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Tuesday, September 15, 2026

Roman «Junk» – In diesem Keller gräbt eine Frau nach sich selbst

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Es ist ein Schreckensszenario: Man sitzt der Ärztin gegenüber, die beim Blick in den Bildschirm die Stirn kraus zieht – und ihr Schweigen schliesslich mit einem lapidaren Satz bricht: «Wir sehen uns nächste Woche zur Befundbesprechung.»

So geschieht es der namenlosen Protagonistin in Ilona Hartmanns neuem Roman «Junk». Sie befürchtet das Schlimmste. Doch bis ihr eröffnet wird, ob sie tatsächlich bald sterben wird, muss sie sieben Tage warten. Lähmende Ungewissheit – aus dem Nichts ist sie ganz auf sich selbst zurückgeworfen und auf die Frage, was an ihrem Leben ihr eigentlich wichtig ist.

Rückzug statt Ausbruch

Der typische Impuls von Romanfiguren in solchen Momenten ist, sich sogleich zu einem «vielleicht letzten grossen Abenteuer» aufzumachen. Hartmanns Protagonistin tut das Gegenteil.

Person in gestreiftem Anzug vor Spiegel stehend.
Legende: Schriftstellerin Ilona Hartmann: Ihr Roman «Junk» ist ein Werk über Konsum und Identität. IMAGO / Funke Foto Services

Sie entscheidet sich für den totalen Rückzug zu sich selbst – und das heisst: zu ihrem Zeug. Sie zieht kurzerhand mit einem Feldbett in ihr Kellerabteil, wo alles lagert, was sich in ihrem bisherigen Leben angesammelt hat.

Woher all das Zeug – und wohin damit?

Ihre Idee ist zunächst, den «Junk» aus dem Romantitel von Dingen zu trennen, die man vielleicht noch weiterverkaufen kann. Falls sie tatsächlich sterben sollte, so ihre Überlegung, soll niemand mit dem Entrümpeln ihrer Ansammlungen behelligt werden.

Je tiefer sie sich wie eine Archäologin durch die Kisten ihres Lebens gräbt, desto mehr befällt sie der Selbstekel. Sie erkennt sich selbst als Hyperkonsumentin und schämt sich dafür, «schon immer so viel gebraucht zu haben. So viel Komfort, so viel Zeug, so viele Voraussetzungen, um überhaupt erst anzufangen, etwas zu erleben oder vielleicht auch nur zu überleben.»

«Müll» als Anker

Konsum aus Überforderung mit dem Leben: Dieses Motiv begleitet die Protagonistin auf Schritt und Tritt. Überall Konventionen, überall Widersprüchlichkeiten, alles sehr instabil: «Wir lebten unser Leben auf einer dünnen Schicht Milchhaut.» Wer zu fest auftritt, bricht ein – und die einzige Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten, sind für sie materielle Dinge.

Gleichzeitig dient der «Ramsch» der Protagonistin als Spiegel: Sie erinnert sich anhand der Sachen im Keller episodisch zurück an ihr Leben. Wie sich zeigt, war bereits ihre Kindheit geprägt von einem merkwürdigen Verhältnis zu Abfall.

Die Eltern der Protagonistin taten etwa alles, was nicht in deren bürgerliches Weltbild passte, kurzerhand als «Müll» ab – während sie und ihre Schwester sich regelmässig nachmittags davonstahlen, um sich bei der Fast-Food-Kette ihres Vertrauens mit Junkfood vollzustopfen.

So einfach ist es nicht

Ilona Hartmanns schlauer Roman entzieht sich einem billigen Fazit à la «im Leben sind Erfahrungen und Erinnerungen mehr wert als materielles Zeug». Stattdessen stösst die Autorin relevante Reflexionen über die Konsumgesellschaft an – und darüber, wie unsere Beziehungen zu uns selbst und anderen Menschen geprägt sind von unseren Vorstellungen von Besitz.

Dass daraus keine moralisierende, sondern eine äusserst unterhaltsame Lektüre geworden ist, ist Hartmanns grosses Verdienst: Sie erzählt temporeich mit einer beeindruckenden Mischung aus Schnoddrigkeit, Wut und Empathie – und traut sich zum Glück, viel an der Geschichte ihrer Protagonistin offen zu lassen. Klar ist zum Schluss vor allem eins: «Junk» ist dieses Buch ganz sicher nicht.

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