Landesweite Proteste – Warum Frankreichs Strassen brennen – und was die Menschen fordern

«Wir haben die Nase voll»: Unter diesem Motto gingen heute in Frankreich Zehntausende auf die Strassen. Vielerorts kam es zu Ausschreitungen, Brandstiftungen und Zusammenstössen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Das französische Innenministerium hat die Polizei angewiesen, hart durchzugreifen. SRF-Korrespondentin Zoe Geissler in Paris ordnet die Lage und die Hintergründe ein.
Zoe Geissler
Frankreich-Korrespondentin
Zoe Geissler berichtet für Radio SRF aus Paris über das Geschehen in Frankreich. Zuvor war sie Auslandredaktorin und Produzentin bei Radio SRF 4 News. Zoe Geissler hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Gender Studies an den Universitäten Zürich und St. Gallen (HSG) studiert.
Wie aufgeheizt ist die Stimmung?
Auf der Place de la République war die Stimmung am Samstagnachmittag sehr aufgeheizt und die Lage angespannt: Es lag konstant Rauch in der Luft, Gegenstände brannten und immer wieder knallten Feuerwerkskörper. Dort kam es zu Zusammenstössen zwischen teils vermummten Demonstrierenden und den Einsatzkräften – es dürften auch Personen angereist sein, um gezielt zu randalieren. Die Polizei setzte Tränengas ein, weshalb viele Demonstrierende Schutzbrillen und Masken trugen. Nur wenige Meter weiter zeigte sich jedoch eine völlig andere Atmosphäre: Menschen hielten friedlich Schilder hoch und tanzten zu Musik. Zahlreiche Protestaktionen verliefen friedlich.
Wer ging auf die Strasse?
Die Mobilisierung für den grossen Protesttag formierte sich über die sozialen Medien und brachte eine bunte Mischung hervor: Neben Schülerinnen, Schülern und Studierenden beteiligten sich Eltern, Lehrpersonen sowie Angestellte aus dem öffentlichen Dienst. Zudem schlossen sich Gewerkschaften, linke Parteien wie La France Insoumise und die Kommunisten sowie einige frühere Gelbwesten den Märschen an.
Welche Forderungen stellen die Demonstrierenden?
Die Anliegen sind vielfältig. Zentral sind die hohen Lebenshaltungskosten: Benzin, Energie und Lebensmittel sind teurer geworden. Gefordert werden höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, etwa im Gesundheitswesen. Die Jugendlichen fordern mehr Mittel für marode Schulen und Gleichberechtigung in der Bildung. Hinzu kommen grundlegende Sorgen vor Kriegen, den Folgen des Klimawandels und einer unsicheren Zukunft. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Politik ihnen nicht zuhört. Auf zahlreichen Transparenten entlud sich dieser Unmut direkt gegen die Regierung und Präsident Emmanuel Macron.
Ist das harte Vorgehen das einzige Rezept der Regierung?
Die Regierung versucht auch zu beschwichtigen. Sie hat angekündigt, fehlendes Lehrpersonal zu ersetzen und Schulgebäude zu sanieren. Allerdings bleibt vieles vage; weitere Beschlüsse sollen erst Ende Oktober folgen. Der finanzielle Spielraum ist gering, da Frankreich hoch verschuldet ist und einen Sparkurs verfolgt. Der Regierung wird deshalb vorgeworfen, auf Zeit zu spielen und darauf zu hoffen, dass der Bewegung die Luft ausgeht.
Welche Rolle spielt die künftige Präsidentschaftswahl?
Viele Demonstrierende betonen, dass man gerade jetzt Druck aufbauen müsse, um den Kandidatinnen und Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen aufzuzeigen, welche Themen der Bevölkerung drängend unter den Nägeln brennen. Es zeichnet sich ab, dass Bildungsthemen im kommenden Wahlkampf ein deutlich grösseres Gewicht erhalten werden als früher, die Schülerproteste dauern nun schon länger an. Gleichzeitig versuchen die Parteien, die Mobilisierung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Je nach politischer Couleur stellen sie dabei andere Themen in den Vordergrund.
Massenproteste in Frankreich
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Bild 1 von 9. Die Kundgebungen in Frankreich richteten sich zunächst gegen die Finanzierung und die Bedingungen an den Schulen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 2 von 9. Inzwischen haben sich die Proteste zu einer breiteren Bewegung ausgeweitet, bei der es auch um soziale Ungleichheit, öffentliche Ausgaben und den allgemeinen Lebensstandard geht. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 3 von 9. Zwischen 30'000 und 60'000 Demonstrierende sind allein in Paris auf die Strasse gegangen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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Bild 4 von 9. Vielerorts kam es zu Ausschreitungen und gewalttätigen Zusammenstössen. Bildquelle: Reuters / Abdul Saboor.
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Bild 5 von 9. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Bildquelle: Reuters / Jack Taylor.
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Bild 6 von 9. Bis zum Nachmittag kam es landesweit zu über 270 Festnahmen. Bildquelle: Reuters / Abdul Saboor.
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Bild 7 von 9. Das Innenministerium berichtete von Plünderungsversuchen, Angriffen auf Ordnungskräfte und Brandstiftungen im öffentlichen Raum. Bildquelle: Keystone / THIBAULT CAMUS.
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Bild 8 von 9. Dem Protesttag schlossen sich verschiedene Gruppierungen an, darunter Schüler und Studierende, die seit Wochen für bessere Lernbedingungen demonstrieren. Bildquelle: Keystone / AP Photo, Laurent Cipriani.
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Bild 9 von 9. Ein Schreckgespenst für die Regierung ist das Wiederaufflammen der Gelbwestenbewegung von 2018/2019. Bereits werden bei den aktuellen Massenprotesten gelbe Westen getragen. Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.
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