PunchWhy Nigerians’ data finishes fast — MTNThe Jerusalem PostProtesters vandalize polling station in Beit Shemesh, call on citizens not to voteInquirer EntertainmentShiela Valderrama is Queen Femina in ‘Zsazsa Zaturnnah’ revivalESPN'He likes the moment': Jackson Chourio was made for OctoberInquirerMissing boy found dead in Batangas riverBollywood HungamaEXCLUSIVE: Rajiv Rai CLARIFIES Mohra’s Diwali re-release plans: “I’m NOT coming against Ramayana”; reveals why Akshay Kumar-Suniel Shetty starrer won't release in multiplexes한겨레‘아이폰 듀오’ 화면 파손 논란에…애플 “문제 제품 교체”Daily MaverickWHAT’S COOKING: A steak salad with baby potatoes, broccoli, green beans, tomatoes and two dressingsZDF heuteEntdecken Sie das ZDF-NachrichtenstudioThe South AfricanRassie’s one-time rival comments on his ‘wind up’ anticsSBS 뉴스민주 "조희대 대법원장 의혹 국정조사 실시…다음달 5일 본회의 처리 목표"The Straits TimesSingapore’s renewed solar push: Hanging panels, clay-like tiles for heritage buildings among plans
The Daily Newsstand · Free, Always
Tuesday, October 27, 2026

Mit dem ausgeborgten Hund im Görli: Das vierte Kind hat Fell

Translate

Auf dem Hundeplatz im Görlitzer Park kommen Ber­li­ne­r:in­nen schnell miteinander ins Gespräch. Also Hund ausgeborgt und rein ins Hundefachgespräch.

Beginnen wir mit einem Geständnis: Ich mag keine Hunde. Trotzdem greife ich nach der Leine und übernehme für ein paar Stunden Uma, die junge Pudeldame einer lieben Freundin, die einmal länger ins Freibad möchte. Sofort fühle ich mich wie Herr Lehmann, der zu Beginn des gleichnamigen Romans nachts auf einer Kreuzberger Straße einem Hund gegenübersteht: Jetzt bloß nichts falsch machen, denkt er – und denke ich.

Ich esse kein Fleisch fürs Tierwohl, aber müsste ich dann nicht auch Hunde mögen oder mache ich mir mit meiner (bis heute) heimlichen Abneigung etwas vor? Ich bin alt genug, das herauszufinden.

„Übergabe: Hundewiese, 11 Uhr, Görli“, stand in der knappen Nachricht meiner Freundin. Ich bin so aufgeregt, als träfe ich mich zum Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke. Passenderweise springt Uma bellend an mir hoch. Hat sie etwas Gefährliches gewittert? Ich denke an zähnefletschende Tiere aus der brutalen Netflix-Serie „Dogs of Berlin“, mein Herzschlag beschleunigt sich. Uma lässt bereits wieder von mir ab und zieht mich zum Hundeplatz.

Die ehemalige Wiese am Rand des Görlitzer Parks ist ein offizieller Hundeauslaufbereich, einer der wenigen Orte, an denen die berlinweite Leinenpflicht nicht gilt. Hier rennen, buddeln und beschnuppern gerade etwa 15 Hunde einander. Ihre Menschen stehen daneben.

„Jeder hat ’nen Hund, aber keinen zum Reden“

Es heißt, das vierte Kind hat Fell. Mich hat diese Vorstellung nie gereizt. Hunde waren meist nur Anlass, meinen Töchtern das traditionelle Kreuzberger „Nicht anfassen!“ zuzurufen. Verstärkt hat diese Abneigung noch, dass ich letzten Winter von einem alten Pudel aus unserer Straße gebissen wurde. Auch Goethe soll Hunde nicht besonders geschätzt haben – schon gar keine Pudel und deren „teuflischen Kern“, wie wir wissen. Angeblich gab er 1817 sogar sein Direktorenamt am Weimarer Theater auf, nachdem bei einer Aufführung ein Pudel auf der Bühne aufgetaucht war.

Uma ist zum Glück nicht nur Pudel, sondern Cockerpoo: halb Cockerspaniel, halb Pudel. Schon der Name klingt so drollig, dass ich den alten Dichter schnell vergesse und mich wieder meiner Aufgabe zuwende. Vorsichtig sehe ich mich um, liegt hier vielleicht extra viel Dreck? Ich denke an Peter Fox: „Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben. Jeder hat ’nen Hund, aber keinen zum Reden.“

Geredet wird hier auf dem Hundeplatz aber eigentlich viel, schnell kommt man miteinander ins Gespräch. Neben mir steht eine kleine Frau mit Piercings, Schleifen im Haar und einem Mops dessen Leine zur Schleife seiner Besitzerin passt. „Alle räumen auf, nur Gras gibt es hier schon lange nicht mehr“, sagt sie. „Hundewüste wäre der passendere Name.“ Wir beginnen ein Hundefachgespräch.

Die Zahl der Berliner Hunde ist während der Pandemie deutlich gestiegen. Inzwischen leben mehr als 130.000 registrierte Tiere in der Stadt, wahrscheinlich noch viel mehr

Die Zahl der Berliner Hunde ist während der Pandemie deutlich gestiegen. Inzwischen leben mehr als 130.000 registrierte Tiere in der Stadt, wahrscheinlich noch viel mehr. In Kreuzberg nennt man das, erzählt die Mopsfrau, „Hundegentrifizierung“. In Mitte eröffnen Cafés für Vierbeiner, überall bieten Hundeschulen, Auslaufservices und Coaches ihre Dienste an. Es gibt Hundeeis, Puppy-Yoga und einen Hundefeiertag. „Schön, oder?“, fragt die Mopsfrau und küsst ihren Hund auf die nasse Schnauze. Ich sehe betreten zu Boden.

Ein gut aussehender Hundemann mischt sich ein

Ich bin hundelos am verwunschenen Nikolassee aufgewachsen, zwischen Mandarinenten, Eichhörnchen und den beliebten Berliner Wildschweinen. In manchen Sommernächten waren auf den stillen Straßen mehr Tiere als Menschen unterwegs. Als ich von dort nach Kreuzberg zog, wurden die Wildtiere von Haustieren abgelöst.

Ein gut aussehender Hundemann mischt sich ein. Es gebe einfach zu viele Hunde, sagt er. Jeder zweite hier sei sicher auch illegal, also nicht registriert. Berlin sei die deutsche Hundehauptstadt ohne darauf vorbereitet zu sein. Kreuzberg liege vermutlich auch bei nicht steuerlich erfassten Tieren weit vorn. „Wenn es um Illegales geht, macht dem Bezirk schließlich niemand etwas vor!“, sagt er fröhlich.

Die Mopsfrau erzählt nun von Hundephysiotherapie in Charlottenburg und am Grunewaldsee – dem „Hunde tinder“, wie der Hundemann lächelnd ergänzt. Ich hoffe, dass damit nichts Sexuelles Zwischen den Arten gemeint ist und schäme mich sofort für den Gedanken.

Im Grunewald sind mir Hunde nie aufgefallen, nur auf unserer Kreuzberger Straße sind sie mir manchmal zu viel. Wie kommt das? Die Mopsfrau steht mitten im Staub und sagt, es ist einfach nicht schön hier, weder für Mensch noch für Hund.

Wer hier miteinander ins Gespräch kommt

Uma buddelt weiter im Sand. Um etwas zu tun zu haben, wiederhole ich ständig Umas Namen, als müsste ich unsere junge Beziehung damit bezeugen. Ein Teil von mir wünscht sich nämlich, von ihr wahrgenommen zu werden. Immer wieder rufe ich „Uma. Uma.“

Bemerkenswert ist, wer hier miteinander ins Gespräch kommt: Menschen, die sich an anderen Orten vermutlich übersehen würden – Bürgergeld-Empfängerinnen, Zugezogene aus Stuttgart, Barbesitzer aus dem Kiez. Was sie verbindet, ist die Liebe zu ihren Hunden und vielleicht auch ihr Aussehen was man beim „Dog lookalike contest“ oder die „canine-convention, where humans identify as dogs“ erleben kann. Soweit – so Berlin …

Schnell frage ich nach dem bekannten Komiker vom Rüdesheimer Platz, nach dem wunderbaren Loriot und seinem Satz: „ein Leben ohne Mops sei möglich, aber sinnlos“, den kennt die Mopsfrau natürlich. Und überhaupt, sagt sie: Wenn ein Hund seltsam sei, liege es fast immer an den Menschen, nicht am Tier, sehr viele informieren sich vor der Anschaffung zu wenig über die Rassen und ihre Bedürfnisse.

Die Gespräche werden auch nicht heiterer

Ein Mann im Idefix-Shirt ist mit seinem Hund, einem „Windspiel“ namens Disco, auch hier. König Friedrich II, der Berliner Fritz, wurde zwischen seinen geliebten Windspielen beerdigt. Ob das für oder gegen Hundehaltung spricht, sollen andere an dieser Stelle entscheiden.

Seit er Disco habe, erzählt dessen Herrchen, sei Ausgehen kompliziert. Mehr als sechs Stunden könne er kaum wegbleiben, Festivals seien praktisch unmöglich. „Disco statt Disko“, sage ich. Er schaut müde. Meine Witze waren schon besser.

Langsam wird mir langweilig. Nicht so sehr wie früher auf den Spielplätzen, aber ähnlich. Die Gespräche werden auch nicht heiterer: giftiger Drogenkot, hohe Bußgelder für Hunde ohne BVG-Ticket und komplizierte Urlaubsreisen.

Immerhin nehme eine italienische Fluggesellschaft inzwischen auch große Hunde mit, erzählt der hübsche Hundemann. „Da kann ich Wein für zwei trinken“, ergänzt er. Was ist denn noch gut an Hunden, frage ich ihn? „Sie begrüßen dich freudiger als dein langjähriger Partner“, sagt er. „Oder als jedes seltsame Date“, ergänzt die Mopsfrau.

„Wenn es einem schlecht geht, kommt der Hund und bleibt da. Er wartet so lange, wie man ihn braucht“, erzählt Discos Herrchen. Alles Dinge, denke ich, die ich von meinen Teenagern eher selten bekomme.

Ein Beziehungswesen wie wir

Und tatsächlich liegt in der Verspieltheit dieser Tiere etwas Unmittelbares. Etwas, das man in keinem Achtsamkeitsseminar lernen kann. Das ständige kritische Denken einer Berlinerin, übersieht doch direkt vor ihrer Nase etwas aus der Natur, ein anderes Säugetier, das ebenso ein Beziehungswesen ist wie wir.

Die Hunde sind es hier, die die Großstadtmenschen einander näher bringen

Auf einmal sehe ich diesen staubigen Winkel mit anderen Augen. Hier kommen ganz unterschiedliche Menschen mit ihrer Geschichten zusammen. Sie reden miteinander, bringen Wasser für alle Tiere mit und tauschen Neuigkeiten aus dem Kiez aus. Auf den Spielplätzen der Kleinkinderjahre haben wir eher nebeneinander gesessen als Kontakte geknüpft. Die Hunde sind es hier, die die Großstadtmenschen einander näher bringen oder wie Discos Herrchen sagt, mit einem Hund tut man jeden Tag etwas für ein anderes Lebewesen, das man nicht selbst ist, das macht mitfühlend.

Auch meine Kritik an Haustieren – ihrem Fleischkonsum, ihrem ökologischen Pfotenabdruck – erscheint mir plötzlich weniger eindeutig. Schließlich gibt es ein Säugetier, das bei der Zerstörung des Planeten zuverlässig alle anderen übertrifft: den Menschen.

Eine grüne, nicht zu heiße Stadt mit Wasserzugang, wenig Autos, Müll und Asphalt wäre gut für alles, was lebt. Vielleicht merken die Hunde es nur früher als wir.

Etwas verschiebt sich. Mein menschenzentrierter Blick macht Platz für andere Lebewesen, sogar für eine fellige Perspektive. Ob ich Hunde generell mag, erscheint mir jetzt wie eine ziemlich dumme Frage. Wer mag schon alle Menschen? Goethes hysterische Reaktion und die Panik von Herrn Lehmann interpretiere ich jetzt um: An den Tieren erkennen wir, was bei uns nicht stimmt.

Sicher ist nur: Uma mag ich. Und den Mops. Und den Windhund dort hinten. Und Disco sowieso.

Gemeinsam für freie Presse

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.