Nach Protesten in Frankreich – Weshalb gehen in Italien die Menschen auf die Strasse?

Dutzende Verhaftungen und weit über hundert verletzte Polizistinnen und Polizisten: Das ist die Bilanz des Wochenendes in Italien. Nicht nur in französischen Städten wurde am Wochenende protestiert. In Mailand, Turin und Bologna sind am Samstag Demonstrationen gegen die Teuerung eskaliert.
Franco Battel
Italien-Korrespondent
Franco Battel ist seit 2024 wieder Italien-Korrespondent bei Radio SRF. Zuvor war er Auslandredaktor. Bereits von 2015 bis 2021 berichtete Battel als Korrespondent für Italien und den Vatikan aus Rom. Zuvor war er als Auslandredaktor für Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich.
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Wogegen gehen die Leute in Italien auf die Strasse?
Es geht um ähnliche Themen wie in Frankreich. Seit Freitag protestieren junge Menschen gegen Missstände an Universitäten und Schulen. Die Demonstrationen werden von Gewalt überschattet. Am Samstag gingen zudem Tausende gegen die Teuerung auf die Strasse. Viele Menschen kommen mit ihren Löhnen kaum über die Runden. Als sich die beiden Protestbewegungen vermischten, kam es zu Ausschreitungen.
Viele der Festgenommenen sind minderjährig. Wer sind diese Jugendlichen?
Sie gehören zum Teil zum Umfeld von autonomen Jugendzentren, die die Regierung aber räumen liess. Man hört auch, dass sich Jugendliche mit Migrationshintergrund unter sie mischen. Noch ist diese Bewegung jung und man weiss wenig. Klar ist aber: Viele beziehen sich auf die Proteste in Frankreich.
Was sagt Ministerpräsidentin Giorgia Meloni?
Giorgia Meloni beschuldigt die Linke, sich nicht genügend von der Gewalt distanziert zu haben. Die Linke sei «ambiguo», also nicht eindeutig in der Verurteilung dieser Leute. Die Linke hat sich durchaus von der Gewalt distanziert, aber sie hat auch zu den Demonstrationen gegen die Teuerung aufgerufen. Pikantes Detail: Alle Städte, in denen am Wochenende zuerst friedlich und dann aber auch gewalttätig demonstriert wurde, sind links regiert: Mailand, Turin, Rom, Bologna. Im nächsten Jahr wird in diesen Städten gewählt.
Mailands Bürgermeister meint, die Polizei habe die Lage unterschätzt. Teilt man seine Sorge in Rom?
Ich glaube, dass niemand damit gerechnet hat, dass der Protest aus Frankreich überschwappt. Italiens Junge leiden zwar unter einem Bildungswesen, in das deutlich weniger Geld fliesst als etwa in der Schweiz oder anderswo. Viele Schulen oder Unis sind veraltet, oder sogar baufällig und doch war es bisher unter den Jungen relativ ruhig geblieben. Nun geht es um hausgemachte Probleme: um die Bildung, um die Teuerung, darum, dass Italiens Innenstädte wegen der vielen Gästewohnungen für Studierende unerschwinglich werden. Es kann sein, dass dieser Protest länger anhält. Wenn er aber in Gewalt umschlägt, dann wird der Staat eingreifen müssen, und die Politik wird sich links wie rechts distanzieren.
Wie gefährlich wird diese Wut für Meloni und ihre Regierung?
Für die Regierung Meloni ist vor allem eines gefährlich: die Teuerung. Grund sind die stark steigenden Preise für Benzin und Diesel. Italien ist ein Land der Autofahrerinnen und Autofahrer. Fast alle haben ein Auto und Güter werden vor allem auf der Strasse transportiert. Die Regierung versucht, mit Verbilligungsmassnahmen für Benzin und vor allem Diesel Linderung zu schaffen, doch das verpufft. Im nächsten Jahr wählt Italien. Und die Regierung Meloni würde die Leute, vor allem Familien, gerne entlasten. Doch das Land ächzt unter einem Schuldenberg.
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