Nach der Knesset-Wahl: Das dritte Israel

Das Patt in der israelischen Parlamentswahl ist Ausdruck einer tiefen Spaltung. Doch es gäbe noch Allianzen, die Hoffnung machen.
Foto: Oded Balilty/ap
Es ist Mittwochmorgen, 8 Uhr, und ich gehe im Zentrum von Tel Aviv die Rothschild-Allee entlang in Richtung Habima-Platz, wo gestern Abend die Demokraten und andere Oppositionsparteien noch einen Sieg feierten. Nach vier Jahren der Finsternis hielten sie ihn für unvermeidlich. Doch nun, einige Stunden später, starren alle mit mürrischem Gesichtsausdruck auf ihr Handy. Die hoffnungsvolle Euphorie, die zuvor in der Luft lag, ist verflogen. Die Menschen wappnen sich für eine tiefe Enttäuschung.
In gewisser Weise war die Euphorie der vorherigen Nacht eine Form der Blindheit. In Wirklichkeit gibt es zwei getrennte, parallel existierende jüdische Israels. Das eine existiert in den Großstädten und den umliegenden Ortschaften, ist eher säkular, liberal und tolerant, glaubt an Rechtsstaatlichkeit und weitreichende demokratische Freiheiten.
Dieses Israel war entsetzt über den Angriff vom 7. Oktober – nicht nur über die Hamas, sondern auch über die völlige Gleichgültigkeit und Grausamkeit der Reaktion der Netanjahu-Regierung. Dieses Israel glaubt, dass das Land stark, aber gerecht sein muss, dass Gleichheit und allgemeiner Zugang zur Justiz herrschen sollten, dass es ein moderner, weltoffener Staat sein kann. Dieses Israel war entsetzt über Netanjahus Korruption, Grausamkeit sowie den Sadismus und die Dummheit seiner Koalitionspartner. Dieses Israel ist jüdisch, aber fest in der Demokratie verankert.
Ein anderes Israel lebt größtenteils in Gemeinden an der Peripherie, in abgelegenen Gebieten im Norden, Süden oder Zentrum sowie in Teilen Jerusalems, in Aschdod und in Städten und Siedlungen im Westjordanland. Es ist sehr religiös, konservativ, hat weitaus mehr Kinder und ist völlig abgeschottet vom demokratischen Diskurs. Dieses Israel kümmert sich nicht um Weltoffenheit, Modernität oder darum, ob die Regierung sich an internationale Normen hält.
Korrupte Parteivorsitzende
Es kümmert sich nicht um Gleichberechtigung oder Zugang zur Justiz. Es legt keinen Wert auf Bildung oder Toleranz. Es folgt blind den Anweisungen korrupter Parteivorsitzender, religiöser Führer und anderer, deren Interesse darin besteht, ihre Herde so unwissend wie möglich zu halten, sich selbst zu bereichern, Gebiete zu beanspruchen und an der Macht zu bleiben. Dieses Israel wählt die Parteien der Netanjahu-Koalition.
Diese beiden Israels begegnen sich fast nie. Aber manchmal kreuzen sich ihre Wege in öffentlichen Verkehrsmitteln: Als ich mit dem Zug von meinem Wohnort Lev Ha’ir in Tel Aviv nach Merkaz Hacarmel in Haifa fuhr – beides liberale Hochburgen –, waren die Züge voll mit Familien mit fünf oder mehr Kindern, religiös gekleidet, die zu ihren Häusern irgendwo weit entfernt von den kosmopolitischen Zentren fuhren. Ich sah sie, nahm sie aber nicht wirklich wahr. Während ich von der einen liberalen Blase in die nächste fuhr, war es mir unmöglich, nicht zu glauben, dass der Wandel vor der Tür steht.
Aber das andere Israel, von dem ich im Zug einen flüchtigen Eindruck bekam, ging fröhlich und pflichtbewusst zur Wahl, um für Netanjahus Koalition zu stimmen, und heute Morgen erwachten wir, die jüdischen Liberalen, in einer Realität mit fast 30 Sitzen für eine Partei, deren Vorsitzender höchstwahrscheinlich von dem Hamas-Angriff wusste und nichts unternahm; der den Krieg im Gazastreifen über das militärisch Notwendige hinaus verlängerte und ihn so brutal wie möglich gestaltete; und der sich mit Sadisten, Rassisten und Kriminellen verbündete und diese freudig in Spitzenpositionen der Regierung platzierte. Insgesamt über 50 Sitze, fast eine Mehrheit, für eine Regierung, die Israel in jeder erdenklichen Weise herabgewürdigt hat.
Und wir im ersten Israel, die wir uns in den Cafés der Städte trafen und auf den Plätzen Bier tranken, unseren unvermeidlichen Triumph über die Dunkelheit feierten, waren uns dessen nicht bewusst, wir haben es nicht einmal bemerkt – bis die Ergebnisse zeigten, dass dieses andere Israel existiert.
Doch dann gibt es noch ein drittes Israel. Das nichtjüdische, palästinensisch geprägte Israel, das ebenfalls in kleinen Städten im Norden und Süden oder in Städten weiter abseits des Zentrums lebt. Und diese Menschen sind diesmal wirklich zur Wahl erschienen und haben für Parteien wie Ra’am und die Vereinigte Liste gestimmt. Das hat uns ermutigt, das sind unsere Partner. Auch das dritte Israel sehnt sich verzweifelt nach einem Ende von Korruption, Rassismus und Gewalt. Aber wir haben das zweite nicht gesehen, das sich in aller Öffentlichkeit versteckte. Und genau dieses Israel – ungebildet, provinziell, religiös, militant, bereit, für den zu stimmen, den der Rabbiner vorschreibt, oder für den, der messianischer wirkt – wurde vielleicht trotz allem bestätigt.
Das Happy End wäre der Zusammenschluss des ersten und des dritten Israels. Der Ausschluss jener Regierung, die das zweite Israel herangezüchtet und weiter in Ignoranz, Fanatismus und eine völlige Missachtung des Ansehens Israels in der Welt getrieben hat. Doch dieses Israel wird nicht über Nacht verschwinden. Und wenn eine neue Regierung dem schrecklichen Einfluss der ehemaligen Koalition nicht entgegenwirkt, könnte es bald schwierig werden, es zu ignorieren.
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