Schiffe im Schwarzen Meer – «Mit den Angriffen auf Schiffe gerät das Handelssystem in Gefahr»

Nach dem mutmasslichen Angriff auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer vor Bulgarien stellt sich die Frage, welche Folgen das für die Schifffahrt dort hat – und für den Handel. Antworten hat Moritz Brake von der Uni Bonn.
Moritz Brake
Dr. Moritz Brake ist Experte für maritime Sicherheit und Gründer der Firma Nexmaris. Er forscht auch als Senior Fellow am CASSIS, einer Denkfabrik der Universität Bonn. Ausserdem ist Brake Reserveoffizier der Deutschen Marine.
SRF News: Wie gravierend sind die Angriffe auf Handelsschiffe vor Bulgarien?
Moritz Brake: Bei den Angriffen wurden Menschen getötet, Schiffe wurden beschädigt oder sind sogar gesunken. Es gibt an der westlichen Schwarzmeerküste also eine reale Gefahr, die von den Versicherungen schon seit September als erhöht eingestuft wird.
Irgendwann fahren Schiffe bestimmte Häfen nicht mehr an – mit gravierenden Konsequenzen.
Damit gerät das ganze Handelssystem dort in Gefahr. Wenn die Preise für die Versicherungen steigen und die Gefahren für Seeleute zunehmen, fahren Schiffe bestimmte Häfen irgendwann nicht mehr an – oder nur noch unter sehr hohen Kosten. Das wiederum hat gravierende Konsequenzen für die Wirtschaft.
Vor zwei Tagen wurden in bulgarischen Gewässern im Schwarzen Meer zwei Handelsschiffe mutmasslich von Drohnen angegriffen. Beide Schiffe wurden beschädigt, eines sank sogar innert Minuten. Die Besatzung dieses Schiffes wird vermisst. Eines der Schiffe transportierte Getreide.
Schon am Montag war auf einem Handelsschiff vor der rumänischen Küste Feuer ausgebrochen, zwei Seeleute starben. Rumänische Medien mutmassten, dass ein Drohnenangriff Ursache des Vorfalls war. Eine offizielle Bestätigung rumänischer Behörden gibt es dafür nicht. Das türkische Schiff transportierte Getreide.
Über die Urheber der Drohnenangriffe wird spekuliert, offizielle Informationen der EU, Rumäniens oder Bulgariens gibt es nicht. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski seinerseits machte Russland für den Angriff vom Montag verantwortlich. (sda)
Wie kann es sein, dass ein Handelsschiff nach einem Drohnenangriff aus der Luft binnen Minuten sinkt?
Das ist in der Tat sehr aussergewöhnlich für einen Angriff mit einer Drohne aus der Luft. Ein Angriff mit einer Wasserdrohne könnte das möglicherweise erreichen. Oder eine Seemine – in der Vergangenheit hat Rumänien bereits Minen geräumt. Aber es ist völlig unklar, ob es im vorliegenden Fall eine Mine war – oder möglicherweise eine von Russland ausgeführte Aktion, um die Risiken für die Handelsschifffahrt in die Höhe zu treiben und den Seehandel in der Region drastisch einzuschränken.
Und was kann man konkret tun, um die Schifffahrt im westlichen Schwarzen Meer sicherer zu machen?
Bulgarien und Rumänien sind bereits in erhöhter Alarmierung, sie merken, wie sehr die Gefahr einer Eskalation durch Russland gegenüber Nato-Mitgliedern zunimmt. Die Nato muss sie dabei noch stärker unterstützen als bisher.
Es geht nicht um eine Eskalation gegenüber Russland, sondern um Selbstschutz.
Dabei geht es nicht um eine Eskalation gegenüber Russland, sondern um Selbstschutz. Der Schutz von Handelsschiffen kann möglicherweise technische Massnahmen umfassen, die eine Marine ergreift, um Handelsschiffe zu bewachen. Hinzu kommt die Präsenz von Kriegsschiffen, die Luftüberwachung und allenfalls das Minenräumen.
«Die Handelsschifffahrt ist massiv gefährdet – nicht nur im Schwarzen Meer», sagt Schifffahrtsexperte Moritz Brake. «Mehr als 90 Prozent des weltweiten Handels und fast 80 Prozent des europäischen Aussenhandels laufen über die Seewege. Das heisst: Immer, wenn die Schifffahrt irgendwo ins Visier von Angreifern gerät, trifft das unsere europäischen oder nationalen Interessen – und unsere Sicherheit. Deshalb müssen massive Massnahmen ergriffen werden, um Handelsschiffe zu schützen und sicherzustellen, dass sie selbst unter Risiken und unter Beschuss weiterhin nach Europa kommen. Denn wir sind von einer funktionierenden weltweiten Handelsschifffahrt abhängig.»
Das klingt alles sehr aufwendig und teuer. Werden als Folge davon – auch der hohen Versicherungsprämien – die transportierten Waren teurer?
Genau. Es ist bereits zu spüren, dass Angriffe auf Handelsschiffe direkte Konsequenzen für unsere Wirtschaft haben – bis zu den Konsumenten: Die Benzin-, Erdöl- und Gaspreise steigen spürbar, vor allem wegen der Kriege in Nahost und deren indirekten Folgen.
Es braucht konsequente Gegenmassnahmen gegen Angriffe sowie Massnahmen zum Schutz der Handelsschiffe.
Und wenn die Einschränkungen jetzt auch im Schwarzen Meer zunehmen, wird das ebenfalls im Geldbeutel zu spüren sein. Wir werden das schliesslich auch in der Konjunktur in Europa spüren. Deswegen braucht es konsequente Gegenmassnahmen gegen Angriffe und Massnahmen zum Schutz der Handelsschiffe.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der letzten Jahre, was die Sicherheit der Handelsschifffahrt betrifft?
Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 gibt es ganz allgemein deutlich mehr Angriffe – im Cyberraum, aber auch gegen Infrastruktur in Europa oder eben gegen Schiffe. Im Schwarzen Meer sind wir längst viel dichter an kriegerischen Risiken als am Frieden. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass der nächste Schuss des nächsten grossen Krieges durchaus auf See fallen kann. Vielleicht schraubt man auf der gegnerischen Seite aber auch an vielen kleinen Stellen die Gefahren für unsere kritischen Versorgungslinien hoch und gräbt uns damit auf See sozusagen unsere Lebenslinien ab.
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