Fussballwetten in Afrika – Warum man in Kampala die Young Boys kennt

Wer in Uganda oder Ghana über Fussball spricht, landet bisweilen beim FC Basel – oder bei Servette. Auch die Formkurve des FCZ, der Überraschungstitel des FC Thun: In Kampala oder Accra wissen manche darüber erstaunlich gut Bescheid. Der Grund ist kein besonderes Interesse am Schweizer Fussball. Der Grund ist ein Trend, der sich in den letzten Jahren in fast allen Ecken Afrikas ausgebreitet hat: Sportwetten.
Wetten tun vor allem junge Männer, meist auf Fussballspiele in Europa. Vorab englische Premier League und Champions League – aber auch mal Schweizer Super League.
Wetten und hoffen
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Bild 1 von 4. Wettlokale sind in Kampalas Strassenbild ominpräsent. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 2 von 4. Gewettet wird heute meist über das Smartphone. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 3 von 4. Im Wettlokal in Kampala herrscht Gedränge. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 4 von 4. Fussballtraining in Kampala, und die Wettwerbung ist nie weit: im Hintergrund ein blaues Betika-Plakat. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Der 27-jährige Marvin ist einer von ihnen. Aus Kampala verfolgt er die europäischen Ligen so genau, dass er auch zu den Young Boys eine Einschätzung parat hat: hinten anfällig, aber offensiv stark – zwei Tore machen sie immer. Studiert hat er Verwaltungswissenschaften, mit Bestnote. Eine feste Stelle fand er trotzdem nie.
An diesem Abend sitzt Marvin in einem Wettlokal in Kampala und setzt darauf, dass Arsenal und Manchester City beide treffen. Zur Halbzeit, beim Stand von 2:0, setzt er noch einmal nach.
«Schlimmer als Drogen»
Knapp 4000 Kilometer weiter westlich, am Rand von Accra, sitzen zehn junge Männer unter einem Mangobaum und warten auf Kundschaft. Sie sind Moto-Taxifahrer. Kunden gebe es gerade wenig, sagt einer: «Regenzeit. Da bleiben die Leute zu Hause.»
Gewettet wird auch hier – oft auf dieselben Spiele, auf die auch Marvin setzt. Doch zugeben will das zuerst keiner. Erst nach und nach wird klar, dass fast alle hier eine Wett-App auf ihrem Smartphone haben.
Der Grund, wieso viele ungern übers Spielen reden: Das Risiko der Spielsucht und deren Folgen sind bekannt. Fast alle hier kennen jemanden, bei dem es aus dem Ruder gelaufen ist: Freunde mit grossen Schulden, Familien, die daran zerbrochen sind.
Einer spricht offener darüber als die anderen: Reynold, 26, Basketballmütze, Trikot des FC Barcelona. Weil es keine Arbeit gebe, sagt er, habe man das Gefühl, über so eine App doch noch an Geld zu kommen. Und wenn man verliere, wolle man es zurückholen. Das mache süchtig, sagt er. «Wetten ist schädlicher als Drogen.»
Das Problem sei selten eine einzelne Wette, die Einsätze seien klein. Das Problem sei, dass es meist nicht bei der einen Wette bleibe. Er kenne viele, die sich irgendwann Geld geliehen hätten.
Omnipräsente Werbung
In der Werbung, die in manchen afrikanischen Städten auf jedem zweiten Plakat zu prangen scheint, werden solche Risiken höchstens in einer Fussnote erwähnt. Die Botschaft ist meist eine ganz andere: Das grosse Glück sei nur eine Wette entfernt. «Changez réellement votre vie!», heisst es in einer Werbung aus der Côte d’Ivoire – ändere dein Leben, wirklich! Der malawische Sozialwissenschaftler Junious Mabo Sichali sagt, die Firmen würden jungen Leuten ohne Perspektive Hoffnung verkaufen.
Ein Markt, den kaum jemand überblickt
Box aufklappen Box zuklappen
Wie gross das Wettgeschäft in Afrika ist, weiss niemand genau. Die meisten Firmen und die Aufsichtsbehörden veröffentlichen keine umfassenden Zahlen. Eine Ausnahme ist Südafrika. Dort wurden im letzten Geschäftsjahr umgerechnet rund 65 Milliarden Dollar auf Sport- und Pferderennen gesetzt – ein Drittel mehr als im Vorjahr.
Der Sozialwissenschaftler Junious Mabo Sichali, der in Malawi forscht und in Grossbritannien promoviert, hat die erste grosse Vergleichsstudie über die Regulierung der Wettindustrie in Afrika verfasst: Er untersuchte die Glücksspielgesetze von 49 afrikanischen Ländern.
Sein Befund: Reguliert ist vor allem, was es früher schon gab. In 37 der 41 Länder mit legalem Glücksspiel liegt das Mindestalter bei 18 Jahren. Vorschriften zur Werbung gibt es dagegen nur in 18 Ländern, solche zum Online-Glücksspiel nur in 15 – also genau dort, wo der Boom stattfindet.
In Kampala fällt an diesem Abend kein Tor für Manchester City. Arsenal gewinnt 3:0, Marvin verliert beide Wetten. «Nur ein Tor mehr», sagt er. Dann zerreisst er die Scheine, die Fetzen fallen zu Boden.
Aufhören will er trotzdem nicht. Nur aufpassen, sagt er, dass das Wetten sein Leben nicht mehr so bestimmt wie früher, als er damit Geldprobleme lösen wollte. Denn bald wird Marvin zum ersten Mal Vater. Und was, wenn sein Kind später einmal wettet? Ganz wohl wäre ihm nicht dabei, sagt er. Aber die Kultur verändere sich. Für Kinder, die damit aufwachsen, sei Wetten vielleicht einfach eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.
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