Simson-Werke abgezwungen hatten, einen Anruf aus Suhl: Der jetzt volkseigene Betrieb wollte den Markennamen Simson kostenfrei für sämtliche Mopeds aus Suhler Produktion verwenden. Und so landete der Simson-Schriftzug nicht nur auf dem „Dampfhammer“, sondern auf allen feschen Mopeds bis zur Werksschließung 2003. Er war auch, nunmehr in dicken, farbigen, serifenlosen Lettern auf dem Modell S50. Das ging 1975 an den Start, sah besonders motorradähnlich aus, war in der DDR bei Jugendlichen beliebt.
Die AfD stellte noch vor wenigen Wochen im Bundestag den Antrag, die TÜV-Zulassung für ebendieses Modell zu erleichtern. „Das technische und kulturelle Erbe des wiedervereinigten Deutschlands schützen – Zulassung von Export-Simson-Kleinkrafträdern erleichtern“ lautet der Titel ihres Antrags. Im Theaterstück markiert die S50 eine Zeit der Enge – Materialknappheit, Planwirtschaft. Die Werke wurden von der Stasi durchleuchtet. Es war auch ein offenes Geheimnis, dass dort Teile der Kalaschnikow hergestellt wurden.
Dennis Baum, der heute 80-jährige Simson-Nachfahre, hatte nach der Wende noch versucht, mit der Treuhandanstalt über eine mögliche Rettung der Simson-Firmen in der Marktwirtschaft zu verhandeln. Dazu kam es nicht – der Prozess mündete nach vielen Jahren in einer großen Restitution. Doch hatte es Baum damals vor allem auf die Sport- und Jagdwaffenfertigung abgesehen. „Den Versuch zu unternehmen, das Motorradgeschäft wiederzubeleben, oder das Fahrzeuggeschäft, das wäre verrückt. Zum Scheitern verurteilt“, wird er im Theaterstück zitiert. – Niemand wollte in den 90ern die alten Maschinen und neu entworfene Nachfolgemodelle gleich gar nicht. Wer hätte gedacht, dass die Simsons noch zum Mythos werden konnten.
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