Erst droht er Käufern mit Zöllen, jetzt kauft Trump Putins Diesel

- Donald Trump hat nach einem Telefonat mit Wladimir Putin einen Diesel-Deal verkündet: Russland soll zunächst über 300'000 Tonnen Diesel für den US- und Weltmarkt liefern.
- Fachleute erwarten kaum einen Preiseffekt – die 300'000 Tonnen decken den US-Bedarf lediglich für rund 14 Stunden.
- Kritik kommt von Selenski, der den Deal als «Investition in den Krieg» bezeichnet, sowie von Experten, die ihn als «unmoralisch und kurzsichtig» einstufen.
Seit dem Iran-Krieg haben Störungen im Nahen Osten die Dieselkrise weltweit verschärft. Dazu kommt Russlands Krieg gegen die Ukraine: Ukrainische Gegenangriffe haben russische Raffineriekapazitäten beschädigt. Moskau reagierte im Juli mit einem Diesel-Exportverbot – für den Weltmarkt besonders schmerzhaft, denn Russland exportierte zuvor rund die Hälfte seiner Diesel-/Gasoil-Produktion. Jetzt hat US-Präsident Donald Trump einen umstrittenen Deal verkündet.
Was ist passiert?
Trump hat nach einem Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin Lieferungen von Hunderttausenden Tonnen Diesel aus Russland angekündigt. Damit genehmigt er für russischen Diesel eine Sonderregel: Trotz Sanktionen darf das Ölprodukt bis nächstes Jahr wieder verkauft und in die USA eingeführt werden.
Trump zufolge soll Russland zunächst über 300’000 Tonnen für den US- und Weltmarkt liefern. Im November sollen 500’000 Tonnen folgen, später weitere Mengen. Dabei hatte Trump erst am 18. September ein weitreichendes Russland-Sanktionsgesetz unterzeichnet.
Trump-Vorgänger Joe Biden hatte im März 2022 ein Importverbot für russisches Erdöl, Kohle und Erdgas verhängt – als Reaktion auf Moskaus Angriff auf die Ukraine.
Produzieren die USA nicht selbst Diesel?
Doch, die USA stellen selbst viel Diesel her. Sie produzieren täglich etwa 5,2 Millionen Barrel. Im Jahr 2025 mussten sie nur rund vier Prozent ihres verbrauchten Diesels aus dem Ausland zukaufen. Der grösste Teil dieser Importe kam aus Kanada.
Das Problem ist aber nicht fehlendes US-Rohöl oder zu geringe Eigenproduktion, sondern ein globaler Engpass bei raffiniertem Diesel: Beschädigte Raffinerien, gestörte Lieferwege und knappe Vorräte treiben den Preis hoch.
Was erhofft sich Trump?
Er will drei Dinge erreichen:
Schnell sinkende Dieselpreise, wie Trump auf Truth Social schreibt – besonders für Lkw-Fahrer, Farmer sowie Bau und Logistik. Das soll den Inflationsdruck mildern.
Politische Entlastung vor den Midterms: Hohe Dieselpreise treffen Wählergruppen, die oft republikanisch wählen, so der US-Nachrichtensender CNBC. Spürbar fallende Preise wären politisch wertvoll.
Einen Verhandlungshebel gegenüber Moskau: Die US-Regierung hoffe offenbar, dass die Sanktionsausnahme Russland zu mehr Kooperation bei Energie- und Friedensgesprächen bringe, so das US-Portal Axios. Putin hat allerdings keine Wiederaufnahme von Friedensgesprächen oder Waffenruhe zugesagt – und wird das erwartungsgemäss auch nicht.
Kann Trumps Kalkül aufgehen?
Fachleute erwarten keinen grossen oder dauerhaften Preiseffekt. Die 300’000 Tonnen Dieselkraftstoff, die unverzüglich aus Russland abfliessen sollen, decken alleine den Bedarf der USA lediglich für rund 14 Stunden, wie «Focus» schreibt. Die eigentlichen Treiber – kriegsbedingte Raffinerieausfälle, gestörte Handelswege und knappe Verarbeitungskapazitäten – bleiben bestehen.
Gibt es einen Effekt an der Zapfsäule – auch in der Schweiz?
Die Nachricht hat den Dieselpreis am weltweiten Aktienmarkt sofort gedrückt. Ob das jedoch auch an den US- und Schweizer Zapfsäulen ankommt, hängt davon ab, wie sich die Preise im Grosshandel entwickeln, wie stark der Dollar ist und ob Tankstellen die Entlastung weitergeben.
Was hältst du von Trumps Diesel-Deal mit Russland?
Wer sind Winner, wer Loser?
Russland dürfte kurzfristig profitieren. Es erhält wieder einen legalen Absatzkanal für Diesel, mögliche Einnahmen und einen politischen Erfolg: Washington macht bei seinen Sanktionen eine Ausnahme. Das ist besonders wertvoll, weil russische Dieselausfuhren zuletzt durch Raffinerieschäden und Exportbeschränkungen unter Druck standen.
Die Ukraine steht dagegen im Regen. Denn Russland könnte durch neue Dieselverkäufe mehr Einnahmen und politischen Spielraum gewinnen – und damit den Krieg gegen die Ukraine gestärkt fortsetzen.
Auch die USA könnten einen Preis für den Diesel-Deal zahlen. So sieht nicht nur das Magazin «The Week» einen offensichtlichen Doppelstandard: Washington erlaube amerikanischen Käufern russischen Diesel, während es andere Länder vom Handel mit russischer Energie abzuhalten versuche. Oder wie «Focus» schreibt: «Wenn Washington nun selbst eine Ausnahme für den Eigenbedarf schafft, verliert die US-Sanktionspolitik international an Glaubwürdigkeit.»
Wie fallen die Reaktionen aus?
Kritik an dem Deal gibt es von US-Demokraten und auch einzelnen Republikanern. Am schärfsten reagierte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski: Die Erlaubnis sei «eine Investition in den Krieg, den man beenden und nicht verlängern muss». Die Vereinbarung sei «nicht fair und nicht ehrlich», sagte er dem US-Nachrichtenportal Axios.
Eine öffentliche Reaktion aus der EU lag zunächst nicht vor. Eine erste Regierungserklärung kam aber aus Australien: Energieminister Chris Bowen sagte, Russland dürfe für seine illegale und unmoralische Invasion nicht belohnt werden. Australien brauche und wolle keinen russischen Treibstoff.
Grégoire Roos, Russland-/Europa-Spezialist bei Chatham House, sagt gegenüber «Le Monde»: «Das ist offensichtlich unmoralisch, wenn man bedenkt, welchen Sauerstoff ein solcher Deal dem Kreml verschafft – und es ist zudem kurzsichtig.»
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
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