«Zieht dem Mist den Stecker»: Hollywood attackiert Facebook

- Der neue Hollywood-Film «The Social Reckoning» zeigt, wie Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen interne Daten über Radikalisierung enthüllte.
- Der Film attackiert Meta-Chef Mark Zuckerberg so direkt, wie es Hollywood laut «The Hollywood Reporter» noch nie getan hat.
- Im August einigte sich Meta auf einen aussergerichtlichen Vergleich von rund 18 Milliarden US-Dollar wegen der Gefährdung der psychischen Gesundheit Jugendlicher.
Am Schluss des neuen Films «The Social Reckoning» fassen die Macher zusammen, welche Auswirkungen die Berichterstattung über die «Facebook Files» hatte: Der Meta-Konzern beschloss, Faktenchecks ganz aufzugeben. Trotzdem war nicht alles für die Katz.
Der Film dauert eine Stunde und 53 Minuten, doch nur wenige Sekunden handeln von der Reaktion Mark Zuckerbergs auf die Berichterstattung über die Machenschaften seiner Social-Media-Plattform. Der Fokus liegt vielmehr darauf, wie wichtig Whistleblower wie Frances Haugen sind. Nur dank der einstigen Facebook-Datenanalystin konnte «The Wall Street Journal» belegen, dass die Social-Media-Plattform absichtlich ihre Userinnen und User radikalisierte. Auf dieser Grundlage können Regierungen weltweit Gesetze beschliessen.
Schweizer Politik will weniger Whistleblower
Im Film spielt Oscar-Preisträgerin Mikey Madison die Whistleblowerin Frances Haugen, die ihren Job bei Facebook einst als Idealistin angetreten hat. Sie glaubte daran, dass die Welt durch die Plattform demokratischer wird und Menschen eine Stimme erhalten, die zuvor ungehört blieben. Doch die Daten sprechen eine andere Sprache. Je mehr Zahlen Haugen analysiert, desto beunruhigter wird sie. In einem Restaurant schreit sie der Vater eines depressiven, gemobbten Mädchens an: «Zieht eurem Mist endlich den Stecker!»
Sie will ihren Vorgesetzten zeigen, wie der Facebook-Algorithmus Userinnen und User zu immer radikaleren Gruppen führt, doch ihre Chefs wollen nur, dass Haugen schweigt. Die Radikalisierung zu verhindern, sei schliesslich nicht im Interesse des Unternehmens. Das realisiert sie spätestens während der Szene im Büro von Mark Zuckerberg (gespielt von «Succession»-Star Jeremy Strong). Der Facebook-Chef verliert die Fassung, als ihm eine Lösung zur Reduktion von Hass auf der Plattform vorgeschlagen wird, die die Nutzerinteraktionen um ein Prozent sinken liesse. Nur über seine Leiche.
Daraufhin wird Haugen zur Whistleblowerin und teilt vertrauliche Informationen mit dem Investigativjournalisten Jeff Horowitz (gespielt von «The Bear»-Star Jeremy Allen White). Unternehmen und Regierungen weltweit sind solche Petzen ein Dorn im Auge, weil sie selbst steuern wollen, wie viel Transparenz sie der Öffentlichkeit zumuten wollen – auch in der Schweiz.
Was löst bei dir die Kritik an Facebooks Algorithmen am ehesten aus?
Der Ständerat hat am Donnerstag eine Motion angenommen, die den Quellenschutz von Journalistinnen und Journalisten einschränken will. Wenn jemand bei einer Behörde arbeitet und via Medien auf einen Missstand hinweisen möchte, können ihn Journalistinnen und Journalisten aktuell noch schützen. Doch in Zukunft sollen Medien gezwungen werden können, ihre Informanten preiszugeben, was Whistleblower abschrecken dürfte. Ihnen würden Verfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung drohen.
«Mark Zuckerberg wird diesen Film lieben»
Im August hat der Meta-Konzern einem aussergerichtlichen Vergleich in der Höhe von rund 18 Milliarden US-Dollar zugestimmt, wobei das Unternehmen allein im letzten Jahr 83 Milliarden US-Dollar Gewinn verbuchen konnte. Mehrere US-Bundesstaaten klagten, dass die Algorithmen von Facebook und Instagram die psychische Gesundheit von Jugendlichen gefährden.
Der aussergerichtliche Deal von Meta ist zwar kein Schuldeingeständnis, allerdings müssen die Plattformen wegen der Abmachung Minderjährige künftig besser schützen. Nun erscheint mit «The Social Reckoning» ein Film, der den Druck auf Meta aufrechterhält. Die Macher bewerben ihn bei Instagram mit der Überschrift «Mark Zuckerberg wird diesen Film lieben. Instagram überprüft die meisten Anzeigen nicht auf ihre Richtigkeit. Warum sollten wir das tun?»
«The Hollywood Reporter» ist überrascht, dass der Film Mark Zuckerberg derart direkt attackiert. Das habe es noch nie gegeben. «Jedes grosse Unternehmen, das heutzutage bereit ist, es mit einem Giganten aus dem Silicon Valley aufzunehmen, gilt in dieser oligarchischen Ära von überdimensionalen Marktkapitalisierungen und vertraulichen Treffen im Weissen Haus als echte Ausnahmeerscheinung», schreibt das Magazin.
«The Social Reckoning» läuft ab dem 8. Oktober in den Schweizer Kinos.
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Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
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