Neue Stelle bei Blue Origin: «Klar habe ich Jeff Bezos getroffen»

- Der Astrophysiker Thomas H. Zurbuchen erhält den Prix Suisse 2026 in der Kategorie Wissenschaft.
- Der Berner Oberländer wechselt nach der ETH zu Blue Origin, dem Raumfahrtkonkurrenten von SpaceX.
- Zurbuchen hält eine bemannte Marslandung in den 2030er-Jahren für möglich, aber nicht für garantiert.
- Er wettet weiterhin sein Auto, aber nicht sein Haus, dass es ausserirdisches Leben gibt.
Unter silbernem Konfetti-Regen nahm Thomas H. Zurbuchen am Samstagabend im Berner Kursaal den Prix Suisse entgegen. Laudator Bundesrat Martin Pfister dankte ihm für sein Engagement für die Schweiz. Zurbuchen selbst zeigte sich berührt, forderte die Menschen hierzulande aber auch dazu auf Mut zu beweisen: «Probiert etwas. Die Welt, in der wir leben, braucht Menschen, die Lösungen haben. Auch solche, die wir noch nicht gefunden haben.»
Im Interview mit 20 Minuten spricht Zurbuchen über seine Rückkehr in die USA, das Wettrüsten im All und ausserirdisches Leben.
Herr Zurbuchen, Sie haben den Prix Suisse erhalten. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Es ist mir eine grosse Ehre und besondere Freude. Ich bin im Berner Oberland aufgewachsen und durfte dank des Schweizer Bildungssystems einen Weg einschlagen, den ich mir als Kind nie hätte vorstellen können. Der Preis erinnert mich daran, wie viel ich anderen Menschen und diesem Land verdanke. Er gehört auch den aussergewöhnlichen Teams, mit denen ich über die Jahre zusammenarbeiten durfte.
Prix Suisse auf einen Blick
Gratulation auch zum neuen Job! Wie kam es dazu? Hat Sie Jeff Bezos persönlich eingestellt?
Blue Origin hat mich angesprochen. Nach meiner Zeit bei der Nasa hatte ich nicht geplant, so schnell wieder eine grosse Führungsaufgabe in der amerikanischen Raumfahrt zu übernehmen. Die Gespräche haben mich jedoch zunehmend begeistert, auch weil ich im Advisory Board in den letzten Jahren sehr positive Veränderungen beobachtet habe.
Blue Origin steht an einem entscheidenden Punkt seiner Entwicklung, und ich kann die Zukunft der Raumfahrt aktiv mitgestalten. Natürlich habe ich auch Jeff Bezos persönlich getroffen. Mich beeindrucken sein langfristiges Denken und seine Bereitschaft, grosse Ideen konsequent umzusetzen.
Bei Blue Origin sind Sie nun direkter Konkurrent von Elon Musks SpaceX, das eng mit der amerikanischen Regierung verknüpft ist. Wie sehen Sie die Konkurrenzsituation und wo wollen Sie bei Blue Origin Akzente setzen?
SpaceX hat in den vergangenen Jahren Aussergewöhnliches geleistet und die gesamte Raumfahrtindustrie verändert. Das verdient Anerkennung. Eine gesunde Raumfahrtindustrie braucht aber mehrere starke Unternehmen. Wettbewerb führt zu besseren Technologien, tieferen Kosten und schnellerer Innovation.
Bei Blue Origin begeistert mich besonders die langfristige Vision. Meine Aufgabe ist es, neue Konzepte zu entwickeln und grosse Ideen in konkrete, realisierbare Programme zu überführen. Ich möchte dazu beitragen, dass wir schneller lernen, mutiger experimentieren und ambitionierte Ideen konsequent umsetzen.
Zu Thomas H. Zurbuchen
War es Ihnen in den Hallen der ETH zu langweilig, dass Sie nun wieder eine solche Herausforderung annehmen?
Ganz im Gegenteil. Die vergangenen drei Jahre waren unglaublich spannend und wichtig für mich. Wir haben alle Ziele erreicht, die wir uns gesetzt hatten, und ein starkes Team aufgebaut, das diese Arbeit weiterführen wird. Darauf bin ich sehr stolz.
In den USA werden grosse Ideen jedoch oft schneller in konkrete Projekte umgesetzt. Ich arbeite zum Beispiel an zwei Satelliten, die innerhalb eines Jahres von der Designphase ins All gehen sollen. In der Schweiz diskutieren wir manchmal zu lange darüber, weshalb etwas nicht geht, statt herauszufinden, wie es gehen könnte. Das ist keine Frage der Grösse, sondern der Einstellung. Die Schweiz hat alle Voraussetzungen, in der Raumfahrt eine viel grössere Rolle zu spielen.
Welche dann?
In Bereichen wie Präzisionsinstrumenten, Sensorik und Technologien für Satelliten gehört die Schweiz bereits zur Weltspitze. Wir sollten uns aber nicht damit zufriedengeben, Zulieferer für Projekte anderer Länder zu sein. Ich wünsche mir eine Schweiz, die auch eigene Raumfahrtmissionen initiiert und führt. Gerade haben wir eine solche Mission angekündigt. Dafür braucht es nationale Investitionen, schnellere Entscheidungen und den Mut, Risiken einzugehen. Die Schweiz ist ein Land der Innovation. In der Raumfahrt sollten wir diesen Anspruch so ernst nehmen wie in anderen Industrien.
Was bringt Weltraumforschung jemandem in der Schweiz ganz konkret?
Sehr viel, oft ohne dass es vielen Menschen bewusst ist. Wettervorhersagen, die Navigation auf dem Smartphone, die Überwachung von Naturgefahren und viele Kommunikationsdienste hängen direkt von der Raumfahrt ab. Satelliten helfen uns etwa, Gletscherbewegungen, Erdrutsche und Veränderungen unserer Umwelt zu erkennen. Zudem treibt Raumfahrt Innovation an, schafft neue Unternehmen und begeistert junge Menschen für Wissenschaft und Technik.
Mit China gibt es ein regelrechtes Wettrüsten im All. In den 1960er-Jahren gewannen die Amerikaner mit der ersten Mondlandung. Wer gewinnt diesmal?
Was heute passiert, ist weniger ein Wettrennen als eine Expansion der wirtschaftlichen Grenzen zum Mond. Es gibt einen intensiven Wettbewerb zwischen den USA und China, insbesondere in technologischen Bereichen, und ich erwarte, dass er noch zunimmt. Entscheidend ist aber nicht, wer wieder als Erster eine Flagge auf dem Mond aufstellt. Es geht darum, wer langfristig die Fähigkeiten entwickelt, im Weltraum zu arbeiten, zu forschen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Wettbewerb kann Innovation enorm beschleunigen. Die grossen Herausforderungen der Menschheit erfordern aber auch internationale Zusammenarbeit.
Durch das Wettrüsten fliegt auch immer mehr Schrott durch die Umlaufbahn. Wann wird das zu einem grossen Problem?
Wir haben inzwischen Zehntausende verfolgte Objekte im Orbit und kleinere Trümmerteile, die wir nicht zuverlässig verfolgen können. Viele stammen von chinesischen und russischen Abschüssen eigener Satelliten, andere von alten Satelliten, die nicht mehr gebraucht werden. Selbst ein kleines Stück Metall kann bei den enormen Geschwindigkeiten einen Satelliten zerstören.
Es braucht internationale Regeln, die sichere Entsorgung von Satelliten nach ihrer Nutzung und Technologien, um bestehende Trümmer zu entfernen. Das ist nicht nur eine technische, sondern auch eine Frage der Dringlichkeit. Die Meinungen gehen auseinander, wann es so wichtig wird, dass alle Länder mit Lösungen an den Tisch kommen.
Wann steht der erste Mensch auf dem Mars?
Ich halte eine bemannte Marslandung in den 2030er-Jahren für möglich, aber keineswegs für garantiert. Technisch ist das eine der schwierigsten Herausforderungen, die wir je angegangen sind. Wir müssen Menschen über viele Monate sicher durch den Weltraum transportieren, auf dem Mars landen und sie vor allem wieder zurückbringen. Bei der Nasa und in meinem ganzen Leben habe ich gelernt: Ambitionierte Ziele sind wichtig, aber Physik und technische Herausforderungen lassen sich nicht mit Optimismus allein überwinden. Ich glaube, wir werden es erleben. Die Frage ist, wie schnell wir die notwendigen Fähigkeiten entwickeln.
Menschen auf dem Mond sind für mich hingegen keine Frage des Ob, sondern des Wann.
Vor drei Jahren sagten Sie bei 20 Minuten, Sie würden Ihr Auto darauf verwetten, dass es ausserirdisches Leben gibt. Ihr Haus aber nicht. Hat sich daran etwas geändert?
Nein. Was sich aber verändert hat, ist unser Wissen. Wir entdecken immer mehr Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems und verstehen zunehmend besser, unter welchen Bedingungen Leben entstehen könnte. Auch auf dem Mars und auf den Eismonden von Jupiter und Saturn gibt es faszinierende wissenschaftliche Fragen.
Ich bin weiterhin überzeugt, dass es irgendwo im Universum Leben gibt. Als Wissenschaftler muss ich aber zwischen einer starken Überzeugung und einem wissenschaftlichen Beweis unterscheiden. Den Beweis haben wir noch nicht. Genau deshalb ist die Suche so spannend.
Sie haben sich Ihr ganzes Leben mit dem Weltall beschäftigt. Wie stellen Sie sich ausserirdisches Leben vor?
Ich vermute, dass das erste ausserirdische Leben, das wir entdecken, sehr einfach sein wird: vielleicht Mikroorganismen, die unter einer Eisdecke in einem Ozean leben oder einst auf dem Mars existiert haben. Das Universum ist aber so unglaublich gross und alt, dass ich es für durchaus möglich halte, dass sich anderswo auch komplexes oder sogar intelligentes Leben entwickelt hat.
Ich wäre allerdings vorsichtig mit der Vorstellung, dass es wie in unseren Science-Fiction-Filmen aussieht. Wir kennen bisher genau ein Beispiel für Leben: die Erde. Eine zweite, unabhängige Entdeckung würde unser Verständnis von Biologie, von unserem Platz im Universum und letztlich von uns selbst fundamental verändern.
Was würdest du bei einer Wette auf ausserirdisches Leben einsetzen?
Basil Honegger (hob), Jahrgang 1977, ist seit 2022 bei 20 Minuten als Mitglied der Chefredaktion und Leiter Video.
Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.
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