Curling-Trainerin Südkoreas – Tirinzoni über ihr Abenteuer: «Konnte fast nicht ‹Nein› sagen»

Es war Mitte September, als eine überraschende Transfermeldung aus dem Curling die Schweizer Sportwelt erreichte: Silvana Tirinzoni, wohl die erfolgreichste Schweizer Curlerin, wird gut 5 Monate nach ihrem Rücktritt Nationaltrainerin von Südkorea. Die 47-Jährige, dekoriert mit 4 WM- und 2 EM-Titeln sowie Olympiasilber (2026), bleibt nicht dem Schweizer Curling erhalten, sondern wechselt zur direkten Konkurrenz.
«Ich konnte zum Angebot fast nicht ‹Nein› sagen», gibt Tirinzoni im Gespräch mit SRF zu. «Südkorea hat mich kurz nach dem Rücktritt kontaktiert. Ich musste zuerst überlegen, ob ich überhaupt noch so intensiv im Curling involviert sein will. Ich merkte aber schnell, dass mich die Aufgabe reizt. Südkorea hat viele gute Teams.»
Sie habe nur positive Reaktionen erhalten, verrät die Aargauerin. Viele hätten es begrüsst, dass sie dem Curling treu bleibe und ihr Wissen weitergebe.
Die verhärteten Fronten
Von Tirinzonis Erfahrungsschatz hätten ganz bestimmt auch Schweizer Curlerinnen und Curler enorm profitieren können. So wie Tirinzoni selbst von der früheren Weltklassespielerin Mirjam Ott einiges mitnehmen konnte. Warum kam es zu keiner Zusammenarbeit zwischen Tirinzoni und dem Schweizer Curling-Verband?
«Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Fronten zwischen der Spielerseite und dem Verband etwas verhärtet sind. Ich stand jahrelang auf der Seite der Spielerinnen. Es wäre mir sehr schwergefallen, die Seiten zu wechseln», sagt Tirinzoni und ergänzt: «Ich sah zu wenige Chancen, um etwas positiv zu verändern.»
Tirinzoni, die Beraterin
Etwas bewegen möchte Tirinzoni beim südkoreanischen Curling-Verband. Bei diesem ist sie als beratende Nationaltrainerin der Frauen-, Männer- und Mixed-Double-Teams angestellt. Dabei ist sie mit den jeweiligen Teamtrainern sowie Spielerinnen und Spielern im Austausch.
Eine Medaille oder gar ein WM-Titel mit Südkorea in naher Zukunft – da hätte ich extrem Freude, auch wenn es auf Kosten eines Schweizer Erfolgs wäre.
«Durch meine Erfahrung kann ich gut abschätzen, was die Spieler hören und was sie nicht hören wollen, wie man sie motivieren kann», erklärt Tirinzoni ihre Rolle als Beraterin. Sie müsse allerdings noch herausfinden, wie sie den Draht zu den Spielerinnen und Spielern herstellen könne.
Südkorea als komplettes Neuland
«Bei Südkorea funktionieren einige Dinge schon anders», hält Tirinzoni fest. Nebst der Sprachbarriere wären da vor allem die kulturellen Unterschiede. «Die Südkoreaner zeigen viel weniger negative Emotionen. Allgemein ist der Umgang miteinander sehr respektvoll. In den Teammeetings, wie ich sie kenne, ging es harscher zu und her.»
«Aber», merkt Tirinzoni an, «ich merkte sofort, dass auch bei ihnen Lachen sehr wichtig ist. Es ist sehr amüsant, es wird viel gewitzelt.»
Ob die ehemalige Weltklasse-Skip des CC Aarau mit Südkorea den Schweizer Teams künftig ein Bein stellen kann? Gemäss Tirinzoni ist das bei den Frauen derzeit realistischer. Besonders zu beachten gelte es das Team um Skip Eun-Ji Gim, die aktuelle Weltnummer 1. Die Ambitionen? Hoch. «Eine Medaille oder gar ein WM-Titel mit Südkorea in naher Zukunft – da hätte ich extrem Freude, auch wenn es auf Kosten eines Schweizer Erfolgs wäre.»
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