Luzern erleichtert Spurensicherung für Opfer häuslicher Gewalt

- Opfer häuslicher Gewalt im Kanton Luzern müssen sich neu nicht mehr sofort für eine Strafanzeige entscheiden, um Spuren sichern zu lassen.
- Ab 2027 werden spezialisierte Forensic Nurses an drei dezentralen Standorten im Kanton Luzern im Rahmen eines Pilotprojekts eingesetzt.
- 2024 registrierte die Luzerner Polizei 481 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt, 2025 stieg die Zahl auf 562.
Bis nach Luzern oder Zürich für eine Untersuchung reisen und sich unter Zeitdruck für oder gegen eine Anzeige entscheiden: Unter anderem mit diesen Hürden müssen sich Betroffene häuslicher Gewalt im Kanton Luzern heute herumschlagen. Das soll sich nun ändern, wie die «Luzerner Zeitung» zuerst schrieb.
Nämlich will der Kanton Luzern ab 2027 im Rahmen eines Pilotprojekts sogenannte Forensic Nurses einsetzen und den Zugang zur Spurensicherung in Fällen häuslicher Gewalt erleichtern. Bislang ist dieser nämlich in der Regel an eine Anzeige gekoppelt.
Sechs Vollzeitstellen geplant
Für dieses Vorhaben wolle der Kanton rund 600 Stellenprozente schaffen. Als spezialisierte Pflegefachkräfte arbeiten die Forensic Nurses direkt mit Betroffenen häuslicher Gewalt zusammen. Sie klären sie über ihre Rechte auf und stellen bei Bedarf den Kontakt zu Opferberatungsstellen her.
Die «Luzerner Zeitung» beruft sich in diesem Kontext auf das Umsetzungskonzept für das Pilotprojekt: «Die Spurensicherung erfolgt ausschliesslich auf Wunsch und mit Einverständnis des Opfers. Strafverfolgungsbehörden werden nur beigezogen, wenn dies ausdrücklich verlangt wird und eine vorgängige Aufklärung über die rechtlichen Konsequenzen stattgefunden hat.»
Dezentrales Angebot mit drei Standorten
Vorerst soll das Projekt in Luzern, Sursee und Wolhusen getestet werden. Per 2028 soll der Regelbetrieb aufgenommen werden. Dann tritt nämlich die Revision des eidgenössischen Opferhilfegesetzes in Kraft.
Hintergrund ist unter anderem ein Anstieg der Zahlen häuslicher Gewalt im Kanton Luzern. Wie der Kriminalstatistik der Luzerner Polizei zu entnehmen ist, wurden im Jahr 2024 481 Straftaten registriert. Im Jahr danach waren es 562. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein – zumal nicht alle Fälle in einer Strafanzeige enden.
Forensic Nurses sind auch in Zürich aktiv
Als Vorbild dient dem Kanton Luzern das Modell des Kantons Zürich, wo Forensic Nurses Betroffene häuslicher und sexueller Gewalt bereits dezentral unterstützen. Sie rücken kostenlos zu allen Notfallstationen der Spitäler im Kanton Zürich aus.
- Erreichbarkeit und Einsatz: 24/7 365 Tage im Jahr unter der Telefonnummer: 0800 09.09.09 (gilt nur für das Zürcher Angebot)
- Spurensicherung und Dokumentation: Die Forensic Nurses sichern gerichtsverwertbare Spuren und dokumentieren Verletzungen (z. B. DNA-Abstriche, toxikologische Proben).
- Beratung und Betreuung: Die Forensic Nurses informieren Betroffene über ihre Rechte und Möglichkeiten und vermitteln für die weitere Unterstützung und Begleitung an Opferberatungsstellen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet sind.
- Sensibilisierung und Weiterbildung: Die Forensic Nurses tragen aktiv dazu bei, das medizinische Personal in den Spitälern zu sensibilisieren und auf die frühzeitige Erkennung von sexueller und häuslicher Gewalt vorzubereiten. Diese Weiterbildung stärkt das Netzwerk im Kanton Zürich und verbessert die Versorgung der Opfer.
Die Forensic Nurses können mit Einverständnis des Opfers weitere Unterstützungsangebote, z. B. durch eine Opferberatungsstelle oder einen Platz in einer Schutzunterkunft, organisieren. Die enge Zusammenarbeit mit der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich stellt sicher, dass Betroffene schnell Schutzmassnahmen erhalten.
«Kinder und Jugendliche mussten immer nach Zürich»
Auf Anfrage von 20 Minuten erklärt das Frauenhaus Luzern die Bedeutung dieser Neuerung: «Bisher war es so, dass nur am Kantonsspital Standort Stadt Luzern bei Erwachsenen Spuren gesichert werden konnten. Kinder und Jugendliche mussten dazu immer nach Zürich gehen.» Je nach Herkunftsgemeinde habe dies eine zusätzliche Belastung in dieser Situation dargestellt.
Auch im Fall einer vorliegenden Anzeige seien die Spuren nicht bis zum Ablauf der Verjährungsfrist aufbewahrt worden. «So mussten gewaltbetroffene Menschen nach häuslicher oder sexueller Gewalt innert kürzester Zeit nach einem traumatischen Vorfall in einer akuten Krisensituation entscheiden, ob sie Anzeige machen möchten», heisst es.
Diese Entkoppelung von Spurensicherung und Anzeigeerstattung sei äusserst wichtig, um die Spurensicherung niederschwelliger zugänglich zu machen.
«Die Betroffenen erhalten so Zeit, um nach einer akuten Krisensituation in einer hoffentlich wieder etwas stabileren Lebensphase einen gut durchdachten Entscheid zu treffen.»
«Angebot für die gesamte Zentralschweiz wichtig»
Ausserdem stellten die drei dezentralen Standorte eine klare Verbesserung im Vergleich zur aktuellen Situation dar. Ob diese drei Standorte ausreichen oder ob es mittelfristig sinnvoll wäre, aufsuchende Forensic Nurses anzustellen, werde die Erfahrung zeigen.
In diesem Zusammenhang schreibt das Frauenhaus Luzern: «Deshalb ist es aus unserer Sicht sinnvoll, dass der Bedarf und die Bedürfnisse zuerst in einem Pilotprojekt getestet werden. Zusätzlich wäre ein Angebot für die gesamte Zentralschweiz wichtig.»
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Lisa Arnold (lia) arbeitet seit März 2026 bei 20 Minuten als Praktikantin im Ressort Zürich.
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