Privitelli war Nati-Trainer – und führte ein Möbelgeschäft

Neuer Thun-Coach überrascht
Privitelli war Nati-Trainer – und führte ein Möbelgeschäft
Mauro Lustrinelli führte den FC Thun zum Meistertitel und zog weiter in die Bundesliga. Sein Nachfolger Gian-Luca Privitelli muss nach einem grossen Umbruch eine neue Mannschaft formen. Privitelli über seine überraschende Rollhockeyvergangenheit – und seine Fehler kurz nach dem Amtsantritt.
Publiziert: 00:03 Uhr
Blick: Herr Privitelli, stimmt es, dass Sie einmal Nati-Trainer der Schweizer Rollhockeyaner waren?
Gian-Luca Privitelli: Ja, tatsächlich. 2016 habe ich bei der Nationalmannschaft ausgeholfen. Einer meiner besten Freunde spielt Rollhockey. Als die Nati einmal keinen Trainer hatte, sprang ich ein. Unvorstellbar, eigentlich.
Was haben Sie aus dieser Zeit für den Fussball mitgenommen?
Dass Leidenschaft nichts mit dem Status zu tun hat. Diese Rollhockeyspieler nehmen zwei Wochen Ferien, um an eine EM zu fahren. Aber ob sie Europameister oder Letzte werden: Geld verdienen sie damit keines. Trotzdem sind sie mit enormer Leidenschaft dabei.
Im Profisport hört man dagegen immer wieder von Menschen, denen die Freude abhandenkommt. Braucht es diese Leidenschaft manchmal als Erinnerung?
Ich würde mich hintersinnen, wenn mir die Freude abhandenkäme. Sie muss an erster Stelle stehen, wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen darf. Natürlich passieren Dinge, bei denen man denkt: Um Gottes willen! Aber grundsätzlich muss es für einen stimmig sein. Sonst sollte man sofort seinen Platz räumen und ihn jemandem geben, der davon träumt.
Seit zehn Jahren sind Sie nun vollberuflich im Fussball tätig. Was haben Sie davor gearbeitet?
Von 2004 bis 2016 habe ich mit einem Kollegen zusammen ein Möbelgeschäft geführt. Damals engagierte ich mich im Fussball vor allem am Feierabend.
Gian-Luca Privitelli persönlich
Der 48-jährige Italo-Schweizer wurde in Muri AG geboren und wohnt in Diessbach BE. Als 20-Jähriger spielte er für Solothurn kurz in der Nationalliga B. Seit diesem Sommer ist er Cheftrainer des FC Thun. Er folgt auf Meistertrainer Mauro Lustrinelli und hat einen Vertrag bis 2029. Für Privitelli ist es eine Rückkehr: Von 2018 bis 2021 arbeitete er bereits im Thuner Nachwuchs. Danach war er Ausbildungschef beim FC Basel und betreute dort interimistisch die U21. Zuletzt trainierte er die Schweizer U20-Nati. Abseits des Platzes findet der Vater zweier Töchter bei seiner Familie, beim Meditieren und beim Padel einen Ausgleich.
Der 48-jährige Italo-Schweizer wurde in Muri AG geboren und wohnt in Diessbach BE. Als 20-Jähriger spielte er für Solothurn kurz in der Nationalliga B. Seit diesem Sommer ist er Cheftrainer des FC Thun. Er folgt auf Meistertrainer Mauro Lustrinelli und hat einen Vertrag bis 2029. Für Privitelli ist es eine Rückkehr: Von 2018 bis 2021 arbeitete er bereits im Thuner Nachwuchs. Danach war er Ausbildungschef beim FC Basel und betreute dort interimistisch die U21. Zuletzt trainierte er die Schweizer U20-Nati. Abseits des Platzes findet der Vater zweier Töchter bei seiner Familie, beim Meditieren und beim Padel einen Ausgleich.
Welche Erfahrungen aus Ihren vorherigen Stationen helfen Ihnen heute am meisten?
Das gemeinsame Entwickeln. Ich komme nicht mit einer starren Idee und sage: «So wird es gemacht und nicht anders.» Der Prozess selbst ist das Entscheidende.
Diese Strategie braucht Zeit, und nicht jeder Verein hat gleich viel Geduld. Hätten Sie auch bei einem anderen Klub als Thun zugesagt?
Sehr wahrscheinlich nicht. Ich bin das Gegenteil eines Feuerwehrmanns. Ein halbes Jahr hier, drei Monate dort, schnell im Abstiegskampf helfen: Das ist nicht meine Welt. Ich bin am besten, wenn ich über ein paar Jahre etwas aufbauen oder weiterführen kann.
Wie weit sind Sie damit in Thun?
Der Weg ist eingeschlagen, aber bei der gemeinsamen Entwicklung stehen wir noch in der Anfangsphase.
Sie sollten den erfolgreichen Weg von Lustrinelli weiterführen. Stattdessen mussten Sie praktisch eine neue Mannschaft aufbauen. War Ihnen das beim Stellenantritt bewusst?
Mir war klar, dass uns fünf bis zehn wichtige Stützen verlassen werden. Dass es am Ende fast 15 Wechsel werden, ist sicher viel. Die Erfahrung der verbliebenen Meisterspieler hilft uns aber, weiterhin gross zu denken. Mit dem Titel hat die bisherige Geschichte einen Abschluss gefunden. Jetzt greifen wir neu an.
Welcher Abgang hat Sie am stärksten getroffen?
Der von Domi (Anm. d. Red.: der ehemalige Sportchef Dominik Albrecht). Er hat mich eingestellt. Damit, dass sich seine Rolle so schnell verändert, habe ich nicht gerechnet. Unter den Spielern: keiner. Das gehört zum Geschäft. Ich gönne es jedem, der hier viel investiert hat und einen nächsten Schritt machen kann.
Bei Ihrem Amtsantritt wollten Sie von Mauro Lustrinelli wissen, was er rückblickend anders gemacht hätte. Was hat er Ihnen geraten?
An seine genaue Antwort erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe dieselbe Frage aber auch meinem Staff gestellt. Dort kam von mehreren Seiten: Weniger ist mehr.
Konnten Sie das umsetzen?
Teils, teils. Ich wollte bei der Spielidee schon etwas zu früh tief ins Detail gehen. Ausserdem würde ich rückblickend die Zuständigkeiten früher und klarer abgrenzen. Wer ist wofür verantwortlich? Was kann ich abgeben? Mein Führungsstil, bei dem ich andere einbeziehe, hat dazu geführt, dass manchmal zu viele Meinungen eingeflossen sind.
Heisst das, Sie haben zu viele Leute mitentscheiden lassen?
Wenn man 0:7 verliert, brauchen Gedanken und Gefühle nun mal Platz. Aber es hat sicher Momente gegeben, in denen es mehr Effizienz gebraucht hätte. Mit einer klareren Trennung zwischen Aufarbeitung und strikter Spielvorbereitung hätte ich ein paar Stunden mehr Schlaf gehabt und der Staff ein wenig mehr Ruhe.
Was war bisher Ihr schwierigster Moment als Thun-Trainer?
Die Pause gegen Lech, beim Stand von 0:5. Da ruhig und sachlich zu bleiben und meinen Werten treu zu bleiben, war sehr anspruchsvoll. In die Kabine zu gehen und die richtigen Worte zu finden, war schwierig, aber eine wertvolle Erfahrung.
Und Ihr schönster Moment?
Dass wir uns für eine europäische Ligaphase qualifiziert haben. Ich war beim Auswärtsspiel in Reykjavík extrem nervös, und wir haben teilweise gelitten. Aber als es feststand, war die Freude riesig.
Nun startet bald die Conference League. Was möchten Sie dort erreichen?
In jedem Spiel das Mögliche herausholen. Wenn uns das gelingt, bin ich überzeugt, dass wir auch überwintern können.
Zum Schluss noch etwas Persönliches: Beim Thuner Aufstieg sind Sie mit Ihrer Tochter auf dem Rathausplatz mitgehüpft. Was sagen Ihre beiden Töchter heute, wenn ihr Vater beim FC Thun an der Seitenlinie steht?
Die Kleine ist fussballbegeistert, kommt mit und fiebert mit. Die Grosse ist der Gegenpol. Wenn wir verlieren, sagt sie: «Aber Papi, das ist doch nur ein Spiel.» Das hilft mir sehr. Wir haben das Glück, dieses Spiel jeden Tag spielen zu dürfen. Aber am Ende ist es ein Spiel. Daran erinnert sie mich.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Lugano | 9 | 20 | 25 | |
2 | BSC Young Boys | 9 | 13 | 19 | |
3 | FC Sion | 9 | 9 | 19 | |
4 | FC Basel | 9 | 0 | 13 | |
5 | FC St. Gallen | 9 | -3 | 13 | |
6 | FC Luzern | 9 | -1 | 12 | |
7 | FC Zürich | 9 | -6 | 11 | |
8 | Servette FC | 9 | -2 | 10 | |
9 | FC Thun | 9 | -8 | 10 | |
10 | Grasshopper Club Zürich | 9 | -11 | 8 | |
11 | FC Vaduz | 9 | -3 | 6 | |
12 | FC Lausanne-Sport | 9 | -8 | 6 |
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