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Wednesday, September 23, 2026

T. verheimlicht Abnehmspritze: «Leute denken sonst, ich sei faul»

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  • Drei Frauen mit Adipositas berichten, wie sie die Abnehmspritze nehmen – und welche Stigmatisierung sie dabei erleben.
  • Eine Betroffene verschweigt die Behandlung bewusst, um Diskussionen zu vermeiden; andere gehen offen damit um.
  • Experten des Universitätsspitals Zürich betonen, dass Adipositas eine chronische neurobiologische Erkrankung ist und kein Zeichen von Willensschwäche.

Mit der Zulassung von Abnehmspritzen haben Menschen mit Adipositas erstmals Zugang zu einem Medikament, das gegen die chronische Krankheit helfen kann. Doch wegen falscher Vorstellungen von der Krankheit könne der Zugang zu Spritzen gar zu einer doppelten Stigmatisierung führen, sagen Fachpersonen wie Ernährungsberaterin Caroline Heuberger.

Auch in der 20-Minuten-Community gibt es Menschen, die schon seit Jahren von Adipositas betroffen sind und nun unter ärztlicher Aufsicht die Abnehmspritze nehmen. Drei Frauen erzählen, welche Erfahrungen sie mit Stigmatisierung gemacht haben.

«Foodnoise ist besser geworden»

Leserin T. (32) erzählt, dass sie seit Kurzem mit dem Medikament begonnen hat. «Ich habe immer mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. ‹Die Dicke, die kann ja nichts.› Auch bei der Arbeit sei sie schon unterschätzt worden. «Obwohl ich leistungsfähiger bin als andere Arbeitskollegen.»

Sie verschweige bewusst, dass sie mithilfe der Spritze abnehme. «Ich habe davor schon unzählige Diskussionen mit unterschiedlichen Menschen geführt. Und auch dort herrschen immer noch sehr viele falsche Vorstellungen. Zum Beispiel, dass Leute faul sind und einfach das Maximum erreichen wollen, aber dafür nur das Minimum tun.»

Seit sie die Spritze nehme, sei vor allem der «Foodnoise» besser geworden. «Meine Gedanken kreisen nicht ständig ums Essen und es gibt kein Stressfuttern mehr.»

Umfeld unterstützt sie

Priska (46) geht offen mit dem Thema um, sagt aber selbst, dass sie schon viel Gegenwehr erlebt habe. «Eine Arbeitskollegin meinte ganz direkt zu mir, dass sie es nicht ok findet, dass die Krankenkasse das Medikament zahlt.» Solche Aussagen liessen sie aber kalt, so Priska. «Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung.» Und ja, auch sie habe sich schon anhören müssen, dass Abnehmen eine Frage der Disziplin sei. «Ich weiss aber, dass es nicht so ist. Darum gehe ich gelassen damit um.»

Priska geht offen mit ihrem Weg um, abzunehmen.

Priska geht offen mit ihrem Weg um, abzunehmen.privat

Ihr Umfeld unterstütze sie. «Denn sie wissen, dass ich schon extrem viel versucht habe und Disziplin sicherlich nicht mein Problem ist.» Priska betont, dass ihr Gewicht nie ein Problem für sie gewesen sei. «Es gehört zu mir, aber es macht mich nicht aus.»

«Mein Gewicht war nie ein Problem für mich»

Leserin M. (34) erzählt, dass sie schon seit ihrer Kindheit dick war. «Seit ich in der Pubertät mit hormonellen Verhütungsmitteln begonnen habe, bin ich adipös.» Trotzdem habe sie nie unter ihrem Gewicht gelitten. «Bei mir gibt es sicherlich eine genetische Komponente, die hineinspielt: Viele Familienmitglieder haben ebenfalls Übergewicht.»

Sie habe also immer Menschen mit einem höheren Gewicht im Umfeld gehabt. «Das sind alles tolle Leute: Sie sind erfolgreich, führen ein stabiles Leben.» Sie habe nie ein schlechtes Bild von Menschen mit Übergewicht gehabt. «Ausserdem habe ich kaum Stigmatisierung erlebt. Ich stand immer zu meinem Gewicht. Was mich ausmacht, ist nicht mein Körper, sondern mein Charakter.»

Keine negativen Reaktionen

Sie sei auch immer aktiv gewesen und habe sich gut gefühlt. «Schlussendlich war es die Sorge vor den Spätfolgen, weswegen ich mit der Abnehmspritze begonnen habe.» Als Mutter eines kleinen Kindes habe sie sich in der Verantwortung gesehen.

M. hat fast 25 Kilo abgenommen. «Ich merke aber weder körperlich noch seelisch eine grosse Veränderung. Ich bin einfach dünner.» Dass sie die Spritze nehme, habe sie immer offen kommuniziert. «Mein Umfeld unterstützt mich in jeder Hinsicht. Da gab es keine negativen Reaktionen.»

«Mehr Druck führt nicht zu mehr Gewichtsverlust»

Herr Gerber, Herr Pasi, welche falschen Vorstellungen über Adipositas sind besonders verbreitet?

Philipp Gerber: Das zentrale Vorurteil lautet, Menschen mit Adipositas seien willensschwach. Daraus werden schnell weitere negative Eigenschaften abgeleitet: Sie seien weniger leistungsfähig, weniger intelligent oder liessen sich einfach gehen.

Patrick Pasi: Manche Betroffene übernehmen dieses Urteil und machen sich selbst Vorwürfe, weil sie glauben, sie müssten es ohne Medikamente schaffen. Auch manche Fachpersonen und Behörden vermitteln weiterhin die falsche Botschaft, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen reiche aus.

Philipp Gerber: Die offiziellen Vergütungskriterien vermitteln dieses Bild auch: Abnehmspritzen werden maximal drei Jahre bezahlt. Eine solche «Frist» gibt es bei keiner anderen chronischen Krankheit.

Welches Verständnis hat man heute von Adipositas?

Gerber: Adipositas ist eine chronische, neurobiologische Erkrankung. Hunger und Sättigung werden durch tief liegende Prozesse im Gehirn gesteuert, die sich der willentlichen Kontrolle weitgehend entziehen. Das sind ursprüngliche Mechanismen, die sich der Körper über Jahrtausende angeeignet hat.

Reicht es aus, ein Medikament zu verschreiben?

Pasi: Nein, die Vorstellung, man verschreibe eine Spritze und das Problem sei nach einigen Monaten gelöst, ist falsch. Adipositas braucht wie andere chronische neurobiologische Erkrankungen eine interdisziplinäre Behandlung – unter anderem durch Ärztinnen und Ärzte, Ernährungsberatung, Psychologie und Bewegungsspezialisten. Auch sehr wirksame Medikamente ersetzen diese Begleitung nicht, sondern ergänzen sie.

Was bewirkt die gesellschaftliche Stigmatisierung bei den Betroffenen?

Pasi: Im Extremfall kann sie die Adipositas sogar verstärken. Stigmatisierung verursacht Stress, und viele Betroffene reagieren auf Stress mit Essen. Häufig wird angenommen, zusätzlicher Druck motiviere zum Abnehmen. In der Regel bewirkt er jedoch das Gegenteil.

Anja Zingg

Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.

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